Mittwoch, 30.10.2002
Finanzgericht Köln
1998-09-21
15 K 2138/98
Rechtsbereich/Normen: Steuerrecht
Einstellung in die Datenbank: 2000-01-10
Bearbeitet von: Martina Seipelt
Quelle: DPA

Keine Steuervergünstigung für Deutschkurs

Besucht ein ausländischer Arbeitnehmer einen Deutschkurs oder kauft sich zum Sprachstudium einen Computer, so handelt es sich dabei nicht um Werbungskosten die er von der Steuer absetzen kann.

Denn nach Ansicht des Finanzgericht Köln kommt beides dem Arbeitnehmer auch im Privatleben zugute. Eine rein oder überwiegend berufliche Veranlassung der Kosten sei demnach nicht gegeben und das Gesetz sehe in einem solchen Fall ein Abzugsverbot als Werbungskosten vor.

© 2002 WDR Köln
21.8.2002

DIE ZEIT

Politik 30/2002

Staatsangehörigkeit: "deutchs"

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Mangelnde Sprachkenntnisse, Selbstghettoisierung, Ausgrenzung: Die Bildungskatastrophe der ausländischen Schulkinder

von Martin Spiewak

"Gerett..., Gretig..., Grecht..." Mit der Gerechtigkeit ist das so eine Sache. Hakan rutscht auf dem Stuhl hin und her, nestelt mit den Händen am Blatt, von dem er den Begriff ablesen soll. "Gerett..., Gretig..., Grecht..." Auch mit beträchtlichem Körpereinsatz bekommt der elfjährige Junge das Wort nicht in den Griff. Als hätte er es noch nie gehört. "Trägheit" liest sich einfacher. Doch was bedeutet das Wort? "Irgendetwas mit Medikament", meint ein Schüler. "Das kommt von tragen", weiß ein anderer. "Wenn man stur ist", sagt schließlich ein Mädchen. Die Lehrerin nickt aufmunternd. Da scheint ein vages Wissen aufzuscheinen.

Vokabeln lernen wie in einer Fremdsprache. Dabei stammen fast alle Schüler des Deutschförderkurses an der Mont-Cenis-Schule aus Deutschland. Es sind Kinder aus dem Herner Stadtteil Sodingen. Hier sind sie geboren, aufgewachsen und eingeschult worden. Geholfen hat es wenig. Die deutsche Sprache, die Sprache des Unterrichts, ist vielen Jungen und Mädchen der fünften Klasse fremd geblieben.

Für Jugendliche mit ausländischem Hintergrund geriet die Pisa-Studie zu einem Dokument des Versagens. Rund die Hälfte der 15-Jährigen aus Einwandererfamilien versteht nur simpelste Texte - einige von ihnen nicht einmal das. Durchschnittliche türkischstämmige Schüler können schlechter lesen als normal gebildete Brasilianer. Die Dritte Welt mitten in Deutschlands Schulen.

Es hätte nicht Pisa gebraucht, um die Bildungskatastrophe der Ausländerkinder zu erahnen. Nur zehn Prozent von ihnen schaffen das Abitur. Jedes fünfte Migrantenkind hingegen verlässt die Schule ohne Abschluss und damit ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt. Und mehr als 60 Prozent der jungen Deutschtürken und Deutschrussen sind am Anfang der Schulzeit zurückgestellt worden oder blieben wenigstens einmal sitzen.

Schon bemächtigen sich konservative Wahlkämpfer des Themas. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sieht in den schlechten Leistungen der türkischen Kinder die Ursache der deutschen Pisa-Pleite, ein zusätzlicher Grund für die Union, den "Stopp weiterer Zuwanderung" zu fordern. Dabei stünde Deutschland ohne seine Ausländerkinder in der Pisa-Rangfolge kaum besser da. Andererseits sind andere Länder eben auch in der Förderung ihrer Immigranten bei weitem erfolgreicher. Schweden zum Beispiel hat ebenso viele Zuwanderer und Flüchtlinge zu integrieren wie Deutschland und erzielt dennoch bei den Einheimischen wie bei den Ausländerkindern bessere Ergebnisse. Und Kinder türkischer Einwanderer können offenbar fast überall besser lesen als hierzulande - in Schweden, in Norwegen, in Österreich und in der Schweiz.

Was also tun? Hessens Regierungschef Roland Koch (CDU) möchte Ausländerkinder erst einschulen, wenn sie richtig Deutsch sprechen. Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) will Quoten für ausländische Schüler an Schulen einführen. Und die Kultusminister überbieten einander mit Projekten und Programmen. Die entscheidende Lektion jedoch steht der deutschen Schulpolitik noch bevor: anzuerkennen, dass die multikulturelle Gesellschaft in vielen Klassenzimmern längst Wirklichkeit ist. Kinder und Enkel von Gastarbeitern, Flüchtlingen und Aussiedlern stellen mittlerweile rund 30 Prozent aller Grundschüler, in einigen Großstädten demnächst sogar jeden Zweiten. Und mit der Ansiedlung Hunderttausender Auslandsdeutscher in Dörfern und Kleinstädten wächst auch dort das Problem der Schulschwierigkeiten ausländischer Kinder.

Es fehlt nicht an Versuchen, den Hakans, Miodrags oder Paolas zu einem anständigen Schulabschluss zu verhelfen. Doch was hilft der Förderunterricht, wenn er nach einem Jahr wieder ausläuft? Was bringen ein paar Stunden Türkisch oder Italienisch am Nachmittag, wenn der Bezug zum deutschen Unterricht fehlt? Wozu soll eine Fortbildung zum Thema Interkulturalität gut sein, wenn niemand den Lehrern sagt, wie sich dies im Schulalltag niederschlagen könnte?

Unterricht für Ausländer - eine Art von Sonderpädagogik

Unterricht für Ausländer war in Deutschland bislang eine Art Sonderpädagogik, die sich irgendwann von selbst erübrigen sollte. Spätestens in der dritten Generation, so hoffte man, wären die Kindeskinder der Gastarbeiter in die hiesige Gesellschaft eingepasst - oder ins Heimatland zurückgekehrt. So übernahm die Schule eine Lebenslüge der Nation: dass sich ein Land, in das Millionen Fremde einwandern, nicht ändern müsse.

"Wir dachten lange Zeit, das Problem wächst sich aus", sagt der didaktische Leiter der Mont-Cenis-Schule Burkhard Heringhaus. Doch die ausländischen Kinder blieben, es kam sogar immer mehr, und ihre Deutschkenntnisse wurden nicht besser. In den oberen Klassen dieser Gesamtschule stammt nur ein Drittel der Jugendlichen aus einer Migrantenfamilie. Bei den Neuanmeldungen dagegen hat schon jedes zweite Kind einen fremden Nachnamen. Zwar besitzen viele Eltern ausländischer Herkunft heute einen deutschen Pass. Doch was nützt das Papier, wenn die Mutter auf dem Anmeldebogen unter Staatsangehörigkeit "deutchs" notiert?

"Importmütter" nennen sie an der Mont-Cenis-Schule solche Frauen. Sie wurden zur Heirat nach Deutschland geholt - von türkischen Männern, die oft bereits seit ihrer Kindheit hier leben. Auch sonst machen die Lehrer "so ihre Beobachtungen". Dass die Kinder heute statt deutschem Fernsehen hauptsächlich türkische Programme schauen. Dass Jungen häufiger als früher von der Koranschule reden. Und so viele Mädchen mit Kopftuch habe es vor 15 Jahren auch nicht gegeben. "Die Integrationsleistung der ausländischen Familien hat abgenommen", heißt es. Wohl auch der Integrationswille. Das Wort "Ghetto" fällt.

Behörden ziehen die Formulierung "Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf" vor. Herne-Sodingen ist ein solcher Stadtteil. Als die Zeche hier zumachte, begann der langsame Niedergang des Viertels. Deutsche zogen fort. Es blieben Ausländer, die sich seitdem in ihrer eigenen Welt einrichten. Gesamtschulen sind in dieser Welt beliebt. Nirgendwo sonst schaffen ausländische Schüler so oft die Hochschulreife wie in Bundesländern mit vielen Gesamtschulen. Gleichzeitig aber sind die durchschnittlichen Schulleistungen von Migrantenkindern nirgendwo sonst so schlecht. Der innerdeutsche Pisa-Vergleich zeigt zwei Wege, die beide in die falsche Richtung führen: In Bayern lernen Migrantenkinder mehr, aber sie kommen damit nicht weit. In Nordrhein-Westfalen kommen sie in ihrer Schullaufbahn weiter, aber sie lernen nicht viel.

Wohin man auch schaut, überall senkt ein zu hoher Anteil von Ausländerkindern das Leistungsniveau. Kommen mehr als die Hälfte der Schüler aus Einwandererfamilien, ist an ein normales Lernen kaum noch zu denken. An der Mont-Cenis-Schule hat die Idee von einer festgelegten Ausländerquote daher durchaus Anhänger. "Es kann doch nicht sein, dass einige Schulen überhaupt keine Ausländer haben und andere vier deutsche Schüler, die es zu integrieren gilt", witzelt ein Lehrer.

Niemand hat ihn auf den Sprach- und Kulturmix im Klassenzimmer vorbereitet. Die Lehrer der Mont-Cenis-Schule sind im Schnitt knapp 50 Jahre alt und verstehen von der Lebenswelt vieler Schüler so wenig wie von der Sprache, in der diese sich auf dem Schulhof unterhalten. Einige Pädagogen haben mit den Kindern einen Vertrag geschlossen: Türkisch nur im Türkischunterricht. Doch der werde täglich gebrochen, heißt es.

Es fehlen Kollegen aus Einwandererfamilien. Den muttersprachlichen Unterricht erteilen türkische, griechische oder italienische Lehrer. Sie sprechen mitunter selbst nur gebrochen Deutsch, müssen oft mehreren Schulen dienen und fühlen sich im Kollegium fremd. Ganze zwei Universitäten in Deutschland bilden gezielt Abiturienten aus türkischen Familien zu Lehrern aus: in Essen und in Hamburg. Die ersten Studenten absolvieren gerade ihr Referendariat. Doch es wird Jahre dauern, bis genug Lehrer mit diesem Hintergrund zur Verfügung stehen. Bis dahin fehlen in den Schulen die Übersetzer zwischen den Kulturen.

Selbst Neuntklässler lesen mit dem Finger auf der Zeile

So bleiben ausländische Mütter und Väter den Elternabenden fern. Das liegt nicht allein an der Sprache. In ländlichen türkischen Schulen sind solche Treffen nicht üblich, weil dort der Lehrer noch "eine Respektsperson ist, der man seine Kinder anvertraut", sagt Memis Sahin. Von einer Mitschuld seiner Landsleute an der Bildungsmisere will der Vorsitzende des Herner Ausländerbeirates aber nichts wissen. Natürlich wäre es wünschenswert, dass die Schulanfänger besser Deutsch sprächen. Aber dafür möge doch, bitte schön, der deutsche Kindergarten sorgen. Und überhaupt: "Vielleicht sollten sich die Deutschen fragen, warum sich die Türken wieder stärker in Richtung alte Heimat wenden?" Und dann ist Sahin bei der Politik, beim Kopftuch und der Frage, warum es in einigen Krankenhäusern immer noch keinen muslimischen Gebetsraum gebe.

Auf den ersten Blick haben solche Klagen mit der Schule nichts zu tun - auf den zweiten jedoch viel. Wenn das Klima zwischen Einheimischen und Zuwanderern nicht stimmt, spürt man dies auch in den Klassen. Die hohe Arbeitslosigkeit unter den Deutschtürken, eine Stadtplanung, die es zuließ, dass ganze Straßenzüge zu Ausländerenklaven wurden, eine verfehlte Integrationspolitik: Was Sozialwissenschaftler "Rückzug in die eigene Ethnie" nennen, hat viele Ursachen. Sicher ist: Anfang der neunziger Jahre bekam die bis dahin vielversprechende Bildungskarriere der Migranten plötzlich einen Knick.

Lange Zeit war es bergauf gegangen mit den deutschen Ausländerkindern. Immer seltener brachen sie die Schule ab, die Zahl der Abiturienten ohne deutschen Pass stieg. Nachkommen der ersten Gastarbeitergeneration rückten an die Spitze des deutschen Berufsadels, als Ärzte, Architekten oder Bundestagsabgeordnete wie der Grünenpolitiker Cem Özdemir. Mittlerweile aber wächst die Zahl der Verlierer. Heute bleiben mehr Jugendliche aus Migrantenfamilien ohne Ausbildung als noch 1994.

An der Mont-Cenis-Schule in Herne erkannte man vor drei Jahren, dass es mit dem "Standardprogramm nicht mehr so weitergehen konnte", sagt Burkhard Heringhaus. In den Diktaten häuften sich die Fehler. Selbst in der neunten Klasse kämpften sich Schüler noch mit dem Finger auf der Zeile wortweise durch ihre Texte. Zwar beherrschten viele der kleinen Türken, Bosnier oder Russlanddeutschen das Umgangsdeutsch der Straße. Mathe- und Biounterricht mit ihren abstrakten Fachsprachen jedoch rauschten an ihnen vorbei.

Inzwischen heißt die Devise an der Mont-Cenis-Schule: Deutsch, Deutsch, Deutsch. Insgesamt acht Stunden pro Woche üben die Fünftklässler lesen, schreiben und sprechen. Auch den Religionsunterricht haben die Lehrer teilweise zum Deutschkurs umgewidmet. Helfen die Extrastunden? "Fördern bringt immer etwas", sagt der Schulleiter. Etwas weniger pädagogisch korrekt äußert sich einer seiner Lehrer: "Da kann man noch so viele Förderstunden reinpumpen, das bekommt man nicht mehr hin." Für die Zehn- bis Elfjährigen, die an die Mont-Cenis-Schule kommen, ist die wichtigste Lebensphase für den Spracherwerb abgeschlossen. Was bis jetzt versäumt wurde, lässt sich kaum noch aufholen.

"Eigentlich", sagen die Mont-Cenis-Lehrer, "machen wir die Arbeit der Grundschule." In der Grundschule Berliner Platz ein paar Kilometer weiter hört man fast den gleichen Satz: "Wir müssen den Schülern hier beibringen, was sie in Kindergarten und Familie lernen sollen", sagt Leiterin Karin Roth. Ein Sprachtest mit Schulanfängern aus den Berliner Innenstadtbezirken ergab, dass 60 Prozent der Ausländerkinder dem Unterricht ohne massive zusätzliche Förderung nicht folgen können. Und dass, obwohl sämtliche Kinder vor ihrer Einschulung eine Kindertagesstätte oder Vorschule besucht hatten.

Zu wenig Förderung in den Kindergärten, zu frühe Auslese in der Schule, schlechte Zusammenarbeit der verschiedenen Schulformen, Mangel an Ganztagsschulen und die realitätsferne Lehrerausbildung: Die Schwächen des deutschen Bildungssystems, die nun im internationalen Vergleich zutage treten, schaden allen Schülern - ausländischen Kindern und Jugendlichen jedoch besonders.

Nun arbeitet Schulleiterin Roth mit Erziehern aus dem Umkreis ihrer Schule an einem Sprachförderkonzept. Und statt im Frühjahr verschickt das Herner Schulamt jetzt schon im Herbst die Einladungen zum Einschulungsgespräch. Dabei prüft Frau Roth die Sprachkenntnisse der Kinder und legt den Müttern, wenn es sein muss, "sehr nachdrücklich" einen Sprachkurs für ihre Sprösslinge ans Herz. Zweimal in der Woche treffen sich in der Schule ein Dutzend Fünfjährige mit einer Erzieherin zum Spielen und Deutschlernen.

1200 solcher Vorbereitungskurse sollen im kommenden Jahr in Nordrhein-Westfalen starten. Hamburg, Niedersachen und Berlin planen Ähnliches. Überall heißt das neue Zauberwort nun Frühförderung. Wer zur Einschulung immer noch kein ausreichendes Deutsch spricht, wird in Hessen zunächst sogar in eine Vorklasse zurückverwiesen.

Ohne die Mitarbeit der Eltern aber nützen alle Konzepte wenig. Wie sehr es auf die Eltern ankommt, zeigt das Beispiel der spanischen und der italienischen Immigranten. Sie kamen oft aus noch einfacheren Verhältnissen als die zehn Jahre später eingetroffenen türkischen Gastarbeiter. "Viele von uns waren Analphabeten", erinnert sich Manuel Romano García, und entsprechend schlecht schnitten die Kinder in der Schule ab: Miserable Noten, viele Schulabbrüche, am Ende ihrer Schulzeit konnten viele der jungen Spanier weder Deutsch noch Spanisch. "Wir sagten uns", erinnert sich der damalige Vorsitzende der spanischen Elternvereinigungen, "wenn wir in Deutschland bleiben wollen, müssen unsere Kinder Deutsch lernen."

Mithilfe der katholischen Kirche und spanischer Studenten organisierten die spanischen Einwanderer Hausaufgabenhilfen und Deutschkurse. Für die Eltern boten sie Wochenendseminare über das deutsche Bildungswesen an. Bei den Behörden drängten sie darauf, die Nationalklassen für die spanischen Schüler abzuschaffen und ihre Kinder in den normalen deutschen Unterricht zu integrieren. Heute liegt der Anteil der Abiturienten unter den Deutschspaniern höher als bei den Deutschen. Die italienischen Eltern dagegen blieben weitgehend untätig und der Schule fern. Ihre Kinder und Enkel schneiden inzwischen bei allen Schulvergleichen noch schlechter ab als selbst türkisch- oder russischstämmige Schüler.

Deren Eltern für die Mitarbeit zu gewinnen, wird schwerer fallen. Ob Werbekampagnen mit erfolgreichen Einwanderern, die Einstellung von zweisprachigen Schulsekretärinnnen oder die Zusammenarbeit mit Moscheen und Kirchengemeinden - bei dem Versuch, den Bildungsabsturz der Migrantenkinder zu verhindern, sollte es in Zukunft keine Tabus mehr geben. Man kann ihre Eltern für das Problem verantwortlich machen und hat damit teilweise Recht. Bessere Schüler bekommt man davon aber nicht. Es gilt das alte Pädagogenmotto, die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, und sei das auch noch so weit entfernt.


Claudia