Für "Einsteiger":

http://www.ndrtv.de/weltspiegel/20040104/afghanistan.html

In Afghanistan gibt es eine mysteriöse Reihe von Frauenselbstmorden. Als ARD-Korrespondent Armin-Paul Hampel davon hörte, machte er sich sofort auf die Suche. Er stieß auf dramatische Schicksale, auf Frauen, die nicht mehr leben wollen, weil sie die Zwangsjacke aus traditionellem Elternhaus, Verschleierung oder ausgewähltem Ehemann nicht mehr aushalten. Im Kabuler Krankenhaus traf er Frauen, deren Selbstmord gerade noch verhindert wurde.

Und seiner Mitarbeiterin gelang es, heimlich im Frauengefängnis zu drehen. Das Verbrechen vieler Afghaninnen dort: Liebe.

Die Zimmer zugestellt, der Gestank unerträglich, Dr. Younus und seine Helfer sind überlastet. Der Arzt leitet eine Spezialabteilung für Verbrennungen. Dass es sie hier im allgemeinen Krankenhaus von Herat gibt, hat seinen Grund. Wir sind in die afghanische Provinzhauptstadt gereist, weil wir immer wieder von Selbstverbrennungsfällen im Land am Hindukusch gehört haben. Frauen, die sich aus enttäuschter Liebe, aus Angst vor Zwangsheiraten oder Familienstreitigkeiten auf grausame Weise das Leben nehmen wollen. Jetzt liegen sie hier stumm in ihrem Schmerz, von der Familie meist geächtet, ihre Zukunft ungewiss. So hat auch die fünfzehnjährige Fahima zur Petroleumflasche gegriffen. Mit Verbrennungen dritten Grades brachte ihre Mutter sie zu Dr. Younus. Nein, kein Selbstmordversuch, sagt sie, Fahima habe einen Unfall gehabt, als sie eine Petroleumlampe auffüllen wollte.

Doch die Art der Verbrennung spricht eine andere Sprache. Die Ärzte sehen in den Verbrennungen etwas anderes: Das Mädchen hat seinen ganzen Oberkörper selber mit Petroleum übergossen. Doch über die wahren Hintergründe wird kein Angehöriger etwas sagen. Die Mauern des Schweigens sind die Mauern der Scham.

Wir verlassen deshalb Herat und fahren in die Hauptstadt, Kabul. Ein Arzt will uns benachrichtigen, wenn ein neuer Selbstmordfall eingeliefert wird. Nachts um halbzwölf kommt der Anruf. Dr. Rohamat führt uns in die sogenannte Intensivstation des Khairkhanna-Hospital. Ein Liebhaber, seine Mutter und ein Freund bangen um das Leben von Basira. Ihr Magen wurde ausgepumpt. Ob die junge Frau Schlaftabletten, Pflanzen- oder Rattengift geschluckt hat, die Ärzte wissen es noch nicht. „Was wollen die Fernsehleute hier“, empört sich der junge Mann. „Ich will das nicht. Keine Kamera.“

Es ist nicht nur die Kamera, es ist auch der Hintergrund des tragischen Vorfalls, der die Menschen nervös macht. Nach einer Weile klärt sich die Situation. Er, ein Polizist, hat Basira heimlich geheiratet, obwohl sie mit einem anderen Mann schon verlobt war. Nun fordert der Bräutigam seine Frau zurück. Basira und ihr heimlicher Ehemann haben vor keinem Richter eine Chance. Nach dem afghanischen Gesetz sind sie Ehebetrüger. Basira sah keinen Ausweg mehr. Ob sie überlebt, weiß Dr. Rohamat nicht. Ohne Labor und toxikologische Untersuchungen kann er kaum helfen.

Basira wird überleben. Aber dann wird sie vermutlich das Krankenzimmer gegen eine Zelle eintauschen müssen. Denn der Bruch eines Eheversprechens ist strafbar in Afghanistan - auch im Jahre zwei nach den Taliban.

Die Opfer der verbotenen Liebe suchen wir hier im Vellayat-Gefängnis von Kabul. Genauer – wir suchen Sharifa. Sie gehört zu den Frauen, deren einziges Verbrechen darin bestand, dass ihre Liebe nicht von den Eltern verordnet oder arrangiert wurde. Da passt es, dass die Wachen vor dem Gefängnistor einer Hindiversion der Romeo und Julia-Geschichte lauschen. Weil uns die Gefängnistore zunächst verschlossen bleiben, begeben wir uns auf die Suche nach Sharifas Familie. Wir wollen wissen warum sie in Vellayat einsitzt. In den runtergekommenen Betonburgen von Kabul fragen wir uns durch und werden fündig in einem Kellerloch.

Der verbitterte Bruder des gehörnten Ehemannes erzählt uns Sharifas Geschichte. Die damals Fünfzehnjährige habe vor ein paar Jahren seinen älteren Bruder geheiratet und von ihm auch eine stattliche Mitgift erhalten: „Nach nur zwei Jahren ist sie mit einem anderen durchgebrannt, - nach Pakistan.“ Dass die Ehe von den Eltern arrangiert war, erzählt er nicht.

Aber Sharifa und ihr Liebhaber sind zurückzukommen. Hier hat sie die Polizei schnell aufgestöbert. Der Bruder sagt: „Sharifa hat Schande über die Familie gebracht. Alle wissen hier Bescheid. Ihr Liebhaber hat ja noch nicht mal Ablösegeld bezahlt oder wenigstens eine Ersatzfrau aus seiner Familie angeboten. So ist hier das Gesetz – wir nennen es Badd.“

Gerne würden wir auch Sharifas Version der Geschichte hören. Und endlich, nach mehreren Telefonaten, bekommen wir das ok vom Polizeipräsidenten. Nur unsere Kollegin Meera Meneezes und unser Dolmetscher dürfen ins Frauengefängnis, sonst keiner. Eine kleine Handkamera, die wir offiziell ausgeschaltet haben, läuft weiter.

Wir haben Sharifa gefunden - und sind erst einmal überrascht. Statt eines deprimierten Gefangenenlebens treffen wir auf eine fröhliche weibliche Häftlingsrunde. Und stellen fest, dass die Zelle weitaus komfortabler aussieht, als die üblichen afghanischen Wohnquartiere. Doch die Fröhlichkeit Sharifas täuscht. Sharifa: “Wäre ich doch nur in Pakistan geblieben. Aber dort wurde uns gesagt, dass es nun, nach den Taliban, andere Gesetze gebe in Kabul, und dass wir ohne Angst zurückkehren könnten.“

Welches Unrecht habe ich denn begangen, sagt sie uns. Sie sei aus einer arrangierten Ehe geflohen, weg von einem Mann der sie schlecht behandelt und geschlagen habe. Nun sitzt sie seit eineinhalb Jahren in Untersuchungshaft mit Mörderinnen und Dieben. Ihr Geliebter, der Vater von Sharifas einjähriger Tochter, die im Gefängnis zur Welt kam, sitzt nur einen Steinwurf entfernt im Männergefängnis.

Sharifa: “In Afghanistan bin ich eine Verbrecherin. Ich möchte am Liebsten den Präsidenten Hamid Karzai fragen, warum Liebe in Afghanistan immer noch ein Verbrechen ist.“

Weil Hamid Karzai unlängst eine große Gruppe politischer Gefangener entließ, hoffen auch die Frauen in Velayat auf seine Hilfe. Doch ob der das harte islamische Recht in Afghanistan reformieren wird, bleibt fraglich. Und so verlassen wir Sharifa, wohl wissend, dass sie noch lange auf ihren Richter wird warten müssen, und ihr Strafmaß seiner Gnade überlassen ist. Und weil auch die Gefängnisleitung das weiß, ist man auf Selbstmordversuche vorbereitet. Und deshalb gibt es in Velayat weder Petroleum noch Rattengift.