Islamismus
Wie gefährlich ist der Islamismus?
Antiwestliche Rhetorik - Militanz in den islamischen Staaten
Von Arnold Hottinger*
Der Islamismus, das heisst die ideologisierte und politisierte Version des Islams, die heute in Iran und im Sudan die Herrschaft ausübt und als Oppositionsideologie in Algerien, Tunesien, Ägypten und anderen islamischen Staaten eine Rolle spielt, polemisiert scharf gegen Europa und die Vereinigten Staaten. Seine verbalen Angriffe können von Drohungen und von terroristischen Anschlägen begleitet sein. Es ist aus diesem Grunde verständlich, wenn im Westen der Islamismus, ja jede islamische Wiederbelebung, als eine gefährliche Bedrohung erscheint.
Globaleinschätzungen «des Islams» als fundamentalistischer Bedrohung sind gefährlich, weil sie den Zielen der Islamisten entgegenkommen. Sie akzeptieren nämlich mehr oder weniger stillschweigend die Behauptung der islamistischen Ideologen, nach welcher sie und ihre Anhänger den Islam schlechthin vertreten, und sie nehmen auch insofern die Ideologie der Islamisten an, als sie unterstellen, zwischen diesem «Islam» und «dem Westen» bestünden eine Art Erbfeindschaft und eine Unvereinbarkeit, die sie unvermeidlich zu Todfeinden abstempelten. Solches trifft jedoch nicht zu. Die Islamisten sind nur eine kleine Gruppe innerhalb des Islams. Sie können allerdings unter gewissen Umständen eine grössere Anhängerschaft mobilisieren, wie dies etwa die Revolutionsjahre in Iran oder die Wahlen von 1991 in Algerien gezeigt haben.
Diese Umstände sind durch Unzufriedenheit mit der jeweiligen Regierung und den unter ihr bestehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen gegeben. Die Unzufriedenheit mag mehr oder weniger gerechtfertigt sein, doch praktisch in allen Fällen kann sie auf tatsächliche Missstände hinweisen. Ob ein islamistisches Regime, falls es die Macht ergreifen sollte, dann wirklich besser regiert als das von den Islamisten zu Fall gebrachte, ist eine ganz andere Frage.
Kampf den eigenen Regierungen
Trotz seiner antiwestlichen Rhetorik richtet sich der Islamismus in der politischen Praxis gegen die Regierungen im eigenen Land; sie möchte er umstürzen. Die Argumente, die er dazu verwendet, sind freilich überwiegend antiwestlicher Natur: Das angegriffene Regime wird als «Knecht des Westens» bezeichnet (der Schah als «Knecht der Amerikaner»), als solches wird es von den extremen Islamisten gerne als ein nicht wirklich islamisches, sondern als ein Jahiliya-Regime eingestuft. Als Jahiliya, Zeit der Unwissenheit, wird im Islam die Zeit vor dem Auftreten Mohammeds bezeichnet.
Man begegnet hier der schon erwähnten Tendenz, zentral für ihre Ideologie, nach welcher die Islamisten die einzig wahren Muslime sein wollen und deshalb «den Islam» schlechthin verträten. Natürlich ist es kein Zufall, dass die Islamisten die Agitation gegen den Westen und gegen ihre eigenen, angeblich dem Westen verfallenen Regierungen ins Zentrum ihrer Propaganda rücken. Sie sprechen damit Ressentiments an, die heute in fast allen Gesellschaften der Dritten Welt, besonders aber bei den nächsten islamischen und den arabischen Nachbarn Europas, tief verwurzelt sind. Diese Ressentiments haben mit der Überlagerung durch westliche Macht - militärisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell, technologisch, ideologisch - zu tun, welche die nichteuropäischen Völker, die islamischen vielleicht mehr als alle anderen Asiens, seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts erlitten haben und noch heute erleiden.
Ein Jahrhundert der Erfolglosigkeit
Diese Überlagerung, in jeder nahöstlichen Stadt sichtbar in der Trennung zwischen «Medina» und «neuer Stadt», in der traditionellen und der «europäischen» Kleidung ihrer Bewohner, war für viele annehmbar, solange Hoffnung bestand, dass die westlichen Einflüsse ihrem Land schliesslich Ansehen und Wohlstand bringen würden. Doch daran sind immer mehr Zweifel aufgekommen: in der arabischen Welt seit der Niederlage im Sechstagekrieg; in Iran nach einer langen Inkubationszeit recht plötzlich, als der Wirtschaftsboom der vervielfachten Erdöleinnahmen von 1974 im Jahre 1978 zusammenbrach.
Dass der Weg der Verwestlichung, den die Eliten etwa im Osmanischen Reich und in Ägypten schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angetreten hatten, wirklich die gesamten nahöstlichen Gesellschaften auf eine dem Westen vergleichbare Ebene heben könne, wurde immer unwahrscheinlicher.
Dieses Gleichziehen oder gar Übertreffen ist nicht nur eine politische und wirtschaftliche Forderung, wie sie die Muslime im Interesse der eigenen Freiheit, der kulturellen Eigenständigkeit und des Wohlstandes erheben, sie hatte auch einen religiösen Aspekt. Die Muslime sind es auf Grund ihrer heiligen Schriften und einer inzwischen über 1400 Jahre alten, weitgehend erfolgreichen Geschichte sich selbst schuldig, dem Koranwort nachzuleben, das sie als «die beste Gemeinschaft» bezeichnet (Koran 3/111, europ. Zählung 3/106). Wenn sie das nicht vermögen, weil andere Gemeinschaften sich als offensichtlich stärker und effizienter erweisen, muss etwas an der Ausübung ihrer Religion falsch sein.
Anfechtung des Lebens und des Glaubens
Solange dieser Widerspruch zwischen der tatsächlichen Lage und dem religiös begründeten Anspruch fortbesteht, muss auch ein mehr oder minder diffuses Missbehagen andauern. Dieses verschärft sich dann, wenn die Aussichten auf eine echte Änderung der Verhältnisse gering scheinen, ja unglaubwürdig werden.
Der dringende Wunsch nach Veränderung der bestehenden Verhältnisse wird also nicht nur getragen vom Bedürfnis nach einem besseren Leben in dieser Welt, sondern beruht auch auf dem religiösen Auftrag, die Gemeinschaft der Muslime wieder zur erfolgreichen, sichtbar von Gott gesegneten Gemeinschaft zu machen, welche sie in der muslimischen Selbstsicht sein sollte.
Die islamistische Wende trat ein, als vielen Muslimen immer deutlicher wurde, dass ihrer Gemeinschaft auf dem seit dem 19. Jahrhundert eingeschlagenen Weg nicht der erhoffte und erwartete Erfolg beschieden war, sondern eher dessen Gegenteil. Auf die Enttäuschung über die mangelhaften, ja kontraproduktiven Resultate des Bemühens um Verwestlichung folgte eine Reaktion, die längst von kleineren Gruppen vorbereitet worden war. Die Muslimbrüder predigten eine islamistische Lehre in Ägypten schon seit 1928, seit den dreissiger Jahren im ganzen arabischen Raum; Mawdoodi tat dies in Pakistan seit der Staatsgründung von 1947.
Eine Gefahr für die Muslime
Diese Lehre besagt: Ohne Rückkehr zu einem ernstgenommenen, unter Zurückweisung aller nichtislamischen Entwicklungen und Vorstellungen gelebten Islam wird es kein Heil für die Muslime geben. Oder, positiv ausgedrückt: das Heil ist gewiss, wenn die Muslime nur ganz genau den islamischen Gesetzen und dem islamischen Ethos nachleben, auch im staatlichen Bereich, den der Islam nicht vom geistlichen abtrennen will und kann.
Gefährlich ist eine solche Lehre in erster Linie für die in der Praxis weitgehend «verwestlichten» Regierungen und Oberschichten der Staaten, in denen sie um sich greift. Sie zielt zunächst auf Machtergreifung im eigenen Innenbereich, der als durch westliche Einflüsse korrumpiert angesehen wird.
Als Oppositionsideologie ist der Islamismus in der Tat im eigenen islamischen Bereich mächtig, weil seine Lehren auf seit Generationen immer anwachsende Frustrationen eingehen und deren Ursachen zu beseitigen versprechen. Doch muss auch gesehen werden, dass die islamistische Ideologie in der Opposition Dinge verspricht, die sie, wäre sie an der Macht, schwerlich würde einlösen können. Die Unterlegenheit und damit Ausbeutbarkeit der islamischen Länder ist durch Sachzwänge gegeben, die sich durch die blosse Annahme einer ideologischen Lehre (die sich selbst als «den Islam» ausgeben möchte) kaum verändern werden.
Die Islamisten betonen, dass ihre Lehre die Menschen verändern werde und dass diese veränderten Menschen dann auch ihre Umwelt anders anzupacken vermöchten. Auch dafür gibt es einen Koranvers (13/12): «Gott ändert nicht die Lage eines Volkes, solange sie nicht ändern, was in ihrem Herzen ist; und wenn Gott einem Volk Böses will, gibt es keine Wehr dagegen, und sie haben ausser Ihm keinen Helfer.»
Bisher ist freilich nicht viel von einer solchen inneren Umkehr zu erkennen, weder in Iran noch im Sudan, noch in Pakistan, wo ebenfalls Versuche gemacht werden, einen islamistisch verstandenen islamischen Staat einzuführen.
Der formale Islam der Scharia
Es dürfte in der Tat schwierig sein, eine wirkliche Veränderung in «den Herzen der Menschen» herbeizuführen, solange die Islamisten daran festhalten, dass der Islam gleichzusetzen sei mit dem Gottesgesetz der Scharia, so wie es von den Gottesgelehrten im Frühmittelalter, entsprechend dem damaligen Verständnis der islamischen Texte und Überlieferungen, formuliert worden war. Dieses Gottesgesetz mit all seinen nicht zur heutigen Zeit passenden Einzelheiten (im Prinzip lässt es sogar die Sklaverei gelten, obwohl es die Freilassung von Sklaven als gute Handlung empfiehlt) zwingt zu einem starken Formalismus; das heisst zur formalen Erfüllung von fein ausgearbeiteten Detailvorschriften aus einer längst vergangenen Zeit, die schwerlich die Herzen verändern und das Verhalten der Menschen so beeinflussen wird, dass sie der Aufgabe nachkommen können, die ihnen heute gestellt ist. Diese bestünde darin, in der Gegenwart einen Rang zu erlangen, der sie zu angesehenen, massgeblichen Teilhabern an der heutigen Weltordnung erhebe.
Die Islamisten machen vielmehr den Eindruck von Leuten, die sich auf ein Wunder Gottes verlassen möchten, von dem sie glauben, es müsse sich einstellen, wenn sie nur streng und genau genug die Gesetze der Scharia erfüllten. Solange sie jedoch nicht in der Lage sind, diese Scharia zu hinterfragen und die Grundtexte, aus denen sie zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert abgeleitet worden war, mit neuen, heutigen Augen zu lesen, wird sich der erwartete Wandel nicht einstellen. Viel eher wird sich verstärken, was sich heute bereits in den von Islamisten regierten Staaten abzeichnet: Streit darüber, welches nun die wirklich islamischen Lösungen vieler durch die moderne Welt gestellter Probleme seien, vom Aufbau einer «islamischen» Universität zur «islamischen» Aussen- oder Minderheitenpolitik, von den «islamischen» Menschenrechten bis zu den Rechten der «islamischen» Frau, den Fragen einer «islamischen» Wirtschaftsordnung mit vielen Unterkapiteln, wie dem einer «islamischen» Landreform, eines «islamischen» Aussenhandels, «islamischer» Geldgeschäfte und anderem mehr. Wobei der immer wieder versuchte Rückgriff auf die frühmittelalterliche Ordnung der Scharia in vielen Fällen eine zeitgemässe Lösung verbietet.
Schwächung statt Stärkung
Man kann aus der bisher deutlich gewordenen Lage schliessen: Der Islamismus schwächt die Regierungen der Länder, wo er aktiv wird. In der Opposition erweist er sich als eine sehr wirksame Gegenideologie, die den bestehenden Staat erschüttert; an die Macht gelangt, verhindert er, dass für Gegenwartsprobleme die für die Gegenwart geeignete Lösung gefunden werde. Der Islamismus beraubt sich selbst der Möglichkeit, auf die heutigen Fragestellungen heutige Antworten zu finden. Er kann dies nicht, weil er sich an die ehrwürdige, aber zu anderen Zeiten entstandene und an jene Zeiten gebundene Rechtskonstruktion des Gottesgesetzes halten zu müssen glaubt. Die Begriffe «Gottes-» oder «Religionsgesetz», mit denen wir «Scharia» oft übersetzen, sind unangemessen, weil sie den Umstand verschweigen, dessen jeder muslimische Gelehrte sich bewusst sein dürfte, dass dieses Gottesgesetz nämlich von Menschen formuliert wurde, den Gottesgelehrten des frühen Islams, die ihr damaliges Verständnis der heiligen Texte und Überlieferungen einbrachten.
Nimmt man Gleichsetzung von «Islam» mit «Scharia» an, sind alle Handlungen der Menschen in den fünf Kategorien: erlaubt, empfohlen, gleichgültig, abzuraten, verboten, sehr genau klassifiziert. Und diese Regeln geniessen das Prestige einer Abstützung auf die heiligen Schriften und eine lange und grosse Vergangenheit. Aus diesem Grunde fällt es den Islamisten in der Opposition leicht, ihren Gefolgsleuten und sich selbst zu versichern, dass sie genau wüssten, was falsch und was richtig sei.
Bewährungsprobe der Macht
Sobald Islamisten jedoch an die Macht gelangen, wird die unbedingte Hinnahme der Scharia als «Rechtleitung» zur Schwäche. In manchen Fällen sind sie gezwungen, formale Ausflüchte zu finden, um das Religionsgesetz zu umgehen und ihm doch pro forma Folge zu leisten. In anderen bindet das Gottesgesetz das Leben der Familien und der Gesellschaften sowie auch ihren geistigen Horizont in verhärtete Strukturen ein, die es den Islamisten und der von ihnen beherrschten Bevölkerung nicht erlauben, ein modernes Staatswesen aufzubauen.
Wie Iran zeigt, können islamistische Machthaber eine Scheindemokratie zulassen. Sie sehen sich jedoch offenbar nicht in der Lage, die Politik tatsächlich für Oppositionsströmungen zu öffnen, die sie als «unislamisch» ansehen. Sie glauben Opposition gegen «den Islam» (so wie sie ihn verstehen) verbieten zu müssen, oder sie fürchten ganz einfach, andere politische Richtungen könnten ihre Macht, die sie naiv als die Macht «des Islams» auffassen, untergraben und damit «den Islam» zu Fall bringen. Für das Informationswesen, ja für das gesamte Geistesleben, gelten ähnlich enge Grenzen. Solange die Scharia als «der Islam» aufgefasst wird und daher uneingeschränkt und konkurrenzlos herrschen muss, kann es keine Gedankenfreiheit geben. Doch all dies sind, um es zu wiederholen, Gefahren, die der Islamismus für seine eigenen Staaten darstellt, nicht für die Aussenwelt.
Ablenkung frustrierter Energie nach aussen?
Man kann sich allerdings Situationen vorstellen, in denen ein solcher «Scharia-Staat» gerade darum nach aussen hin gefährlich werden könnte, weil er im Inneren keinen Erfolg hat. Iran hat schon einmal einen äusseren Krieg, jenen, den der Irak 1980 begonnen hatte, ausgenützt und dann länger als nötig weitergeführt, weil die Machthaber sich davon eine Einigung des Landes und einen Durchbruch nach aussen erhofften, der dann aber nicht eintrat.
Die Versuchung, durch äussere Abenteuer von innerer Unzufriedenheit über nicht endende Missstände abzulenken, besteht wohl immer. Sie wächst, je deutlicher den Herrschenden wird, dass sie das versprochene Ziel einer mächtigen, wohlhabenden und angesehenen Nation nicht erreichen. Solche Ablenkungsaktivitäten könnten leicht die Form von Terroraktionen annehmen, die sich gegen den westlichen Feind und Rivalen richteten. Beim Anschlag gegen das World Trade Center in New York im Februar 1993 scheint etwas Derartiges versucht worden zu sein.
Wenn die inneren Spannungen wachsen, besteht die Gefahr, dass ähnliche Aktionen staatsterroristischer Art weiter zunehmen oder dass gar irgendwelche kriegerischen Abenteuer gesucht werden. Wahrscheinlich wird dies mehr im lokalen Umfeld der betreffenden Staaten geschehen, für Iran etwa im Raum des Golfes, für den Sudan Richtung Ägypten. Bis heute fehlen die militärischen Mittel, um auf grössere Distanz aktiv zu werden. Das Nichteingreifen der muslimischen und der islamistischen Staaten in Bosnien bestätigt, dass die Führungen sich dieser Beschränkungen bewusst sind.
Die europäischen Muslime als Zielscheibe
Freilich scheint Iran, ein Staat mit einem beachtlichen Erdöleinkommen, gegenwärtig bemüht, auf dem Waffenbasar der ehemaligen Sowjetunion und in Nordkorea einzukaufen. In dieser Hinsicht ist also gewiss Wachsamkeit geboten und eine Kontrolle aller Technologieexporte mit Bewaffnungspotential notwendig.
Der Umstand, dass in Europa und den Vereinigten Staaten gegen 12 Millionen muslimischer Gastarbeiter leben und weiter leben werden, bringt ebenfalls einige Gefahren mit sich. Nur ein geringer Teil dieser Gastarbeiter sind Islamisten. Doch diese Zahlen könnten rasch zunehmen, wenn der europäische Umgang mit den Fremdarbeitern falsche Wege geht. Jede Ungerechtigkeit, der sie sich wehrlos ausgesetzt sehen, wird sie in die Lager der Islamisten treiben. So klein deren gegenwärtige Grüppchen sein mögen, stellen sie doch Auffangpositionen dar, in die die meisten Muslime Europas einlaufen dürften, die sich in der industrialisierten Welt schlecht oder ungerecht behandelt vorkommen. Auch in Europa gilt, was die Stärke der islamistischen Oppositionen im Nahen Osten ausmacht: Je schlechter es der muslimischen Bevölkerung objektiv geht und je aussichtsloser ihnen ihr europäisches Dasein subjektiv erscheint, desto leichter werden sie Beute der islamistischen Verlockungen.
Die meisten Sicherheitsdienste der Industriestaaten dürften noch nicht ausgerüstet sein, um verlässlich zwischen harmlosen Gastarbeitern und Angehörigen aktivistischer Islamistengruppen zu unterscheiden. Auch in dieser Hinsicht sind die Ereignisse von New York instruktiv. Die ägyptischen Dienste hatten die amerikanischen gewarnt, dass der inzwischen berühmte blinde Geistliche Omar Abderrahman ein gefährlicher Aktivist sei. Doch die amerikanischen Dienste konnten ihn auf ihrem Computer nicht finden, bis das World Trade Center in die Luft flog. Weder der Computer noch die ihn bedienenden Beamten wussten, dass man den Namen Umar Abdul-Rahman auf vierzig verschiedene Arten aus der arabischen in die lateinische Schrift umschreiben kann, die alle als «richtig» gelten können. Die ägyptischen Warner hatten eine Umschreibung verwendet; im Computer war eine andere gespeichert.
Ideen durch Ideen bekämpfen
Soweit sich für Europa und für die Vereinigten Staaten Gefahren ergeben, ist ihnen in erster Linie dadurch zu begegnen, dass die intellektuellen und organisatorischen Mechanismen wirklich verstanden werden, welche die Islamisten bewegen. Wirksame Gegenaktionen können nur an diesem Punkt einsetzen, weil Ideen, auch realitätsverzerrende, nur durch Ideen bekämpft werden können.
Soweit der Islamismus eine Bedrohung der bestehenden Regime und Interessen in der islamischen Welt darstellt (und damit indirekt natürlich auch die benachbarte westliche Welt in Mitleidenschaft zieht), kann er nur wirksam bekämpft werden, wenn die bestehenden Unruheherde gelöscht und die vorliegenden Missstände möglichst behoben werden. Dies ist der Preis, der für die Überwindung der islamistischen Ideologie im islamischen Raum zu entrichten wäre.
Neue Zürcher Zeitung vom 24. Juli 1993
* Der Autor ist ehemaliger NZZ-Nahostkorrespondent.
http://www.nzz.ch/dossiers/islamismus/islam_hottinger1.html