Der Spiegel (09.05.1988 Nr. 19)

"Ich war das Leben, die Lust, die Begierde"

Es begab sich im Laufe jener geheiligten Nacht, der 27. des Monats Ramadan, jener Nacht, in der das Buch der moslemischen Gemeinschaft 'herabgesandt' worden war und die Geschicke der Wesen sich besiegeln, daß mein sterbender Vater mich an sein Bett rief und mich befreite."

Wunderbar, wie in den Fabeln orientalischer Märchenerzähler, die von alters her auf dem Marktplatz im Schatten der Moscheen ihre Zuhörer verzaubern, ist die fremde, magische, mythische Welt des französisch schreibenden Marokkaners Tahar Ben Jelloun. Doch es ist auch eine bizarre Welt des Grauens, der nächtlichen Traumbilder und höllischen Schimären, der Delirien und Obsessionen, eine Welt der Unterdrückung, der gedemütigten und geschändeten Weiblichkeit unter der Männerallmacht des Islam.

Ben Jelloun, 1944 geboren in Fez, Mitarbeiter der Pariser Tageszeitung "Le Monde" und Autor einer soziologischen Studie über "das emotionale und sexuelle Elend nordafrikanischer Immigranten" in Frankreich, hat neben Gedichtbänden sieben Romane veröffentlicht, so das 1986 im Rotbuch Verlag auch auf deutsch publizierte Werk "Sohn ihres Vaters", das von einem fürchterlichen Patriarchen aus dem Maghreb erzählt.

Sieben Kinder weiblichen Geschlechts, berichtet der Verfasser, zeugte der reiche Kaufmann Hadsch Ahmed Suleiman. Sein achter Sproß aber soll zur Tilgung aller väterlichen Schmach endlich ein männlicher Erbe sein, "auch wenn es ein Mädchen ist": ein "kleiner Prinz" mit Penis und Hoden. Und so wächst denn die jüngste Tochter vor den Augen der Familie, der Verwandten, der Nachbarschaft in Lug und Trug als Knabe Ahmed heran, ein androgynes Geschöpf, das erst in der Pubertät allmählich seine ihm gewaltsam vorenthaltene Natur, seine wahre Sexualität zu entdecken beginnt.

Im Roman "Die Nacht der Unschuld", für die er im vergangenen Herbst als erster Literat im frankophonen Afrika den Prix Goncourt in Empfang nahm, spinnt Ben Jelloun die arabeske Geschichte fort. 20 Jahre zählt das Mädchen Ahmed, als der unumschränkte Gebieter ihres Schicksals dahingerafft wird, als sie das Totengebet spricht "mit innerer Freude und kaum verhohlenem Vergnügen" und ihre Geburt erlebt als Zahra, "Blume der Blumen".

Ein junger Scheich, genau "wie in den alten Märchen", entführt sie auf einer weißen Stute durch Traumlandschaften in einen "duftenden Garten" zum Quell des Vergessens. Heimatlos, auf der "Flucht der freigelassenen Sklavin", "zum Abenteuer entschlossen", sucht sie fortan ihren Weg durch die Fährnisse einer "haltlosen Männergesellschaft" - "glücklich, verrückt, ganz neu, verfügbar": "Ich war das Leben, die Lust, die Begierde, ich war der Wind im Wasser, ich war das Wasser in der Erde."

Auf Wanderschaft, abseits der großen Straßen, gibt sie sich zum erstenmal einem Mann hin, einem Verfolger bei einbrechender Nacht. "Lob sei Gott, der machte, daß des Mannes unendliche Lust im warmen Leib des Weibes liegt", so preist der Fremde den Allmächtigen, bevor er sein williges Opfer zu Boden reißt, und als "einen Dolch, der im Finstern den Rücken streichelt", erduldet Zahra die erste körperliche Vereinigung in ihrem Dasein, als "einen sandigen Geschmack in meinem Mund, weil ich mehr als einmal in die Erde biß", "es mißfiel mir nicht".

Später findet sie Einlaß ins gespenstische Haus eines blinden Koranlehrers und seiner fetten und häßlichen Schwester, einer verrufenen Kupplerin, "pervers und monströs", die ihn eifersüchtig bewacht und umsorgt, die ihm dient als "Auge seiner Begierde", wenn er zu den käuflichen Frauen geht, ihm selbst auch im Dampfbad mit massierenden Händen sein Bedürfnis befriedigt, unter "schmachtenden Schreien, Röcheln" - ein "zweideutiges", ein "teuflisches Paar", Schatten gleich, "die einer alten, von den Auswürfen einer geschundenen Seele geschwärzten Nacht entsprungen waren".

Und dennoch wird der blinde "Konsul" ihr die erste Lust und die Erfüllung ihres Lebens schenken, "ein Mann, dessen Augen in den Fingerspitzen lagen und dessen langsame und sanfte Bewegungen mein Bild neu zusammensetzten" - bis dann die Schwester, voller Haß auf alle Welt, in ihrer "Wut eines verwundeten Tieres" dem Glück ein katastrophales Ende bereitet und Zahra zu einem Mord hinreißt.

Erfolglos verteidigt von einer Anwältin, "die ein schönes Plädoyer über die Lage der Frau in einem mohammedanischen Land hielt", büßt sie Jahr für Jahr ihre Schuld im Gefängnis, mit verbundenen Augen, um "Zugang zur Welt der Blinden" zu finden, und steigt hinab in die Abgründe der Hölle, umgeben von "eisigem Schweigen und Angstgeruch", heimgesucht von Foltervisionen, von grausigen Gestalten, die ihr weibliches Geschlecht verstümmeln.

Zum Schluß jedoch, in die Freiheit entlassen, nimmt sie den Omnibus, der nach Süden fährt, einem Ort schon jenseits der Realität entgegen, wo sie sich wieder mit ihrem Konsul vereint, und sie erkennt, "daß zwischen Leben und Tod nur eine sehr dünne Schicht aus Nebel oder Finsternis ist, daß die Lüge zwischen der Wirklichkeit und dem Schein Fäden spinnt, da die Zeit nur eine Illusion unserer Ängste ist".

Erfüllt von Furcht und Schrecken, Haß und Wahnsinn ist Ben Jellouns metaphorische Geschichte aus einer antiquiert anmutenden Welt, durchweht von Korangesängen und begründet "auf der Heuchelei und den Mythen einer fehlgeleiteten, ihres Geistes entleerten Religion". Aber es ist auch, so fremd aller westlich-modernen Räson und Logik, eine Geschichte der märchenhaften Begebenheiten, der Träume etwa von einer menschlichen Bibliothek, in der "zehn schöne Frauen, alle als Scheherazade verkleidet, jeweils einen Teil aus Tausendundeiner Nacht erzählen".

Als Romanautor, bekannte unlängst Tahar Ben Jelloun, sei er skrupellos polygam: "Mein Weib ist arabisch, französisch meine Mätresse, und ich betrüge sie beide." Doch seine Erzählkunst, geschliffen im Geist der französischen Sprache, genährt von der bilderträchtigpoetischen Sensualität des Orients, zeugt eher von einer glückhaften Kohabitation.