http://de.news.yahoo.com/030523/71/3gjny.html

Freitag 23. Mai 2003, 15:58 Uhr
Suche nach Opfern - Baby aus Trümmern gerettet

- von Paul de Bendern -

Boumerdes (Reuters) - Rettungsmannschaften haben am Freitag im Algerien mit Hochdruck die Suche nach Überlebenden des verheerenden Erdbebens fortgesetzt und dabei ein 18 Monate altes Baby aus den Trümmern geborgen.

Mit Spürhunden durchkämmten einheimische und europäische Suchmannschaften Schuttberge in dem Gebiet um Algier, in dem am Mittwochabend mindestens 1400 Menschen getötet und 7000 verletzt wurden. In regierungsnahen Kreisen wurde gar mit über 2200 Todesopfern gerechnet. Ein Lichtblick für die Helfer, die Leiche um Leiche aus den Trümmern bargen, zeigte sich in der Stadt Boumerdes, in der das Kleinkind gerettet wurde. Aus Angst vor Nachbeben verbrachten Zehntausende Algerier die zweite Nacht in Folge im Freien. Dabei regte sich Unmut, dass Pfusch am Bau zu den katastrophalen Folgen des Bebens beigetragen habe und Hilfe zu spät eingetroffen sei.

Die verheerendsten Zerstörungen zeigten sich in der östlich Algiers gelegenen Stadt Reghaia, in der ein zehnstöckiger Wohnblock mit 78 Wohnungen in sich zusammengestürzt war. In Boumerdes zerschlugen Bewohner mit Vorschlaghämmern Trümmerteile und gruben mit bloßen Händen nach Überlebenden. "Ich habe meine Familie verloren. Meine Frau, meine Tochter, meine Enkelin, mein Sohn und mein Enkel sind tot", sagte ein Familienvater neben den Trümmern eines dreistöckigen Wohnhauses. Jianni Savio, der ein zehnköpfiges Rettungsteam aus dem italienischen Verona koordiniert, machte den verzweifelten Angehörigen Mut: "Es gibt immer noch Chancen, Menschen lebend zu finden, auch wenn die Zerstörung hier verheerend ist. Wir bleiben, so lange wie nötig."

BABY LAG 36 STUNDEN UNTER DEN TRÜMMERN

Neue Hoffnung keimte unterdessen auf, als im staatlichen Rundfunk die Rettung des anderthalb Jahre alten Babys in Boumerdes bekannt wurde. Es hatte 36 Stunden unter den Trümmern gelegen, bevor es von Suchmannschaften und freiwilligen Helfern gerettet wurde. "Dieses wunderbare Kind ist außer Lebensgefahr", hieß es in einer Meldung des staatlichen Rundfunks.

Zehntausende Menschen hatten aus Angst vor Nachbeben die Nacht im Freien verbracht. Einige zeigten sich besorgt über die abnehmenden Wasser- und Lebensmittelvorräte, nachdem das Beben die Strom-, Gas- und Wasserversorgung unterbrochen hatte. "Wir warten immer noch darauf, dass die Behörden uns mit Milch für die Säuglinge versorgen", sagte ein 45-jähriger Mann. Einige Erdbebenopfer hatten Zelte und Decken erhalten. "Ich kann ihnen versichern, dass jeder, der obdachlos geworden ist, sehr bald eine anständige neue Unterkunft erhalten wird", sagte Ministerpräsident Ahmed Ouyahia.

Zahlreiche Staaten, darunter auch Deutschland, haben Helfer nach Algerien geschickt. Am Flughafen von Algier landeten dutzende Militärmaschinen mit Vorräten und Mannschaften aus Deutschland, Frankreich, Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Italien, Ägypten und Libyen. Menschenketten luden hunderte von Kisten aus Transportflugzeugen in Lastwagen um. Das Technische Hilfswerk teilte mit, am Donnerstagabend sei ein erstes Kontingent von 25 Erdbebenexperten eingetroffen und habe in der Boumerdes seine Arbeit aufgenommen.

Durch das Beben wurden auch Untersee-Leitungen beschädigt, wie France Telecom (Paris: 13330.PA - Nachrichten) am Freitag mitteilte. Fünf der Haupt- Unterseekabel von Frankreich in die ehemalige Kolonie seien betroffen und damit die Festnetz-Verbindung zwischen den beiden Staaten komplett unterbrochen worden.

bek/sws