Hallo Uli,

meinst Du den?Annegret Romdhane
Mitglied
Benutzer # 453

erstellt am: 20-11-2001 10:18
--------------------------------------------------------------------------------
Hier ein sehr interessanter Artikel, der in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde und da die Links zur SZ immer zu lang werden, kopiere ich den Artikel hier herein:
"Von der Hand in den Mund

Zum Ramadan ist alles anders: Unterwegs in Tunis von Tisch zu Tisch während des Fastenmonats

Kurz vor Sonnenuntergang fahren alle Autos schneller. Die Ampeln sind grüner als sonst. Vorfahrt hat, wer am schnellsten ist. Nicht einmal die Taxifahrer von Tunis haben jetzt Zeit, auf Handzeichen vom Straßenrand aus zu reagieren und Fahrgäste zusteigen zu lassen. Lieber rasen sie leer in die Vororte, zurück
nach Hause, um keine Umwege in Kauf nehmen zu müssen. Die Geduldigeren unter ihnen machen im Vorbeifahren zumindest die Geste der zum Mund geführten Hand und rufen auf Französisch
„aller manger“, „essen fahren“. Hunger geht vor Verdienst. Jedenfalls im Fastenmonat Ramadan. Zur selben Zeit sind die Tische in den kleinen Restaurants der Medina in der Rue de la Kasbah und der Rue Djama ez Zitouna
gedeckt. Brot liegt wohldrappiert neben den Tellern, Suppe dampft bereits. Geöffnete Wasserflaschen stehen auf den Tischen, aber die Gläser sind so trocken wie die Kehlen.
Menschen sitzen vor ihren Tellern, doch niemand rührt seine Speise an. Gesprochen wird wenig. Wer hier sitzt, ist ausgelaugt
von der eigenen Disziplin und harrt des erlösenden Signals. Wartet darauf, dass endlich die Sonne untergeht. Hofft, dass der
Muezzin mit seinem Ruf vom Minarett der Zitouna-Moschee mitten in der Medina offiziell das Ende des Tages bestätigt und
endlich wieder gegessen und getrunken werden darf.

Der Sonnenstand ersetzt 29Tage lang die Armbanduhr, die Religion gebietet deutlicher denn je den Ablauf des Alltags – und das keineswegs nur in konservativen ländlichen Regionen, ebenso in einer Großstadt wie Tunis. In einer Metropole, die weltoffen ist, die fern davon ist, ausgerechnet ein Zentrum des Fundamentalismus zu sein. In einer Stadt, die Sehenswürdigkeit ist, und über deren
Hauptstraßen deshalb auch während des Ramadan die Touristenbusse in unverminderter Zahl rollen. Wer in Tunis fastet, hat damit klarzukommen gelernt, dass die
aussichtsverglasten Touristen hinter den Pano ramascheiben ihrer Busse auch dann in die mitgebrachten Brötchen vom morgendlichen Hotelbuffet beißen und ihr Mineralwasser trinken, wenn wenige Meter entfernt auf dem
Trottoir die Kehlen trocken sind und die Mägen knurren.
Kein Rauch, keine Frau.
Nachgetragen wird es ihnen nicht, denn der Koran nimmt nicht nur Schwangere, Gebrechliche, Kranke und Kinder unter zwölf
Jahren vom Fastengebot aus – auch Reisende. Gleichwohl, die diskreteren unter den Fremden ziehen die Busgardine zu, während ihre Zähne ein Wurstbrot zerlegen. Mehr als 96Prozent
aller Tunesier sind Muslime sunnitischer Prägung, und die große Mehrheit hält sich an das Fastengebot im Ramadan, eine der fünf
Säulen des Islam. Es schreibt vor, in der Zeit zwischen Sonnenauf- und –untergang nicht zu trinken, zu essen und zu rauchen.

Am 27.Fastentag teilen die Würdenträger des Staates, eine Tradition noch aus der Zeit der Herrschaft des Bey von Tunis, ihre
Abendmahlzeit mit den Ärmsten. Für sie werden währen des Fastenmonats sogenannte „Restaurants du Coeur“, Gaststätten des Herzens, eingerichtet, wo kostenlos aufgetafelt wird. Selbst Präsident Zine el Abdine Ben Ali speist dann irgendwo in der Medina mit Mittellosen.

Im Fastenmonat stehen die Menschen früher auf, um dem Tagesanbruch zuvorzukommen. Sie bleiben länger auf den Beinen, um abends in Ruhe zu essen und zu feiern. Drei
Mahlzeiten nehmen sie während der Dunkelheit ein – die erste noch vor Sonnenaufgang, die nächste erst unmittelbar nach Sonnenuntergang, eine weitere irgendwann in der Nacht und jede für sich üppiger als während der elf anderen Monate des
Jahres. Große Runden kommen bei Nacht zusammen, zelebrieren ihre Mahlzeiten mehrgängig, essen knusprige mit Thunfisch oder Ei gefüllte Bric-Teigtaschen, genießen Zlabia, in fett gebackenes und anschließend in Honig getauchtes Gebäck, das es nur
während des Ramadan gibt.

Behörden, Banken und Geschäfte schließen bereits um zwölf Uhr mittags und machen erst am nächsten Morgen wieder auf, die Fahrpläne der Busse und Bahnen sind 29 Tage lang
eingeschränkt. Das Herz nicht nur der tunesischen Hauptstadt schlägt langsamer. Frauen sind im Fastenmonat nachmittags
kaum auf der Straße der tunesischen Hauptstadt zu sehen, denn oft stehen sie stundenlang am heimischen Herd, um die
mehrgängigen Menüs für das Abendessen vorzubereiten. Chorba beispielsweise, eine Weizengriessuppe mit Gemüse, gehört in
Tunesien immer dazu.

Wer mogelt und gegen das Fastengebot verstößt, tut es heimlich. Trotzdem weiß jeder, wo. Aber nur „Mittäter“ sehen,
wer sich nicht zusammenreißen kann: Die Fensterscheiben manches Cafés an der Avenue Bourguiba sind vier Wochen lang mit schwarzer Folie verklebt, die Türen nicht sperrangelweit offen wie sonst, sondern angelehnt. Drinnen wird geraucht, getrunken, manchmal eine Kleinigkeit gegessen. Vom späten Vormittag an herrscht Gedränge in den engen und von beißendem Qualm erfüllten Räumen. Der Augenausdruck der Anwesenden ist gehetzt. Die Blicke sind die ertappter Sünder, die über die eigene Schwäche und Heimlichtuerei grollen. Ramadan-Flüchtlinge, dazwischen Urlauber, die dort rauchen und
Kaffee trinken wollen. Am späten Nachmittag sind diese Mogler im Straßenbild daran zu erkennen, dass sie entspannt und ohne Eile flanieren, während alle anderen in Richtung heimischen Herd hetzen oder mit starrem Blick und Löffel in der Hand im Restaurant auf das erlösende Signal warten.
Der 1987 gestürzte Staatsgründer Tunesiens, Habib Bourguiba, trat jahrzehntelang für eine weniger konsequente Auslegung einiger Vorschriftten des Koran ein. Die Religion, war sein Standpunkt, sei in Ehren zu halten, doch dürfe sie zu keiner Zeit die Entwicklung Tunesiens zu einer modernen und konkurrenzfähigen Wirtschaftsnation behindern. Deshalb müsse es allen arbeitenden Menschen erlaubt sein, auch während des
Ramadan tagsüber zu essen und zu trinken, wann immer der Körper danach verlangt. So sehr Bourguiba, der schon Ende der
1950er Jahre per Dekret die Abschaffung des Schleiers angeordnet hat, mit vielen seiner Modernisierungsbestrebungen Erfolg hatte, so wenig schien er mit seiner Sichtweise des
Fastenmonats durchzudringen.

Während des Ramadan vergehen die Tage in Tunis langsamer. Die Übergänge zwischen Tag und Nacht sind dafür umso hektischer, die Nächte schwungvoller. Nach dem Abendessen
öffnen die Geschäfte in der Medina wieder und holen den Nachmittag nach: In der zweiten Häfte des Ramadan lassen die Händler erst um etwa ein Uhr morgens die Stahllamellen der
Jalousien vor den Auslagen herunterrappeln und machen Feierabend. An Ramadan-Abenden gehen die Menschen aus, ins Kino, ins Konzert im „Dar Lasram“ in der Medina, ins Theater an der Avenue Bourguiba. Natürlich in die Moschee. Und zum Einkaufen. Hunger macht spendabel.

Hamed, Lehrer aus dem Vorort Ariana, hat an jeder Hand eine seiner beiden kleinen Töchter: Abends um kurz nach neun schlendert er mit seiner Frau Rania und den Kindern durch die Medina. Die Sonne ist vor mehr als drei Stunden untergegangen, das Abendessen bereits Vergangenheit. Menschenmassen wabern durch die engen Gassen, stöbern in den Auslagen der Geschäfte. Kinder werden für das Fest Eid el Fitr, das die Fastenzeit beendet, traditionell neu eingekleidet, werden mit
Süßigkeiten und Spielzeug beschenkt. 18Dinar bezahlt Hamed für das neue Kleid seiner Tochter Suha, 14 für das ihrer kleineren
Schwester Hanan. Viel Geld für ihn, denn als Lehrer liegt sein Monatslohn bei weniger als 400Dinar. Touristen sind um diese Zeit nicht mehr unterwegs, schlummern längst in ihren
Ferienhotels in Hammamet, Nabeul und Monastir. Die Einheimischen haben ihre Medina für sich.

Hager El Hassasna macht in diesen zwei Wochen mit seinem kleinen Geschäft im Souk el Attarine, dessen Angebot von der Baby-Milchflasche bis zu Kinderschuhen, von Windeln bis zu Kleidern reicht, mehr Umsatz als in jedem anderen Monat des Jahres. „Wenn der Magen knurrt, klingelt die Kasse“ lacht er. „Dafür hungere ich tagsüber gern.“ Er blinzelt mit dem linken Auge, sortiert Schuhe ins Regal zurück und dankt Allah dafür,
dass seine Mitbürger sich an Eid el Fitr gegenseitig große Geschenke machen.

Der Termin des Fastenmonats orientiert sich am Mondkalender, dessen zwölf Monate anders als nach gregorianischer Zählweise nur 29Tage haben. Er verschiebt sich deshalb von Jahr
zu Jahr und bewegt sich rückwärts durch den gregorianischen Kalender. Wird im Jahr 2001 vom 17.November bis zum 16.Dezember gefastet, so fällt der Ramadan im Jahr 2002 auf die
Zeit zwischen 6.November und 5.Dezember. Trifft er – wie jetzt – in das Winterhalbjahr, sind seine Anforderungen an Magen und Psyche wesentlich leichter zu ertragen. Die Tage sind dann kürzer, nicht brütend heiß wie im Hochsommer, wenn die Zeit des Darbens um Stunden länger ist.

Es grünt die Ampel
Seit Stunden stehen die zwei Verkehrspolizisten neben ihren Motorrädern am breiten Boulevard 7ième Novembre stadtauswärts Richtung Flughafen Tunis-Carthage. Dort, wo sie immer stehen. Jeden Tag. Das ganze Jahr über. Vormittags
nimmt alles seinen normalen Gang. Herausgepfiffen wird nur, wer die Regeln allzu weit übertritt. Steht die Sonne im Zenit, fehlen bereits die zehn bis zwölf Zigaretten eines normalen Vormittags
außerhalb des Ramadans. Auch kleinere Vergehen werden nun geahndet.
Ab spätem Nachmittag wird es brenzlig. Die Polizisten sind etwa eineinhalb Schachteln Zigaretten im Rückstand und entsprechend
übellaunig. Aus dem Verkehrsfluss herauskommandiert und gründlichst überprüft wird, wer immer ihnen für irgendetwas
verdächtig erscheint, gerade unsympathisch wirkt, Verkehrssünder ist, Klein- oder Großkrimineller sein könnte. Aussteigen, Papiere her. Warten. Kofferraum auf, Sonnenbrille ab. Warten. Fragen beantworten. Geduld bewahren. Noch mehr Papiere her. Lächeln. Irgendwann endlich weiterfahren. Oder mit auf die Wache kommen. Zum Beispiel, weil man sich während der Überprüfung leichtfertig eine Zigarette angezündet hat. Das ist zwar nicht verboten, aber auch nicht nett, zumal die beiden fastentreuen Verkehrspolizisten mittlerweile noch weiter im Rauch-Rückstand sind.

Kurz vor Sonnenuntergang wird sich alles in Wohlgefallen auflösen, denn Minuten später müssen die Uniformierten bei ihren Familien sein. Dort gibt es zu essen, zu trinken – von allem mehr als sonst. Und dort warten Zigaretten. Unfertige Formalitäten mit Vielleicht-Verkehrssündern halten um diese
Stunde nur von Wichtigerem ab. Und weil es jeden Tag im Ramadan so oder ähnlich abläuft, sind die Autos kurz vor Sonnenuntergang schneller und die Ampeln grüner.

Nach dem Ende des Ramadan wird zwei Tage und Nächte lang das Fest Eid el Fitr gefeiert: Rummel mit Karussels für die Kinder, mit Geschenken und großen Festen im Familien- und
Freundeskreis. Wer immer es sich leisten kann, schlachtet einen Hammel – und denkt an die, denen es schlechter geht. Sie
bekommen zu Eid el Fitr Geld- und Sachspenden. 300 Tonnen an Nahrungs- und Kleidungsspenden für die Bedürftigen, hat die
staatliche tunesische Nachrichtenagentur errechnet, kamen landesweit allein vor Eid el Fitr im Jahr 2000 zusammen.

Taxis sind während dieses Festes so schwer zu bekommen wie tags zuvor bei Sonnenuntergang. Wer sonst eines fährt, feiert jetzt lieber. Die Verkehrspolizisten am Boulevard 7ième
Novembre aber sind wieder auf ihrem Posten: keine einzige Zigarettenlänge im Hintertreffen mehr, diesmal stattdessen
einige Portionen Hammelbraten im Rückstand. Das mag schwerer wiegen, und deshalb sind Ampeln an den Feiertagen wirklich rot,
wenn sie Rot zeigen.
Helge Sobik"

Anna