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Tunesien in Trance
Im Halbfinale der Handball-WM
VON JÖRG HANAU (HAMMAMET)

Tunesien steht Kopf. Das kleine Land versinkt in einem Meer von Fahnen. Ausnahmezustand auf den Straßen. Die Menschen tanzen wie in Trance. Hupende Autos lärmen die ganze Nacht. "Ein Wunder", schreit ein Taxifahrer aus seiner gelben Karosse. Der Mann hat Tränen in den Augen. "Wir sind die Größten." Noch nicht ganz. Tunesien steht erst im Halbfinale der Handball-Weltmeisterschaft. "Verblüffend, phänomenal, bewundernswert, göttlich", titelt am Morgen nach dem 35:24-Sieg gegen Russland die angesehene französischsprachige Tageszeitung La Presse. Noch nie in der Geschichte der Handball-WM konnte eine afrikanische Mannschaft eine Medaille gewinnen. "Das wird sich ändern", sagt der sangesfrohe Chauffeur: "Silber wäre klasse, Bronze auch - nur Vierter, nein, das darf nicht sein".

Die tunesischen Handballer sind längst Nationalhelden. Ein Spieler wie Wissem Hmam besitzt nicht zuletzt wegen seiner bisher 61 WM-Tore Kultstatus. Der allein reicht freilich nicht, um am Sonntag im Finale zu stehen. 14 000 Zuschauer werden die ausverkaufte Arena von Radès heute Nachmittag (15 Uhr/live im DSF) in einen Hexenkessel verwandeln. Gegner werden die Spanier sein, die bei einer WM noch nie etwas gerissen haben. "Ein schwerer Brocken", sagt Tunesiens kroatischer Coach Sead Hasanefendic, der Mühe haben wird, seine emotionalisierten Spieler wieder einzufangen. "Wir werden versuchen, unsere Mission zu Ende zu bringen", sagt Hasanefendic. Respekt ist ihnen sicher. "Bei solch einem Turnier, in so einem Land, ist es verdammt schwer, gegen den Gastgeber spielen zu müssen", sagt Demetrio Lozano. "Aber wenn wir Weltmeister werden sollten", fügte der ehemalige Kieler an, "dann wird man in Spanien endlich über Handball reden und nicht immer nur über Fußball".

Sola hält Sieg für Kroatien fest

Um derlei Probleme weiß Vlado Sola in Kroatien nicht. Der blondierte Kult-Torwart kennt das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen. Er ist Olympiasieger und Weltmeister - und das Objekt der Begierde vornehmlich der weiblichen Handball-Fans, selbst in Tunesien. Nach den Spielen muss sich der 36 Jahre alte Torhüter wie ein Fotomodell vorkommen. "Dabei sehe ich nicht mal gut aus", sagt Sola, der binnen zweier Jahre, wie er selbst sagt, "von einer unbekannten Person zu einem Stern" geworden ist. Hier ein Foto mit Fatima, da ein Bildchen mit Jasmin. "Ich sehne mich nach Einsamkeit und Ruhe", sagt Sola und hat doch alles dafür getan, dass genau das Gegenteil eingetreten ist. Im entscheidenden Spiel gegen Serbien-Montenegro hielt er am Donnerstag in Nabeul Sekunden vor der Schlusssirene den 24:23-Sieg fest. Im Semifinale (17.30 Uhr/live im DSF) bekommt es der Titelverteidiger mit den zweimaligen Weltmeistern aus Frankreich zu tun. Die Grande Nation hat noch einmal all ihre alternden Stars in die ehemalige Kolonie entsandt. Allen voran Jackson Richardson, der Rasta-Handballer aus La Réunion, der sein Geld in Spanien verdient und mit seinen 35 Jahren noch immer zu den Besten seiner Zunft zählt.