Das Schweigen des Lichts
Die Rache der Majestät
Zwei Berichte aus dem Kerker von Tazmamart
Dem unglücklichen Damiens, der 1757 einen Anschlag auf Ludwig XV. versucht hatte, setzten die Folterknechte auf eine Weise zu, dass noch das knappe Protokoll kaum erträglich zu lesen ist. Hassan II., der im Juli 1999 verstorbene König von Marokko, verzichtete auf Klemmbretter, Zangen, kochendes Öl und derlei Grobheiten, um das lèse-majesté eines Trupps von Offizierskadetten zu ahnden, die man als weitgehend ahnungslose Vorhut für einen Putschversuch eingespannt hatte. Dennoch ist nicht ohne weiteres auszumachen, was schwerer wiegen würde in der Bilanz des Leidens: die unerhörten, aber befristeten Qualen, die Damiens erlitt, oder die endlose, in hundert peinvolle Facetten gebrochene Tortur von Tazmamart.
Tazmamart: Das war der für die am Überfall auf den königlichen Palast von Skhirat beteiligten Jungoffiziere bestimmte Kerker; ihren ranghöheren Anführern wurde die Gnade einer sofortigen Exekution zuteil. Gnade: Denn Tazmamart war ein «Grab, so eingerichtet . . . dass der Körper alle nur vorstellbaren Leiden erlitt, auf die möglichst langsamste Weise, und sich gleichzeitig am Leben erhielt, um noch länger leiden zu können». Eingerichtet? Die schlichte Perfidie von Tazmamart bestand vielmehr in – nichts, der fast völligen Absenz der Dinge. Im Fehlen von Licht, abgesehen von einem trüben Widerschein, der tagsüber gelegentlich vom Korridor her durch die engen Luftlöcher filterte. In mangelnder Frischluftzufuhr für Zellen, in denen Männer hockten, die während 18 Jahren keinen Waschzuber und keine Dusche sahen und ihre Notdurft über viel zu engen, immer wieder überquellenden Löchern im Boden verrichten mussten. In der Nacktheit des aus Zement aufgegossenen Blocks, der als Sitz- und Liegestatt diente, jeden Knochen der abgemagerten Leiber schmerzhaft zu Bewusstsein brachte und in den Wintermonaten – die im Atlasgebirge jeder mediterranen Milde entbehren – die feuchte Eiseskälte unbarmherzig speicherte. In der weitgehenden Absenz von Nährwert und Geschmack, welche die ewiggleiche Hungerration von hartem Brot, ohne Salz gekochten Kichererbsen oder in lauem Wasser schwimmenden Nudeln auszeichnete. Auf dem Papier liest sich das relativ leicht; auf den Körper geschrieben – etwa den eines jahrelang fast völlig paralysierten Gefangenen –, sieht es folgendermassen aus:
Lghalou hatte sich in einen verrottenden Haufen aus Blut, Schweiss, Urin und Unrat verwandelt. Sein Körper war auf unvorstellbare Weise geschrumpft, er sah aus wie ein Bub von acht oder neun Jahren, schauderhaft aufgeputzt mit einem halb schon weissen Bart, der ihm über die vorstehenden Rippen hing. Als Ghalloul und ich ihn zu entkleiden versuchten, löste sich das Fleisch gleich mit ab, so dass stellenweise die Knochen sichtbar wurden.
Literaturfähig ist derlei nicht; und ein entsprechend grosser Unterschied besteht zwischen Ahmed Marzoukis «Tazmamart, Cellule 10», dem weitgehend authentischen Bericht, dem dieses Zeugnis entnommen ist, und Tahar Ben Jellouns Tazmamart-Roman «Cette aveuglante absence de lumière», der nun unter dem Titel «Das Schweigen des Lichts» auf Deutsch erschienen ist. Doch lohnt sich der Vergleich der beiden Bücher – wobei auch noch der mittlerweile vergriffene Gefängnisbericht von Ali Bourequat, «Dix-huit ans de solitude», beigezogen werden kann – nicht nur im Blick darauf, welche Funken die Kunst des Schriftstellers aus der finsteren Materie schlägt. Marzoukis Bericht darf mehr als nur dokumentarischen Wert beanspruchen; die behutsame Geburtshilfe, die der Journalist Ignace Dalle beim Entstehen des Buches leistete, lässt Raum für die Stimme eines nicht ungeschickten, aber unprofessionellen Erzählers, der gerade durch seine manchmal etwas linkische Sorgfalt berührt.
Auch Tahar Ben Jelloun gründete seinen Roman – wie in einem hässlichen Streit weitherum publik wurde – auf Auskünfte eines ehemaligen Häftlings von Tazmamart. Unterleutnant Aziz Binebine, der Informant des Schriftstellers, hätte sich laut eigener Aussage zunächst mit 10 Prozent des Autorenhonorars zufriedengeben sollen. Das war zu wenig für achtzehn qualvolle Jahre; Binebine wehrte sich mit Erfolg, auch wenn er anderseits öffentlich die Leistung Ben Jellouns anerkannte: «Er hat in dem Buch eine spirituelle Entwicklung entworfen, die im Innersten die seine ist.»
Damit benennt Binebine den Grundzug einer Erzählung, zu der Tazmamart nur mehr den – allerdings lastenden und noch verengten – Rahmen bildet: Bei Ben Jelloun sind die kleinen Zellen auch noch zu niedrig, um aufrechtes Stehen zu erlauben, und völlig lichtlos. Nicht aber, dass sich der Schriftsteller völlig aus der dokumentierten Realität lösen würde – obwohl er manchmal eine den anderen Zeugnissen diametral entgegengesetzte Richtung einschlägt. Etwa wenn Salim, sein fiktionaler Ich-Erzähler, gleich zu Beginn der Haft die eigenen Erinnerungen Stück für Stück in Bilder bannt und zu nichts zerstarrt, um nicht an ihnen zugrunde zu gehen; während dagegen Ali Bourequat berichtet, wie er zusammen mit seinen ebenfalls inhaftierten Brüdern Abend für Abend imaginäre Bummeleien durch Paris unternahm und sich an phantastischen Menuplänen sättigte – begleitet von den gebannt lauschenden Mitgefangenen: «Es waren diese Erinnerungen, die uns Tazmamart überleben halfen.»
Freilich nähern sich Roman und Erlebnisbericht einander rasch wieder an, wenn Ben Jellouns Protagonist seinen Mithäftlingen auf ganz ähnliche Art Überlebenshilfe leistet: Belesen und phantasiebegabt, erzählt er ihnen in der endlosen Nacht von Tazmamart Romane, Filmhandlungen, erfundene Geschichten – nicht, wie Scheherazade, um den eigenen Kopf zu retten, sondern um die Finsternis wenigstens zeitweise aus den Seelen der Gefährten zu vertreiben. Dabei können Fiktion und Wirklichkeit unheimlich kollidieren: Wenn Salim Buñuels «Würgeengel» in marokkanische Verhältnisse übersetzt, fühlt man sich direkt in die reale, doch fast grotesk anmutende Szenerie des Attentats auf Hassan II. versetzt, wie sie Marzouki schildert. Der Anschlag, der während einer Festlichkeit im Königspalast von Skhirat durchgeführt wurde, geriet zu einem wüsten, grellen Gemetzel auf gepflegtem Golfrasen, wobei einige Kadetten nicht die Gäste, sondern die immensen Buffets unter Feuer nahmen – aus schierem Zorn über die obszöne Häufung von Delikatessen, die sie und ihresgleichen ihrer Lebtag nie würden kosten dürfen.
Der Weg, den Ben Jellouns Protagonist für sich allein wählt, führt dagegen in die Stille; führt aus dem finsteren Hohlraum der Zelle zu ihrem kompakten Gegenbild: dem Schwarzen Stein in der Kaaba zu Mekka. Ihn im Geist zu erreichen, ist ein rares und wunderbares Privileg: So fand ich mich nachts allein in der verlassenen Kaaba vor dem Schwarzen Stein wieder. Ich näherte mich vorsichtig und streichelte ihn. Ich hatte das Gefühl, um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt worden zu sein und mich gleichzeitig in einer lichten Zukunft zu befinden. Ich verbrachte die Nacht in der Kaaba bis zum ersten Gebet im Morgengrauen. Die Leute verrichteten ihre Waschungen, beteten und sahen mich nicht. Ich war durchsichtig. Nur mein Geist war dort. Eine solche Freiheit konnte es nicht oft geben. Ich durfte sie nicht missbrauchen. Ich musste zurück . . .
Das ist keine Flucht in fromme Schöngeistigkeit. Gebet, Meditation und gemeinsame Koranrezitation gehörten zum Tagesplan von Tazmamart, wie wir ihn in Marzoukis Aufzeichnungen skizziert finden; zu dem fragilen Gerüst, das etwas in den ausgemergelten, verkrümmten Leibern aufrecht hielt, ihnen die Kraft gab, den noch schlimmer zugerichteten Kameraden beizustehen. Ohne diese Energie hätte das Nichts von Tazmamart sein Werk getan, hätten Finsternis und Schweigen gesiegt: Ohne sie hätte es keine Überlebenden gegeben.
Angela Schader
Kurzbeschreibung
Tahar Ben Jelloun wurde 1944 in Marokko geboren, lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb, wurde 1987 mit dem Prix Goncourt für seinen Roman Die Nacht der Unschuld ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm auf Deutsch der Roman Zina oder Die Nacht des Irrtums (1999) und Papa, was ist ein Fremder? (1999), ein Gespräch mit seiner Tochter, das ein internationaler Bestseller wurde.
Ben Jellouns Roman basiert auf dem Zeugnis eines Überlebenden von Tazmamart. Dieses geheime Straflager im Mittleren Atlas von Marokko war 1973 eigens für die Teilnehmer an dem gescheiterten Putsch gegen Hassan II. am 10. Juli 1971 konstruiert worden. 1991 wurde das Lager auf internationalen Druck geschlossen, planiert und mit Palmen bepflanzt.
Ein Mann erzählt. Er heißt Salim und hat am gescheiterten Putschversuch gegen König Hassan II. teilgenommen. Er war zwanzig, Soldat und seinen Offizieren blind gefolgt. Er wurde interniert im geheimen Straflager Tazmamart, im Süden Marokkos, verurteilt zu einem langsamen Sterben in Kälte, Schmutz und Angst. Im Gefängnis herrscht ewige Nacht, kein Licht dringt in die fensterlosen, unterirdisch gelegenen, nur 1,50 m hohen Zellen. Die einzige Vergünstigung bringt der Tod eines Mithäftlings, dann dürfen die Gefangenen ans Tageslicht, um ihn zu beerdigen, und vielleicht erhaschen sie ein Stück Kleidung des Toten gegen die Kälte. Um zu überleben, lernt Salim, sich von den Bildern seiner Vergangenheit zu befreien wie von seinen Gefühlen, der Sehnsucht nach der Familie oder dem Hass auf die Wärter - denn Gefühle schwächen sein Abwehrsystem. Und wie Scheherazade hält er sich und die andern am Leben, erzählt seine "Tausendundeine Nacht", wenn er Romane von Balzac oder Camus rezitiert, und wenn sein literarisches Gedächtnis versiegt, memoriert er die Filme, die er als Jugendlicher in Marrakesch sah. Die Wörter sind der einzige Widerstand gegen das tödliche, allumfassende Schweigen. "Das härteste, unerträglichste Schweigen aber war das des Lichts." Dieser große Roman über die Bewahrung von Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen steht neben den großen literarischen Zeugnissen einer "Welt ohne Erbarmen", neben Primo Levi oder Gustaw Herling.