Tahar Ben Jelloun wurde 1944 in Marokko geboren, lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb, wurde 1987 mit dem Prix Goncourt für seinen Roman Die Nacht der Unschuld ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm auf Deutsch der Roman Zina oder Die Nacht des Irrtums (1999) und Papa, was ist ein Fremder? (1999), ein Gespräch mit seiner Tochter, das ein internationaler Bestseller wurde.
Ben Jelloun, Tahar marokkan. französischsprachiger Schriftsteller * 21.12.1944 Fes Die Nacht der Unschuld, 1987 Die Romane und Gedichte von Tahar Ben Jelloun sind von einem metaphorischen Stil und einer poetischen Sprache geprägt, von Sinnlichkeit und einer bisweilen derben Körperlichkeit. Seine autobiografisch gefärbte Gedächtnisliteratur kreist um die Frage nach den historischen und kulturellen Wurzeln, nach dem Verhältnis zwischen marokkanisch-arabischen und französisch-europäischen Einflüssen. Zentrale Themen seines Werkes sind Emigration, bikulturelles Leben, Geschlechterrollen sowie die Korruption in seiner Heimat. Ben Jelloun, Sohn einer einfachen Tuchhändlerfamilie, besuchte das französische Gymnasium in Tanger. Unter dem Eindruck des algerischen Unabhängigkeitskriegs wandte er sich dem Marxismus zu und studierte Philosophie in Rabat. Nach drei Jahren Lehrtätigkeit und der Publikation seines ersten Gedichtbands (Hommes sous linceul de silence, 1971) emigrierte Ben Jelloun nach Paris und studierte Sozialpsychiatrie. Er arbeitete über die Situation maghrebinischer Immigranten, schrieb für die Zeitung Le Monde und leitete eine wöchentliche Radiosendung. Mit dem Prix Goncourt 1987 für seinen Roman Die Nacht der Unschuld wurde Ben Jelloun der auflagenstärkste Autor des französischsprachigen Maghreb. Während er bis Mitte der 1980er Jahre vorwiegend Lyrik und Theaterstücke publizierte, erscheinen seither vornehmlich Romane und Essays. Biografie: R. Spiller, Tahar Ben Jelloun - Schreiben zwischen den Kulturen, 2000.
Die Nacht der Unschuld. Roman.
Die Nacht der Unschuld
OT La nuit sacréeOA 1987 DE 1988 Form Roman Epoche Moderne
Die Nacht der Unschuld setzt den zwei Jahre zuvor veröffentlichten Roman Sohn ihres Vaters (1985) fort und variiert die darin aufgegriffenen Themen, etwa die Emanzipation der Frau, die Verletzungen der Kindheit, die Kraft der Träume, die Problematik des Erzählens und der Identitätsfindung, die Entdeckung der Sexualität sowie die soziale Gewalt.
Inhalt: Zahra, die achte Tochter ihres Vaters, musste wie ein Sohn aufwachsen. Nach dem Tod ihres Vaters in der Nacht auf den 27. Tag des Ramadan, in der islamischen Nacht der Bestimmung, beginnt für Zahra ein neues Leben als Frau. Ihre Emanzipation stellt sich als eine Serie sexueller Abenteuer dar, die dezent beginnt und in enthemmter Leidenschaft endet. Mit einem Blinden entdeckt Zahra schließlich die Weite ihrer Sinnlichkeit und Sexualität, doch wird das Glück von einem Gefängnisaufenthalt unterbrochen. Wieder in Freiheit, findet Zahra ihren Geliebten im Süden des Landes wieder, wo er wie ein Heiliger verehrt wird.
Stil: Der Roman wird aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur als Rückblick auf ihr Leben erzählt. In die Handlung mischen sich Traumszenen, die manchmal klar als solche gekennzeichnet sind, manchmal mit der erzählten Wirklichkeit verschwimmen. Eine erotische Begegnung im Dampfbad lässt sich zum Beispiel weder der Traumebene noch der Haupthandlung eindeutig zuordnen.
Diese erzählerische Mehrdeutigkeit ist typisch für die Literatur von Ben Jelloun, die auch von stilistischen Verschachtelungen und zeitlichen Verschiebungen geprägt ist. Der Autor hebt die realistische Erzählweise nach dem Muster orientalischer Märchen, der fantastischen Literatur und einer assoziativen Schreibweise auf. Seine Vorbilder sind James R Joyce, Jorge Luis R Borges und Friedrich R Nietzsche, dessen Vernunftkritik im französischen Originaltitel von Die Nacht der Unschuld anklingt. Zugleich erweist sich Ben Jelloun als Meister des Selbstzitats, der »Réécriture« und Intertextualität, indem er eigene und fremde Texte collagiert, wiederholt und verfremdet.
Wirkung: Die Nacht der Unschuld löste eine heftige Diskussion darüber aus, ob sich die weibliche Hauptfigur tatsächlich emanzipiert, ob sie ihre sexuelle Befreiung aktiv erlebt oder nur weiter in den patriarchalen Klischees von der sexuellen Verfügbarkeit von Frauen verharrt. Gleichwohl wurde die Emanzipation nicht nur aus diesem Aspekt heraus erörtert, sondern auch als Beispiel für die Unterdrückung des marokkanischen Volks durch Frankreich im Einzelnen und des Maghreb im Ganzen gesehen: Die Nacht der Unschuld wurde als politische Parabel gelesen, die die Etappen der Entkolonisierung umschreibt.
Die Verleihung des renommiertesten französischen Literaturpreises, des Prix Goncourt, an Ben Jelloun für seinen Roman Die Nacht der Unschuld steigerte erheblich den Marktwert der maghrebinischen Literatur französischer Sprache und führte zu einer verspäteten Anerkennung marokkanischer und vor allem algerischer Autoren, deren Werke im Folgenden in ganz Europa zunehmend Beachtung fanden. Die Preisverleihung 1987 setzte zudem ein politisches Signal, da sie zu Zeiten heftiger Auseinandersetzungen zwischen Franzosen und Einwanderern aus dem Maghreb erfolgte. M. L.
Kurzbeschreibung
Zahra, die achte Tochter ihres Vaters, musste wie ein Sohn aufwachsen. Nach dem Tod ihres Vaters in der Nacht auf den 27. Tag des Ramadan, in der islamischen Nacht der Bestimmung, beginnt für Zahra ein neues Leben als Frau. Ihre Emanzipation stellt sich als eine Serie sexueller Abenteuer dar, die dezent beginnt und in enthemmter Leidenschaft endet. Mit einem Blinden entdeckt Zahra schliesslich die Weite ihrer Sinnlichkeit und Sexualität, doch wird das Glück von einem Gefängnisaufenthalt unterbrochen. Wieder in Freiheit, findet Zahra ihren Geliebten im Süden des Landes wieder, wo er wie ein Heiliger verehrt wird. Stil: Der Roman wird aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur als Rückblick auf ihr Leben erzählt. In die Handlung mischen sich Traumszenen, die manchmal klar als solche gekennzeichnet sind, manchmal mit der erzählten Wirklichkeit verschwimmen. Eine erotische Begegnung im Dampfbad lässt sich zum Beispiel weder der Traumebene noch der Haupthandlung eindeutig zuordnen. Diese erzählerische Mehrdeutigkeit ist typisch für die Literatur von Ben Jelloun, die auch von stilistischen Verschachtelungen und zeitlichen Verschiebungen geprägt ist. Der Autor hebt die realistische Erzählweise nach dem Muster orientalischer Märchen, der fantastischen Literatur und einer assoziativen Schreibweise auf. Seine Vorbilder sind James R Joyce, Jorge Luis R Borges und Friedrich R Nietzsche, dessen Vernunftkritik im französischen Originaltitel von Die Nacht der Unschuld anklingt. Zugleich erweist sich Ben Jelloun als Meister des Selbstzitats, der >>Réécriture<< und Intertextualität, indem er eigene und fremde Texte collagiert, wiederholt und verfremdet.