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tahar ben jelloun:marrokanischer schriftsteller
#97303
12/02/2003 16:21
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Tahar Ben Jelloun wurde 1944 in Marokko geboren, lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb, wurde 1987 mit dem Prix Goncourt für seinen Roman Die Nacht der Unschuld ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm auf Deutsch der Roman Zina oder Die Nacht des Irrtums (1999) und Papa, was ist ein Fremder? (1999), ein Gespräch mit seiner Tochter, das ein internationaler Bestseller wurde.
Ben Jelloun, Tahar marokkan. französischsprachiger Schriftsteller * 21.12.1944 Fes Die Nacht der Unschuld, 1987 Die Romane und Gedichte von Tahar Ben Jelloun sind von einem metaphorischen Stil und einer poetischen Sprache geprägt, von Sinnlichkeit und einer bisweilen derben Körperlichkeit. Seine autobiografisch gefärbte Gedächtnisliteratur kreist um die Frage nach den historischen und kulturellen Wurzeln, nach dem Verhältnis zwischen marokkanisch-arabischen und französisch-europäischen Einflüssen. Zentrale Themen seines Werkes sind Emigration, bikulturelles Leben, Geschlechterrollen sowie die Korruption in seiner Heimat. Ben Jelloun, Sohn einer einfachen Tuchhändlerfamilie, besuchte das französische Gymnasium in Tanger. Unter dem Eindruck des algerischen Unabhängigkeitskriegs wandte er sich dem Marxismus zu und studierte Philosophie in Rabat. Nach drei Jahren Lehrtätigkeit und der Publikation seines ersten Gedichtbands (Hommes sous linceul de silence, 1971) emigrierte Ben Jelloun nach Paris und studierte Sozialpsychiatrie. Er arbeitete über die Situation maghrebinischer Immigranten, schrieb für die Zeitung Le Monde und leitete eine wöchentliche Radiosendung. Mit dem Prix Goncourt 1987 für seinen Roman Die Nacht der Unschuld wurde Ben Jelloun der auflagenstärkste Autor des französischsprachigen Maghreb. Während er bis Mitte der 1980er Jahre vorwiegend Lyrik und Theaterstücke publizierte, erscheinen seither vornehmlich Romane und Essays. Biografie: R. Spiller, Tahar Ben Jelloun - Schreiben zwischen den Kulturen, 2000.
Die Nacht der Unschuld. Roman.
Die Nacht der Unschuld OT La nuit sacréeOA 1987 DE 1988 Form Roman Epoche Moderne Die Nacht der Unschuld setzt den zwei Jahre zuvor veröffentlichten Roman Sohn ihres Vaters (1985) fort und variiert die darin aufgegriffenen Themen, etwa die Emanzipation der Frau, die Verletzungen der Kindheit, die Kraft der Träume, die Problematik des Erzählens und der Identitätsfindung, die Entdeckung der Sexualität sowie die soziale Gewalt. Inhalt: Zahra, die achte Tochter ihres Vaters, musste wie ein Sohn aufwachsen. Nach dem Tod ihres Vaters in der Nacht auf den 27. Tag des Ramadan, in der islamischen Nacht der Bestimmung, beginnt für Zahra ein neues Leben als Frau. Ihre Emanzipation stellt sich als eine Serie sexueller Abenteuer dar, die dezent beginnt und in enthemmter Leidenschaft endet. Mit einem Blinden entdeckt Zahra schließlich die Weite ihrer Sinnlichkeit und Sexualität, doch wird das Glück von einem Gefängnisaufenthalt unterbrochen. Wieder in Freiheit, findet Zahra ihren Geliebten im Süden des Landes wieder, wo er wie ein Heiliger verehrt wird. Stil: Der Roman wird aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur als Rückblick auf ihr Leben erzählt. In die Handlung mischen sich Traumszenen, die manchmal klar als solche gekennzeichnet sind, manchmal mit der erzählten Wirklichkeit verschwimmen. Eine erotische Begegnung im Dampfbad lässt sich zum Beispiel weder der Traumebene noch der Haupthandlung eindeutig zuordnen. Diese erzählerische Mehrdeutigkeit ist typisch für die Literatur von Ben Jelloun, die auch von stilistischen Verschachtelungen und zeitlichen Verschiebungen geprägt ist. Der Autor hebt die realistische Erzählweise nach dem Muster orientalischer Märchen, der fantastischen Literatur und einer assoziativen Schreibweise auf. Seine Vorbilder sind James R Joyce, Jorge Luis R Borges und Friedrich R Nietzsche, dessen Vernunftkritik im französischen Originaltitel von Die Nacht der Unschuld anklingt. Zugleich erweist sich Ben Jelloun als Meister des Selbstzitats, der »Réécriture« und Intertextualität, indem er eigene und fremde Texte collagiert, wiederholt und verfremdet. Wirkung: Die Nacht der Unschuld löste eine heftige Diskussion darüber aus, ob sich die weibliche Hauptfigur tatsächlich emanzipiert, ob sie ihre sexuelle Befreiung aktiv erlebt oder nur weiter in den patriarchalen Klischees von der sexuellen Verfügbarkeit von Frauen verharrt. Gleichwohl wurde die Emanzipation nicht nur aus diesem Aspekt heraus erörtert, sondern auch als Beispiel für die Unterdrückung des marokkanischen Volks durch Frankreich im Einzelnen und des Maghreb im Ganzen gesehen: Die Nacht der Unschuld wurde als politische Parabel gelesen, die die Etappen der Entkolonisierung umschreibt. Die Verleihung des renommiertesten französischen Literaturpreises, des Prix Goncourt, an Ben Jelloun für seinen Roman Die Nacht der Unschuld steigerte erheblich den Marktwert der maghrebinischen Literatur französischer Sprache und führte zu einer verspäteten Anerkennung marokkanischer und vor allem algerischer Autoren, deren Werke im Folgenden in ganz Europa zunehmend Beachtung fanden. Die Preisverleihung 1987 setzte zudem ein politisches Signal, da sie zu Zeiten heftiger Auseinandersetzungen zwischen Franzosen und Einwanderern aus dem Maghreb erfolgte. M. L.
Kurzbeschreibung Zahra, die achte Tochter ihres Vaters, musste wie ein Sohn aufwachsen. Nach dem Tod ihres Vaters in der Nacht auf den 27. Tag des Ramadan, in der islamischen Nacht der Bestimmung, beginnt für Zahra ein neues Leben als Frau. Ihre Emanzipation stellt sich als eine Serie sexueller Abenteuer dar, die dezent beginnt und in enthemmter Leidenschaft endet. Mit einem Blinden entdeckt Zahra schliesslich die Weite ihrer Sinnlichkeit und Sexualität, doch wird das Glück von einem Gefängnisaufenthalt unterbrochen. Wieder in Freiheit, findet Zahra ihren Geliebten im Süden des Landes wieder, wo er wie ein Heiliger verehrt wird. Stil: Der Roman wird aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur als Rückblick auf ihr Leben erzählt. In die Handlung mischen sich Traumszenen, die manchmal klar als solche gekennzeichnet sind, manchmal mit der erzählten Wirklichkeit verschwimmen. Eine erotische Begegnung im Dampfbad lässt sich zum Beispiel weder der Traumebene noch der Haupthandlung eindeutig zuordnen. Diese erzählerische Mehrdeutigkeit ist typisch für die Literatur von Ben Jelloun, die auch von stilistischen Verschachtelungen und zeitlichen Verschiebungen geprägt ist. Der Autor hebt die realistische Erzählweise nach dem Muster orientalischer Märchen, der fantastischen Literatur und einer assoziativen Schreibweise auf. Seine Vorbilder sind James R Joyce, Jorge Luis R Borges und Friedrich R Nietzsche, dessen Vernunftkritik im französischen Originaltitel von Die Nacht der Unschuld anklingt. Zugleich erweist sich Ben Jelloun als Meister des Selbstzitats, der >>Réécriture<< und Intertextualität, indem er eigene und fremde Texte collagiert, wiederholt und verfremdet.
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Re: tahar ben jelloun:marrokanischer schriftsteller
#97304
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Papa, was ist der Islam? Gespräch mit meinen Kindern
Der Terroranschlag fundamentalistischer Terroristen auf das World Trade Center am 11. September 2001 hat vor allem die Kinder mit ängstlichen Fragen zurückgelassen: Muss man sich vor Anhängern des Islams grundsätzlich fürchten? Nach seinem Bestseller Papa, was ist ein Fremder? -- einem fiktiven Dialog mit seiner Tochter -- hat sich der französisch-marrokanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun deshalb der Erklärung der jüngsten monotheistischen Weltreligion verschrieben. Er erläutert auf sehr anschauliche Art und Weise ihre Ursprünge und illustriert im Umfeld das mentalitätsgeschichtliche und philosophische Fundament -- vor allem auch in Abgrenzung zu den verstörenden Ereignissen im September. Auch sonst bewegt sich der Autor stets auf aktuellem Terrain und macht unter anderem die Bezüge zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern deutlich. So entsteht ein breit angelegtes und kompetent einführendes Bild der islamischen Welt -- und damit ein Text, der Kindern helfen kann, wieder einen toleranteren Blick auf das als bedrohlich empfundene Fremde zu erlangen.
Im Grunde hat Tahar Ben Jelloun mit der Dialogform seines Buchs genau den richtigen Zugang zur schwierigen Thematik gewählt -- auch wenn kritisch anzumerken bleibt, dass man über weite Strecken das Gefühl bekommt, hier würden sich nicht Vater und Kinder, sondern nur Erwachsene miteinander unterhalten. Dass ein kleines Mädchen etwa von einer "bösartigen" statt einer "bösen" Religion spricht, ist eher unwahrscheinlich; und Aufforderungen wie "Erkläre mir das Wort 'Scheinheilige'" klingen etwas zu altklug für ein Kind. Außerdem werden manche Begriffe (Ramadan etc.) nicht genau genug eingeführt. Und dennoch war dieses Buch schon lange überfällig. Auch der Versuch, "die Geschichte der Religion wie ein Märchen [zu] erzählen", ist überaus gelungen. So ist Papa, was ist der Islam? ein Buch geworden, dass man unumwunden empfehlen kann. --Stefan Kellerer
Kurzbeschreibung Unter dem Schock der Bilder vom Attentat in New York fragen Ben Jellouns Kinder ihren Vater, ob sie Muslime sind, und sie sind voller Unruhe, ob man ihnen an der Schule ihre Religionszugehörigkeit vorwerfen könnte. Um sie zu beruhigen, erklärt der Autor ihnen, was der Islam ist. Er beginnt mit der Geschichte des Propheten Mohammed, seiner Kindheit in Arabien, seinem Erwachsenenleben bis zur Offenbarung durch den Erzengel Gabriel. Er erzählt von den Schwierigkeiten Mohammeds, seine Umgebung zu überzeugen, den Verfolgungen und seinem schliesslichen Triumph. Mit dem Tod des Propheten setzt die Ausbreitung des Islam und die muselmanische Eroberung Ägyptens, Syriens, Mesopotamiens und Persiens ein. Er erzählt von den drei Jahrhunderten, in denen sich die arabisch-islamische Zivilisation auf ihrem Höhepunkt befand, zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert, und er gibt Beispiele ihres Beitrags zur universellen Kultur: in Medizin, Astronomie, Philosophie, Physik, Mathematik, Architektur und Literatur. Und er erzählt von der Epoche der kulturellen Symbiose zwischen Juden und Arabern in Andalusien, der Inquisition und Vertreibung von Juden und Muselmanen (1492) und vom Verfall der arabischen Welt, von Kolonisierung und Niedergang bis zur heutigen Situation. "Ich erzähle all das und beziehe mich dabei soweit wie möglich auf meine persönliche Erfahrung, mein Leben im Islam." Am Ende des Buches unterbreiten die Kinder einen Katalog von Begriffen, die der Autor erklärt und kommentiert (Fundamentalismus, Fatwa, Dschihad, Toleranz, Taliban, Märtyrer etc.). Das Buch hat die Form eines fiktiven Dialogs mit Kindern.
Mit gesenktem Blick
Der Roman erz„hlt die Geschichte eines marokkanischen Berberm„dchens aus einem kleinen Dorf im Hohen Atlas. Kniza lebt dort in sehr „rmlichen Verh„ltnissen, bis ihr Vater sie eines Tages zu sich nach Paris holt, wo er Arbeit gefunden hat. Sie beginnt nun in einer v÷llig fremden Welt ein neues Leben, immer hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen.
Papa, sag was ist ein Fremder?
Papa, sag was ist ein Fremder? Diese naive Frage seiner zehnjährigen Tochter war der Zündfunken für den heute in Frankreich lebenden marokkanischen Schriftsteller Tahar Ben Jelloun. Auf der Suche nach der richtigen Antwort entwickelt sich ein Gespräch zwischen Vater und Tochter, das rasch von Ausländern, Fremde über Vorurteile bis zu Rassismus und Genozid führt.
Wie aktuell das Thema ist, läßt sich an den kriegerischen Auseinandersetzungen im Kosovo ablesen. Wer hätte gedacht, daß am Ende des 20. Jahrhunderts immer noch "ethnische Säuberungen" und Massaker an Menschen vorherrschende Themen sein werden?
Tahar Ben Jelloun geht sensibel mit Begriffen wie zum Beispiel Antisemitismus um. Er versucht seiner Tochter zu erklären, was sich dahinter verbirgt, auch wenn es für das Mädchen mitunter schwer nachzuvollziehen ist, wie engstirnig Menschen denken können. "Fremdenhaß entsteht aus dreierlei Gründen: aus Angst, aus Unwissenheit und aus Dummheit."
Es ist ein wichtiges Anliegen des Buches, den Blick kleiner Kinder zu weiten und ihnen ein Beispiel an Toleranz vorzuleben, denn Tahar Ben Jelloun weiß als Marokkaner in Frankreich genau, wovon er spricht. "Die Fremden fordern ja nicht, daß wir sie lieben, sondern daß wir ihre menschliche Würde achten. Jemanden achten bedeutet, sein Anderssein anzuerkennen und darauf Rücksicht zu nehmen."
Kein Wunder, daß das feinfühlige Gespräch mit den klar verständlichen Erläuterungen zwischenzeitlich in Frankreichs Schulen zur Pflichtlektüre gehört, denn es bietet zum einen interessierten Schülern eine Menge Antworten und den Lehrern eine fundierte Diskussionsgrundlage. --Manuela Haselberger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung Bundesaußenminister Otto Schily und seine Tochter, die Schauspielerin Jenny Schily, lesen aus dem Buch "Papa, was ist ein Fremder?", das der in Paris lebende Autor Tahar Ben Jelloun als Dialog mit seiner Tochter Meriem über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geschrieben hat. Ben Jelloun erklärt in einfachen Worten die Bedeutung von Kolonialismus, Diskriminierung, Getto, Apartheid, Antisemitismus oder Völkermord. Entstanden ist ein kindgerechtes Plädoyer gegen Hass und für die Achtung vor dem anderen, für das Ben Jelloun mit dem europäischen Preis der Künstler für den Frieden und den Global Tolerance Award der UNO ausgezeichnet wurde. (ab 8 Jahre)
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Re: tahar ben jelloun:marrokanischer schriftsteller
#97305
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Das Schweigen des Lichts
Die Rache der Majestät
Zwei Berichte aus dem Kerker von Tazmamart
Dem unglücklichen Damiens, der 1757 einen Anschlag auf Ludwig XV. versucht hatte, setzten die Folterknechte auf eine Weise zu, dass noch das knappe Protokoll kaum erträglich zu lesen ist. Hassan II., der im Juli 1999 verstorbene König von Marokko, verzichtete auf Klemmbretter, Zangen, kochendes Öl und derlei Grobheiten, um das lèse-majesté eines Trupps von Offizierskadetten zu ahnden, die man als weitgehend ahnungslose Vorhut für einen Putschversuch eingespannt hatte. Dennoch ist nicht ohne weiteres auszumachen, was schwerer wiegen würde in der Bilanz des Leidens: die unerhörten, aber befristeten Qualen, die Damiens erlitt, oder die endlose, in hundert peinvolle Facetten gebrochene Tortur von Tazmamart.
Tazmamart: Das war der für die am Überfall auf den königlichen Palast von Skhirat beteiligten Jungoffiziere bestimmte Kerker; ihren ranghöheren Anführern wurde die Gnade einer sofortigen Exekution zuteil. Gnade: Denn Tazmamart war ein «Grab, so eingerichtet . . . dass der Körper alle nur vorstellbaren Leiden erlitt, auf die möglichst langsamste Weise, und sich gleichzeitig am Leben erhielt, um noch länger leiden zu können». Eingerichtet? Die schlichte Perfidie von Tazmamart bestand vielmehr in – nichts, der fast völligen Absenz der Dinge. Im Fehlen von Licht, abgesehen von einem trüben Widerschein, der tagsüber gelegentlich vom Korridor her durch die engen Luftlöcher filterte. In mangelnder Frischluftzufuhr für Zellen, in denen Männer hockten, die während 18 Jahren keinen Waschzuber und keine Dusche sahen und ihre Notdurft über viel zu engen, immer wieder überquellenden Löchern im Boden verrichten mussten. In der Nacktheit des aus Zement aufgegossenen Blocks, der als Sitz- und Liegestatt diente, jeden Knochen der abgemagerten Leiber schmerzhaft zu Bewusstsein brachte und in den Wintermonaten – die im Atlasgebirge jeder mediterranen Milde entbehren – die feuchte Eiseskälte unbarmherzig speicherte. In der weitgehenden Absenz von Nährwert und Geschmack, welche die ewiggleiche Hungerration von hartem Brot, ohne Salz gekochten Kichererbsen oder in lauem Wasser schwimmenden Nudeln auszeichnete. Auf dem Papier liest sich das relativ leicht; auf den Körper geschrieben – etwa den eines jahrelang fast völlig paralysierten Gefangenen –, sieht es folgendermassen aus:
Lghalou hatte sich in einen verrottenden Haufen aus Blut, Schweiss, Urin und Unrat verwandelt. Sein Körper war auf unvorstellbare Weise geschrumpft, er sah aus wie ein Bub von acht oder neun Jahren, schauderhaft aufgeputzt mit einem halb schon weissen Bart, der ihm über die vorstehenden Rippen hing. Als Ghalloul und ich ihn zu entkleiden versuchten, löste sich das Fleisch gleich mit ab, so dass stellenweise die Knochen sichtbar wurden.
Literaturfähig ist derlei nicht; und ein entsprechend grosser Unterschied besteht zwischen Ahmed Marzoukis «Tazmamart, Cellule 10», dem weitgehend authentischen Bericht, dem dieses Zeugnis entnommen ist, und Tahar Ben Jellouns Tazmamart-Roman «Cette aveuglante absence de lumière», der nun unter dem Titel «Das Schweigen des Lichts» auf Deutsch erschienen ist. Doch lohnt sich der Vergleich der beiden Bücher – wobei auch noch der mittlerweile vergriffene Gefängnisbericht von Ali Bourequat, «Dix-huit ans de solitude», beigezogen werden kann – nicht nur im Blick darauf, welche Funken die Kunst des Schriftstellers aus der finsteren Materie schlägt. Marzoukis Bericht darf mehr als nur dokumentarischen Wert beanspruchen; die behutsame Geburtshilfe, die der Journalist Ignace Dalle beim Entstehen des Buches leistete, lässt Raum für die Stimme eines nicht ungeschickten, aber unprofessionellen Erzählers, der gerade durch seine manchmal etwas linkische Sorgfalt berührt.
Auch Tahar Ben Jelloun gründete seinen Roman – wie in einem hässlichen Streit weitherum publik wurde – auf Auskünfte eines ehemaligen Häftlings von Tazmamart. Unterleutnant Aziz Binebine, der Informant des Schriftstellers, hätte sich laut eigener Aussage zunächst mit 10 Prozent des Autorenhonorars zufriedengeben sollen. Das war zu wenig für achtzehn qualvolle Jahre; Binebine wehrte sich mit Erfolg, auch wenn er anderseits öffentlich die Leistung Ben Jellouns anerkannte: «Er hat in dem Buch eine spirituelle Entwicklung entworfen, die im Innersten die seine ist.»
Damit benennt Binebine den Grundzug einer Erzählung, zu der Tazmamart nur mehr den – allerdings lastenden und noch verengten – Rahmen bildet: Bei Ben Jelloun sind die kleinen Zellen auch noch zu niedrig, um aufrechtes Stehen zu erlauben, und völlig lichtlos. Nicht aber, dass sich der Schriftsteller völlig aus der dokumentierten Realität lösen würde – obwohl er manchmal eine den anderen Zeugnissen diametral entgegengesetzte Richtung einschlägt. Etwa wenn Salim, sein fiktionaler Ich-Erzähler, gleich zu Beginn der Haft die eigenen Erinnerungen Stück für Stück in Bilder bannt und zu nichts zerstarrt, um nicht an ihnen zugrunde zu gehen; während dagegen Ali Bourequat berichtet, wie er zusammen mit seinen ebenfalls inhaftierten Brüdern Abend für Abend imaginäre Bummeleien durch Paris unternahm und sich an phantastischen Menuplänen sättigte – begleitet von den gebannt lauschenden Mitgefangenen: «Es waren diese Erinnerungen, die uns Tazmamart überleben halfen.»
Freilich nähern sich Roman und Erlebnisbericht einander rasch wieder an, wenn Ben Jellouns Protagonist seinen Mithäftlingen auf ganz ähnliche Art Überlebenshilfe leistet: Belesen und phantasiebegabt, erzählt er ihnen in der endlosen Nacht von Tazmamart Romane, Filmhandlungen, erfundene Geschichten – nicht, wie Scheherazade, um den eigenen Kopf zu retten, sondern um die Finsternis wenigstens zeitweise aus den Seelen der Gefährten zu vertreiben. Dabei können Fiktion und Wirklichkeit unheimlich kollidieren: Wenn Salim Buñuels «Würgeengel» in marokkanische Verhältnisse übersetzt, fühlt man sich direkt in die reale, doch fast grotesk anmutende Szenerie des Attentats auf Hassan II. versetzt, wie sie Marzouki schildert. Der Anschlag, der während einer Festlichkeit im Königspalast von Skhirat durchgeführt wurde, geriet zu einem wüsten, grellen Gemetzel auf gepflegtem Golfrasen, wobei einige Kadetten nicht die Gäste, sondern die immensen Buffets unter Feuer nahmen – aus schierem Zorn über die obszöne Häufung von Delikatessen, die sie und ihresgleichen ihrer Lebtag nie würden kosten dürfen.
Der Weg, den Ben Jellouns Protagonist für sich allein wählt, führt dagegen in die Stille; führt aus dem finsteren Hohlraum der Zelle zu ihrem kompakten Gegenbild: dem Schwarzen Stein in der Kaaba zu Mekka. Ihn im Geist zu erreichen, ist ein rares und wunderbares Privileg: So fand ich mich nachts allein in der verlassenen Kaaba vor dem Schwarzen Stein wieder. Ich näherte mich vorsichtig und streichelte ihn. Ich hatte das Gefühl, um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt worden zu sein und mich gleichzeitig in einer lichten Zukunft zu befinden. Ich verbrachte die Nacht in der Kaaba bis zum ersten Gebet im Morgengrauen. Die Leute verrichteten ihre Waschungen, beteten und sahen mich nicht. Ich war durchsichtig. Nur mein Geist war dort. Eine solche Freiheit konnte es nicht oft geben. Ich durfte sie nicht missbrauchen. Ich musste zurück . . .
Das ist keine Flucht in fromme Schöngeistigkeit. Gebet, Meditation und gemeinsame Koranrezitation gehörten zum Tagesplan von Tazmamart, wie wir ihn in Marzoukis Aufzeichnungen skizziert finden; zu dem fragilen Gerüst, das etwas in den ausgemergelten, verkrümmten Leibern aufrecht hielt, ihnen die Kraft gab, den noch schlimmer zugerichteten Kameraden beizustehen. Ohne diese Energie hätte das Nichts von Tazmamart sein Werk getan, hätten Finsternis und Schweigen gesiegt: Ohne sie hätte es keine Überlebenden gegeben.
Angela Schader
Kurzbeschreibung Tahar Ben Jelloun wurde 1944 in Marokko geboren, lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb, wurde 1987 mit dem Prix Goncourt für seinen Roman Die Nacht der Unschuld ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm auf Deutsch der Roman Zina oder Die Nacht des Irrtums (1999) und Papa, was ist ein Fremder? (1999), ein Gespräch mit seiner Tochter, das ein internationaler Bestseller wurde.
Ben Jellouns Roman basiert auf dem Zeugnis eines Überlebenden von Tazmamart. Dieses geheime Straflager im Mittleren Atlas von Marokko war 1973 eigens für die Teilnehmer an dem gescheiterten Putsch gegen Hassan II. am 10. Juli 1971 konstruiert worden. 1991 wurde das Lager auf internationalen Druck geschlossen, planiert und mit Palmen bepflanzt.
Ein Mann erzählt. Er heißt Salim und hat am gescheiterten Putschversuch gegen König Hassan II. teilgenommen. Er war zwanzig, Soldat und seinen Offizieren blind gefolgt. Er wurde interniert im geheimen Straflager Tazmamart, im Süden Marokkos, verurteilt zu einem langsamen Sterben in Kälte, Schmutz und Angst. Im Gefängnis herrscht ewige Nacht, kein Licht dringt in die fensterlosen, unterirdisch gelegenen, nur 1,50 m hohen Zellen. Die einzige Vergünstigung bringt der Tod eines Mithäftlings, dann dürfen die Gefangenen ans Tageslicht, um ihn zu beerdigen, und vielleicht erhaschen sie ein Stück Kleidung des Toten gegen die Kälte. Um zu überleben, lernt Salim, sich von den Bildern seiner Vergangenheit zu befreien wie von seinen Gefühlen, der Sehnsucht nach der Familie oder dem Hass auf die Wärter - denn Gefühle schwächen sein Abwehrsystem. Und wie Scheherazade hält er sich und die andern am Leben, erzählt seine "Tausendundeine Nacht", wenn er Romane von Balzac oder Camus rezitiert, und wenn sein literarisches Gedächtnis versiegt, memoriert er die Filme, die er als Jugendlicher in Marrakesch sah. Die Wörter sind der einzige Widerstand gegen das tödliche, allumfassende Schweigen. "Das härteste, unerträglichste Schweigen aber war das des Lichts." Dieser große Roman über die Bewahrung von Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen steht neben den großen literarischen Zeugnissen einer "Welt ohne Erbarmen", neben Primo Levi oder Gustaw Herling.
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Re: tahar ben jelloun:marrokanischer schriftsteller
#97306
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Der Spiegel (09.05.1988 Nr. 19)
"Ich war das Leben, die Lust, die Begierde"
Es begab sich im Laufe jener geheiligten Nacht, der 27. des Monats Ramadan, jener Nacht, in der das Buch der moslemischen Gemeinschaft 'herabgesandt' worden war und die Geschicke der Wesen sich besiegeln, daß mein sterbender Vater mich an sein Bett rief und mich befreite."
Wunderbar, wie in den Fabeln orientalischer Märchenerzähler, die von alters her auf dem Marktplatz im Schatten der Moscheen ihre Zuhörer verzaubern, ist die fremde, magische, mythische Welt des französisch schreibenden Marokkaners Tahar Ben Jelloun. Doch es ist auch eine bizarre Welt des Grauens, der nächtlichen Traumbilder und höllischen Schimären, der Delirien und Obsessionen, eine Welt der Unterdrückung, der gedemütigten und geschändeten Weiblichkeit unter der Männerallmacht des Islam.
Ben Jelloun, 1944 geboren in Fez, Mitarbeiter der Pariser Tageszeitung "Le Monde" und Autor einer soziologischen Studie über "das emotionale und sexuelle Elend nordafrikanischer Immigranten" in Frankreich, hat neben Gedichtbänden sieben Romane veröffentlicht, so das 1986 im Rotbuch Verlag auch auf deutsch publizierte Werk "Sohn ihres Vaters", das von einem fürchterlichen Patriarchen aus dem Maghreb erzählt.
Sieben Kinder weiblichen Geschlechts, berichtet der Verfasser, zeugte der reiche Kaufmann Hadsch Ahmed Suleiman. Sein achter Sproß aber soll zur Tilgung aller väterlichen Schmach endlich ein männlicher Erbe sein, "auch wenn es ein Mädchen ist": ein "kleiner Prinz" mit Penis und Hoden. Und so wächst denn die jüngste Tochter vor den Augen der Familie, der Verwandten, der Nachbarschaft in Lug und Trug als Knabe Ahmed heran, ein androgynes Geschöpf, das erst in der Pubertät allmählich seine ihm gewaltsam vorenthaltene Natur, seine wahre Sexualität zu entdecken beginnt.
Im Roman "Die Nacht der Unschuld", für die er im vergangenen Herbst als erster Literat im frankophonen Afrika den Prix Goncourt in Empfang nahm, spinnt Ben Jelloun die arabeske Geschichte fort. 20 Jahre zählt das Mädchen Ahmed, als der unumschränkte Gebieter ihres Schicksals dahingerafft wird, als sie das Totengebet spricht "mit innerer Freude und kaum verhohlenem Vergnügen" und ihre Geburt erlebt als Zahra, "Blume der Blumen".
Ein junger Scheich, genau "wie in den alten Märchen", entführt sie auf einer weißen Stute durch Traumlandschaften in einen "duftenden Garten" zum Quell des Vergessens. Heimatlos, auf der "Flucht der freigelassenen Sklavin", "zum Abenteuer entschlossen", sucht sie fortan ihren Weg durch die Fährnisse einer "haltlosen Männergesellschaft" - "glücklich, verrückt, ganz neu, verfügbar": "Ich war das Leben, die Lust, die Begierde, ich war der Wind im Wasser, ich war das Wasser in der Erde."
Auf Wanderschaft, abseits der großen Straßen, gibt sie sich zum erstenmal einem Mann hin, einem Verfolger bei einbrechender Nacht. "Lob sei Gott, der machte, daß des Mannes unendliche Lust im warmen Leib des Weibes liegt", so preist der Fremde den Allmächtigen, bevor er sein williges Opfer zu Boden reißt, und als "einen Dolch, der im Finstern den Rücken streichelt", erduldet Zahra die erste körperliche Vereinigung in ihrem Dasein, als "einen sandigen Geschmack in meinem Mund, weil ich mehr als einmal in die Erde biß", "es mißfiel mir nicht".
Später findet sie Einlaß ins gespenstische Haus eines blinden Koranlehrers und seiner fetten und häßlichen Schwester, einer verrufenen Kupplerin, "pervers und monströs", die ihn eifersüchtig bewacht und umsorgt, die ihm dient als "Auge seiner Begierde", wenn er zu den käuflichen Frauen geht, ihm selbst auch im Dampfbad mit massierenden Händen sein Bedürfnis befriedigt, unter "schmachtenden Schreien, Röcheln" - ein "zweideutiges", ein "teuflisches Paar", Schatten gleich, "die einer alten, von den Auswürfen einer geschundenen Seele geschwärzten Nacht entsprungen waren".
Und dennoch wird der blinde "Konsul" ihr die erste Lust und die Erfüllung ihres Lebens schenken, "ein Mann, dessen Augen in den Fingerspitzen lagen und dessen langsame und sanfte Bewegungen mein Bild neu zusammensetzten" - bis dann die Schwester, voller Haß auf alle Welt, in ihrer "Wut eines verwundeten Tieres" dem Glück ein katastrophales Ende bereitet und Zahra zu einem Mord hinreißt.
Erfolglos verteidigt von einer Anwältin, "die ein schönes Plädoyer über die Lage der Frau in einem mohammedanischen Land hielt", büßt sie Jahr für Jahr ihre Schuld im Gefängnis, mit verbundenen Augen, um "Zugang zur Welt der Blinden" zu finden, und steigt hinab in die Abgründe der Hölle, umgeben von "eisigem Schweigen und Angstgeruch", heimgesucht von Foltervisionen, von grausigen Gestalten, die ihr weibliches Geschlecht verstümmeln.
Zum Schluß jedoch, in die Freiheit entlassen, nimmt sie den Omnibus, der nach Süden fährt, einem Ort schon jenseits der Realität entgegen, wo sie sich wieder mit ihrem Konsul vereint, und sie erkennt, "daß zwischen Leben und Tod nur eine sehr dünne Schicht aus Nebel oder Finsternis ist, daß die Lüge zwischen der Wirklichkeit und dem Schein Fäden spinnt, da die Zeit nur eine Illusion unserer Ängste ist".
Erfüllt von Furcht und Schrecken, Haß und Wahnsinn ist Ben Jellouns metaphorische Geschichte aus einer antiquiert anmutenden Welt, durchweht von Korangesängen und begründet "auf der Heuchelei und den Mythen einer fehlgeleiteten, ihres Geistes entleerten Religion". Aber es ist auch, so fremd aller westlich-modernen Räson und Logik, eine Geschichte der märchenhaften Begebenheiten, der Träume etwa von einer menschlichen Bibliothek, in der "zehn schöne Frauen, alle als Scheherazade verkleidet, jeweils einen Teil aus Tausendundeiner Nacht erzählen".
Als Romanautor, bekannte unlängst Tahar Ben Jelloun, sei er skrupellos polygam: "Mein Weib ist arabisch, französisch meine Mätresse, und ich betrüge sie beide." Doch seine Erzählkunst, geschliffen im Geist der französischen Sprache, genährt von der bilderträchtigpoetischen Sensualität des Orients, zeugt eher von einer glückhaften Kohabitation.
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Re: tahar ben jelloun:marrokanischer schriftsteller
#97307
12/02/2003 16:32
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Sohn ihres Vaters. Roman.
Rezensentin/Rezensent: aus Frankfurt am Main "Sohn ihres Vaters" beschreibt das Leben der siebten Tochter eines älteren Mannes, der sich verzweifelt einen Sohn als Erben und Nachfolger in Familie und Geschäft wünscht. Weil sich der gewünschte Sohn nicht einstellen will, erklärt er die Tochter zum Jungen.
Der Sohn Ahmed (das Mädchen) fügt sich in sein Schicksal und sieht auch die Vorteile für sich: Er kann über seine Schwestern und seine Mutter herrschen, das Geschäft des Vaters weiterführen, hat Ansehen und Macht und muß sich nicht verschleiern.
In der Pubertät wird's etwas schwierig, weil Ahmed ja nichts mit Mädchen anfangen kann und erst recht nichts mit Jungen. Im Laufe der Zeit wird Ahmed immer frustrierten und einsamer.
Er zieht sich in sein Zimmer zurück, tyrannisiert Mutter und Schwestern, läßt nur noch die Magd ins Zimmer und zeigt sich nicht mehr öffentlich - weil er sich äußerlich mehr und mehr zur Frau entwickelt - und auch entwickeln will.
Ahmed führt ein Tagebuch und unterhält einen lebhaften Briefwechsel mit einem Unbekannten. Der Leser erhält Einblicke in diese persönlichen Aufzeichnungen und kann sich daher sehr gut in Ahmed hineinversetzen.
Soweit klingt alles noch sehr folgerichtig und übersichtlich. Die Geschichte ist jedoch sehr verzwickt und vielschichtig aufgebaut.
Ahmed erzählt seine Geschichte weder selbst, noch erzählt sie ein über den Dingen stehender, alles wissender Autor.
Ein alter Erzähler auf dem Bazar von Marrakesch beginnt mit der Geschichte, wird aber nach einiger Zeit unterbrochen von einem Mann, der behauptet, verwandt zu sein mit Ahmeds Frau (ja, er hat auch geheiratet!). Die angeblichen Tagebücher Ahmeds seien gefälscht, er habe die richtigen, und die Geschichte wäre ganz anders verlaufen. Und dann erzählt er seine Version...
Später übernimmt der ursprüngliche Erzähler wieder, stirbt aber, bevor die Geschichte beendet ist. Er wird verbrannt, angeblich mitsamt der Tagebücher.
Über das fehlende Ende sinnieren drei alte Leute im Teehaus und beschließen, die Geschichte selbst weiterzuspinnen. Die beiden Männer erfinden etwas, die alte Frau hingegen eröffnet den beiden, daß sie selbst früher Ahmed gewesen sei. Sie beginnt mit ihrer Geschichte, aber noch bevor sie fertig ist, betritt ein Mann aus Argentinien das Teehaus und erzählt, daß eine Frau mit ungewöhnlich tiefer, fast männlicher Stimme ihn in Argentinien besucht hätte. Eine Frau aus Marokko, die ihm die merkwürdige Geschichte ihres Lebens erzählt hätte...
Bis zum Schluß erfährt der Leser nicht, wie der Verlauf der Geschichte eigentlich wirklich war. Aber was soll's? Es ist ja keine wahre Begebenheit, es ist ja wirklich "nur" eine Geschichte, und es ist doch schön, wenn sich jeder das Ende aussuchen darf, das ihm paßt. Oder?
Wir sind es gewohnt, daß eine Geschichte nur ein eindeutiges Ende hat. Mich hat es total genervt, immer wieder in eine neue Richtung denken zu müssen und immer wieder aus dem Handlungsstrang herausgerissen und in einen neuen "versetzt" zu werden.
Aber letzten Endes ist diese Erzählweise ideal, um dem Leser folgende beiden Botschaften zu vermitteln:
- Jeder, dessen Leben zwangsweise in den falschen Bahnen verläuft, reagiert darauf anders. Es ist eine Frage der persönlichen Stärke und des Charakters, ob man aus der Situation ausbricht, sich darin widerwillig fügt, oder gar das Beste daraus macht. Viele denkbare Möglichkeiten werden in diesem Roman nacheinander dargestellt.
- Eine Frau kann ihr Leben genausogut meistern wie ein Mann, kann herrschen und dirigieren, kann Geschäfte abschließen usw. In einer Gesellschaftsform, wie sie in Marokko herrscht (konservativer Islam), werden die Frauen jedoch unterdrückt, was zu katastrophalen Folgen für die Einzelne führt (nicht nur Ahmed, auch seine Schwestern und seine Mutter leiden) und letzten Endes auch den Männern schadet (Ahmeds Vater leidet sehr unter der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung wegen seiner "Unfähigkeit", einen Sohn zu zeugen.)
In diesem Roman steckt viel Rätselhaftes drin, das es wert wäre, interpretiert zu werden. Es eignet sich meines Erachtens hervorragend als Unterrichtsmaterial für den Deutschunterricht. Es nebenbei zur Entspannung zu lesen, ist mir ein bißchen zu anstrengend.
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