Rudolph Chimelli
Das Abendland Arabiens
Picus, 2002
ISBN 3-85452-766-7
14.90 EUR
Picus Verlag (Wien)

Der Nahe Osten ist seit dem 11. September 2001 überall wieder ein Thema. Ob arabischer Nationalismus oder islamischer Fundamentalismus - die Menschen in Deutschland und in Europa interessieren sich für die Welt und die Kultur und die Religion jenseits des Mittelmeeres. Der Islam in all seinen Facetten - sei es sunnitisch traditionell, sei es schiitisch revolutionär, sei es sufisch mystisch - wird wahrgenommen, studiert, mal akzeptiert mal abgelehnt.

Der Maghreb - nah und doch so fern

Mit einem Wort: man will etwas über den nahen Osten wissen. Noch näher, im geographischen Sinn, ist der Maghreb: der Westen der arabischen, der islamischen Welt. Man zählt Marokko, Tunesien, Algerien, Libyen und Mauretanien - das allerdings mit Abstrichen - zum Maghreb. Marokko und Tunesien - diesen beiden Länder kennt man als Urlauber, Tunesien leider auch durch das Attentat von Djerba. Algerien ist dem einen oder anderen immer noch vertraut als das Land, das in einem ungewöhnlich blutigen Befreiungskrieg seine Unabhängigkeit von Frankreich erkämpfte und heute in einem schrecklichen Bürgerkrieg zwischen Militärs und Fundamentalisten versinkt.

Und Libyen - das ist das Land, in dem der unberechenbare Muammar al Qadhafi seit 1969 herrscht, ein Mann, dem engste Verbindungen zum internationalen Terrorismus - von Carlos über die IRA bis hin zu den Abu Sayyaf Rebellen nachgesagt werden oder wurden. Ein Mann, den man für verantwortlich für das abgeschossene amerikanische Passagierflugzeug über Lockerbie hält. Ein Mann, der mit seinem "Grünen Buch" versucht, eine grundlegende arabisch-islamische Antwort auf Sozialismus, Kommunismus, Christentum, Israel und Kapitalismus zu geben. Ein Mann, der Israel hasst und von einer großarabischen Union träumt. Und ein Mann, der sich in letzter Zeit doch etwas geändert hat.

Schonungslose Reportagen

Rudolf Chimelli, langgedienter Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Moskau, im Libanon und in Frankreich, bringt uns in seinen Reportagen "Das Abendland Arabiens", wie er den Maghreb nennt, näher, ja nah. In luziden Reportagen beschreibt er die Mächtigen und die Ohnmächtigen, die Kasbah und die Vorstädte, den neuen marokkanischen König Muhammad den Sechsten ebenso wie den politischen Irrwisch Muammar al Qadhafi. Er seziert die Ein-Mannherschaft Ben Alis in Tunesien, ohne zu verschweigen, wie gut es dem Land wirtschaftlich trotzdem geht, und den überaus schwierig zu begreifenden Kampf zwischen den fanatischen Integristen und dem Staat in Algerien.

Chimelli weist auf die hohe Geburtenrate ebenso hin wie auf den erschreckenden Analphabetismus. So hat allein Tunesien seine Bevölkerung in den letzten vier Jahrzehnten verdreifacht. Und Chimelli, der deutsche Korrespondent, der den Maghreb am besten kennt, der seit Jahrzehnten durch die vier Länder reist, der tunesische Weine ebenso kenntnisreich beurteilt wie den neuen König im Scherifenreich Marokko - er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er beschreibt ebenso genau wie schonungslos die Wirklichkeit der vier Länder.

Fazit: wer sich über den Maghreb informieren, wer Reportagen und Analysen in einem lesen will, der sollte Rudolf Chimelli lesen. Etwas besseres ist für den Normalleser zur Zeit nicht auf dem Markt.

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