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Kampf für den Islam
Außerhalb Arabiens entsteht eine islamische Moderne: vielgestaltig und widersprüchlich
Terrorismus, Extremismus und Fundamentalismus sind Begriffe, die in jüngerer Zeit häufig mit dem Islam in Zusammenhang gebracht werden. Medienbewusste „Gotteskrieger“, allen voran Ober-Dschihadist Osama bin Laden, wird dies freuen. Dagegen stemmt sich der britische Intellektuelle und Autor Ziauddin Sardar. „Meine Religion ist gewaltsam entführt worden. Ich lehne es ab, über islamistische Extremisten definiert zu werden“, sagt Sardar zu Beginn seines neuen Films The Battle for Islam, den er zusammen mit dem Regisseur Paul Jenkins für die BBC gedreht und vergangene Woche im „Royal Institute of International Affairs“ vorgeführt hat.
Natürlich stimmt die nach jedem Anschlag gebetsmühlenhaft wiederholte Behauptung nicht, dass der dschihadistische Terrorismus mit „dem Islam“ nichts zu tun habe: Nicht mit dem Islam als Religion, wohl aber mit dem Islamismus als politischer Ideologie, schrieb der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi kürzlich in einem Beitrag für die International Herald Tribune. Wer das verkenne, verschließe die Augen gegenüber der Realität und verhindere Lösungen. Der Dschihadismus könnte nur durch die Allianz fortschrittlicher Muslime und westlicher Demokraten besiegt werden.
Unausgesprochen spielt dies auch bei Ziauddin Sardar eine Rolle. Bekannt für Publikationen wie Why Do People Hate America? oder American Dream – Global Nightmare, hatte sich Sardar schon vor zwei Jahren für sein Buch Desperately Seeking Paradise als „skeptischer Muslim“ auf die Reise gemacht, um für sich einen Mittelweg zu finden zwischen westlichem Säkularismus und traditionellem Islam. Für The Battle for Islam hat er die „Ränder“ der islamischen Welt von Pakistan, Indonesien und Malaysia über Marokko und die Türkei besucht.
Besonders lag ihm am Herzen, sagt Sardar bei einer Vorführung des Films im Londoner Chatham House, den westlichen „Tunnelblick“, der den Islam als monolithisch und unbeweglich, als unweigerlich fundamentalistisch und arabisch sieht (dabei ist nur ein Sechstel der Muslime Araber), zu widerlegen. Tatsächlich stützt Sardars quirliger Film über weite Strecken einigermaßen überzeugend seine Thesen: In den porträtierten Ländern findet ein „Ringen um die Seele des Islams“ zwischen Konservativen und Fortschrittlichen statt, und das Moment liegt bei den Reformern. Eine „islamische Moderne“ ist im Entstehen begriffen, in ihrer Entwicklung vielgestaltig und voller Widersprüche.
Beispiel Pakistan: Auf der einen Seite hatte das als islamischer Staat gegründete Land als erstes einen weiblichen Premierminister, auf der anderen Seite gelten seit 1978 die Scharia-Gesetze. Beherrscht wird das Land von den Militärs, die mit den Folgen des von den USA und anderen Ländern im Afghanistankrieg gegen die Sowjetunion großgezüchteten Dschihadismus umgehen müssen und ein undurchsichtiges Doppelspiel treiben. Einschließlich der Förderung und Instrumentalisierung von Extremisten.
„Aufgeklärter Islam“ (enlightened Islam) nennt Machthaber Pervez Musharraf, der Sardar im Film nicht in Uniform, sondern im gestreiften Poloshirt gegenübersitzt, seine Linie. Die USA müssten ihre Politik ändern, sie seien an vielem Schuld. Beim Stichwort „Demokratie“ explodiert er fast: „Was ist Demokratie? Ist es nicht vor allem die freie Meinungsäußerung? In Sachen Meinungsfreiheit kann sich Pakistan mit fast jedem Land der Welt messen. Da fordere ich jeden heraus!“ Realitätsferne findet Sardar auch bei Musharrafs Gegenspieler Qazi Hussain Ahmad, Führer der „Jamaat-e-Islami“-Bewegung, der rundweg abstreitet, dass die Scharia-Gesetze zu Ungerechtigkeiten führten, insbesondere gegenüber Frauen. „Männer der Vergangenheit“, meint Sardar. Die Stimmung auf den Straßen tendiere dagegen zu Reformen und Pluralismus, was in Musik, Kunst und Modetrends zum Ausdruck komme.
In Indonesien, der bevölkerungsreichsten muslimischen Nation der Welt, ist ein Versuch, eine moderne Form der Scharia durchs Parlament zu bringen, kürzlich gescheitert. Doch das „neue Denken“, wie man durch den Islam eine moderne Form der Zivilgesellschaft schaffen könnte, ist kaum noch aufzuhalten, sagt Sadar. „Es ist an der Zeit, den Islam ohne die Scharia zu überdenken“, entgegnet ihm Abdul Muki, Kopf der Jugendbewegung von Muhammadiyah, eine muslimische Organisation mit über 40 Millionen Mitgliedern. Im benachbarten Malaysia, auch nach dem Abgang des autoritären Mahathier Mohamad eine der „konformistischsten Gesellschaften der Welt“, propagiert der amtierende Premierminister Abdullah Ahmad Badawi „Islam Hadhari“. Eine „zu den Wurzeln“ zurückgehende, urbane Form des Islams, die Friedfertigkeit und Toleranz betont. Unterdessen setzten sich die 1988 gegründeten „Sisters of Islam“ für Monogamie und die Gleichberechtigung von Frauen ein. Eines ihrer Mitglieder, die junge Rashina Rasali, strebt gar das für Frauen bislang unerreichbare Amt einer Scharia-Richterin an.
Im absolutistischen Marokko, wo König Mohammed VI. als „Führer der Gläubigen“ auch religiöse Macht ausübt, hat der Monarch gegen großen Widerstand ein neues islamisches Familienrecht, bekannt als „Moudawana“, durchgesetzt. Es billigt Frauen und Minderheiten gleiche Rechte zu und stützt sich dabei gänzlich auf den Koran. In der Türkei schließlich existieren Demokratie und Islam schon lange nebeneinander, bei allen Problemen des auf Gründer Atatürk zurückgehenden Kemalismus’. Sich „islamisch“ definierende Politiker, wie der amtierende Premierminister Recep Tayyip Erdogan, entwickeln das Land mit großem Pragmatismus weiter.
In Sardars Film werden viele Paradoxe offenbar: Im Alleinherrschertum Marokko finden weitreichendere Reformen statt als in der Demokratie Indonesien, wo der Wandel heftig debattiert wird, aber langsamer vorangeht. Stets spielen Frauen eine große Rolle, sind Familie und soziale Strukturen Ausgangspunkt für Veränderungen. Die Fundamentalisten, die in Battle for Islam vorkommen, beispielsweise ein malaysisches Fotomodel oder ein türkischer Radioprediger, der einst ein Hippie war, sind eher „zum Umarmen“ (Sardar), und trotz ihrer Liebenswürdigkeit vermitteln sie stark den Eindruck, in der Vergangenheit zu leben, nicht in Gegenwart und Zukunft.
„Wir haben natürlich eine bestimmte Sicht vorgestellt“, gibt Sardar im Laufe der anschließenden Diskussion zu, „kein Film kommt ohne ein Element der Konstruktion aus.“ „Aber das war die Geschichte, die wir erzählen wollten“, ergänzt Regisseur Paul Jenkins, „und es war höchste Zeit dafür.“ Für Sardar ist der Film auch eine Bebilderung seiner These vom „Wandel vom Rand her“: „Die Peripherie wird das Zentrum verwandeln“, sagt er später im Gespräch, „das war schon immer so, schon seit der Flucht des Propheten Mohammeds von Mekka nach Medina.“ Die Transformation des Mittleren Ostens werde ganz unterschiedlich verlaufen, in Ägypten vielleicht politisch moderiert, in Saudi Arabien vielleicht blutig. Eine besondere Rolle werde die Türkei spielen.
Dies sind die Dinge, die man in dem Film vermisst – ebenso wie die Tatsache, dass äußere Einflüsse kaum zur Sprache kommen, und auch nicht, dass alle vorgestellten Länder – bis auf die Türkei – eine besondere, koloniale Vergangenheit haben. Erst in der Diskussion kommt Sardar darauf zu sprechen, dass das Ringen um dem Islam auch im Westen stattfindet, gewissermaßen ein anderer „Rand“ der islamischen Welt. In Großbritannien streiten sich beispielsweise derzeit gemäßigte Muslime mit Vertretern eines politischen Islams um die Deutungshoheit. Das alles kann The Battle of Islam, zu dessen Anliegen es auch gehört, „ganz normale Muslime“ in aller Welt zu zeigen, nicht leisten – aber er geht doch allzu leichtfüßig darüber hinweg.
"The Battle for Islam" bei BBC World gezeigt werden, dem weltweit empfangbaren Nachrichtenk**** der BBC.