Feindbild Islam
"Und seid nicht verzagt und seid nicht traurig ..."
Das Ausmaß der üblen Kampagne, die von den westlichen Medien seit dem 11. September
gegen den Islam und die Muslime geführt wird, ist sicherlich keinem Beobachter entgangen.
Obwohl man bis heute keinen einzigen Beweis für die Täterschaft einer muslimischen
Organisation vorgelegt hat, sind die Muslime medial und mit Unterstützung politischer Stellen
vom ersten Moment an zum Schuldigen abgestempelt worden. Das Ereignis wurde aber in
gemeiner Weise benützt, um den ganzen Islam als Lebensordnung in den Augen der westlichen
Menschen zu verunglimpfen. Aus allen Schubladen zog man plötzlich Dokumentationen über den
Islam, die Taliban und die "Frauensituation" in den islamischen Ländern, die tagaus tagein in
allen Kanälen über den Bildschirm flimmerten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist
dem Westen offenbar das Feindbild abhanden gekommen, mit dem man es über drei Jahrzehnte
lang geschafft hat, die eigene Bevölkerung mit der bestehenden Ordnung zu solidarisieren. Klar
nach dem Motto: "Gott sei Dank geht es uns hier besser als denen dort, die werden ja total
unterdrückt." Mit dieser Einstellung identifizierte man sich natürlich mit dem System im eigenen
Land und sah über Verfehlungen - und seien diese noch so krass - großzügig hinweg.

Nun hat man, so scheint es, im Islam ein neues Opfer gefunden, um die Menschen weiterhin "bei
der Stange zu halten". In krampfhafter Weise wird versucht, den Islam als neues Feindbild in den
Köpfen der Menschen aufzubauen - und das mit Erfolg. Ein weiterer Aspekt sei hier erwähnt:
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist der Islam als einzige umfassende
Lebensordnung übrig geblieben, die den Kapitalismus ernsthaft herausfordern kann. Er verfügt
nicht nur über gesellschaftliche und soziale Normen, sondern auch über ein universelles
Wirtschaftssystem, das für eine gerechte Umverteilung der Reichtümer sorgt. Obwohl
Privatbesitz und Wohlstand erlaubt sind, werden durch ausgeklügelte Wirtschaftsregeln jedem
Einzelnen ein menschenwürdiges Leben garantiert. "Wer Güter hinterlässt, so gehören
diese seinen Erben. Und wer Mittellose hinterlässt, so sind wir dafür verantwortlich."
(Hadith)

Zweifelsohne verfügt der Islam über das gerechtere Wirtschaftssystem und ist als
Lebensordnung - bei vollständiger Implementierung - gewiss in der Lage, den Kapitalismus in
die Knie zu zwingen. Deswegen ist auch der Islam den westlichen Machthabern ein Dorn im
Auge, weil er - sollte er in einem souveränen Staat angewendet werden - ihrer weltweiten
Ausbeutung ein Ende setzen wird.

Niemandem ist auch verborgen geblieben, in welch misslicher Lage sich die Muslime im Westen
angesichts dieses vorsätzlichen "Anti-Islam-Feldzuges" befinden, so dass der Muslim sich
seines Lebens und seines Besitzes nicht mehr sicher sein kann. Die westlichen Behörden
stützen sich in ihrer Kampagne auf bloße Verdächtigungen und Vermutungen und verletzen
hierbei jede von ihnen prahlerisch bejubelte Wahrung der Gesetze und Aufrechterhaltung der
Freiheiten und Menschenrechte.

Für die Menschen in Europa ist das Bild des Muslim nun unmittelbar mit Terrorismus und Mord
verknüpft, so dass die Einführung "muslimfeindlicher" Gesetze mehrheitlich - ohne
erwähnenswerten Widerstand - akzeptiert worden ist. Gesetze, die jeden Muslim unter Verdacht
stellen können. Deutschlands Innenminister Schily hat kürzlich unverhohlen gemeint, "es reiche
ihm nicht, wenn die Muslime die Anschläge verurteilen. Vielmehr erwarte er sich aktive Mithilfe,
um die Mittäter zu fassen". Die Muslime sollen also nach Ansicht des deutschen Innenministers
Polizeiarbeit leisten und als Spitzel gegen die eigenen Glaubensbrüder fungieren. Alles nur um
dem amerikanischen Terrorbetrug, dem die deutschen Behörden aufgesessen sind, Vorschub zu
leisten.

Angesichts dieser Situation stellte sich traurigerweise bei einigen Muslimen eine gewisse
Unterwürfigkeit ein. Ihre Entschlossenheit ließ nach und ihr Mangel an Erkenntnis hielt sie davon
ab, in Würde und Größe die Seite der Wahrheit zu ergreifen. In Anbetracht dieser Situation
erachten wir es als unsere Pflicht, die Muslime auf einige Umstände hinzuweisen:

1. Nicht zum ersten Mal sind der Islam und die Muslime, die inmitten von Nichtmuslimen leben,
Prüfungen und auch Verleumdungen ausgesetzt. So waren der Gesandte Allahs und diejenigen,
die an ihn glaubten, in Mekka Willkür und Folter ausgeliefert. Sie befanden sich in schwerer Not,
den Tyrannen unterlegen. Wie trefflich drückt sich da der Gesandte (s.) in seinem Bittgebet aus,
das er nach seiner Rückkehr aus Ta'if sprach: "O Allah, zu Dir klage ich über die Schwäche
meiner Kraft, über die Geringfügigkeit meiner Möglichkeiten und dass ich von den
Menschen so geringgeschätzt werde. Du Barmherzigster aller Barmherzigen. Du bist
der Herr der Unterdrückten. Du bist mein Herr, wem willst Du mich überlassen? Einem
Fernen, der mich düster anblickt oder einem Feind, dem Du meine Angelegenheit
übertragen hast?" Ähnliches widerfuhr auch den muslimischen Auswanderern nach
Abessinien, als sie einer harten Prüfung ausgesetzt wurden, die sie beinahe ins
Verderben stürzte, nachdem die Quraisch ihre Auslieferung vom Negus forderten. Ihre
missliche Lage beschrieb Um Salama mit den Worten: "Noch nie war uns dergleichen
widerfahren."

2. Immer wenn die Muslime von Prüfungen heimgesucht wurden, sie jedoch an ihrem Glauben
festhielten und sich in Standhaftigkeit übten, ohne die Prinzipien des Islam aufzugeben oder die
Nichtmuslime im Glauben zu kompromittieren, war der Erfolg ihr steter Verbündeter und der
Triumph über den Feind das dauerhafte Resultat. Der Gesandte (s.) machte diese Tatsache in
Mekka, noch bevor ihm der Erfolg mit der Staatsgründung in Medina beschert war, deutlich.
Ahmad, Bukhari, Abu Dawud und an-Nassa'i überliefern von Khabbab ibn al-Aratt, der sagte:
"Wir sprachen: ?O Gesandter Allahs! Willst du für uns nicht um Beistand bitten und
unseretwegen dein Bittgebet an Allah richten?' Er antwortete: ?Diejenigen, die vor euch waren,
wurden vom Scheitel des Kopfes bis zur Sohle zersägt, und sie haben sich (trotzdem) nicht von
ihrem Din abbringen lassen. Und mit einem Kamm aus Eisen wurde ihnen das Fleisch von den
Knochen getrennt, doch dies ließ sie nicht von ihrem Din abkehren.' Er sagte weiter: ?Bei Allah,
diese Angelegenheit (der Islam) wird nicht eher enden, als bis ein Reiter von Sanaa nach
Hadramaut reiten kann und dabei niemand anderen fürchtet, außer Allah und den Wolf auf seine
Schafe. Doch ihr seid zu voreilig.'"

Diese Tatsache änderte sich ebenso wenig in der Haltung der Auswanderer von Abessinien,
eine Haltung, die ihnen ihr Glaube, ihr Iman auferlegte. Dies verdeutlicht Um Salama, als eine
Gesandtschaft (der Quraisch) vor dem Negus erschien, um die Auslieferung der Muslime zu
erbitten. Sie sagte: "Die Leute versammelten sich und fragten einander: "Was antwortet ihr, wenn
er euch über Jesus ausfragen sollte"' "Wir werden sagen, was Allah offenbart und was unser
Prophet gesagt hat, mag kommen was will." Als sie zum Negus kamen, fragte er sie: "Was sagt
ihr über Jesus Christus, dem Sohn Marias"' Da antwortete ihm Ja'far ibn Abi Talib: "Wir sagen
über ihn, was unserem Propheten offenbart wurde, dass er der Diener Allahs, sein Prophet, sein
Geist und sein Wort ist, das Er der unbefleckten Jungfrau Maria eingegeben hat.' Der Negus hob
einen Stock vom Boden auf und sprach: "Wahrlich, Jesus ist nicht um die Länge dieses Stockes
mehr als das, was du sagst.' Ein Raunen ging durch die ihn umgebenden Bischöfe, doch er fuhr
fort: "Wenn ihr auch raunt und raunt', (und an die Muslime gewandt)" geht, ihr seid sicher in
meinem Land. Wer euch beschimpft, wird bestraft; wer euch beschimpft, wird bestraft! Nicht für
einen Berg Gold würde ich einem von euch Leid zufügen. Gebt den beiden ihre Geschenke
zurück. Ich brauche sie nicht. Allah hat kein Bestechungsgeld genommen, als Er mir meine
Herrschaft zurückgegeben hat; wie sollte ich nun für diese Herrschaft Bestechungsgeld
annehmen! Er ist damals den Leuten nicht gegen mich gefolgt, weshalb sollte ich nun ihnen
gegen Ihn folgen.' Da verließen die beiden schmachvoll den Negus, samt dem, was sie
mitgebracht hatten."

3. In der gegenwärtigen Zeit ist es unsere Pflicht als Muslime, solidarisch zusammenzuhalten und
in einer Reihe zusammenzustehen, um der Herausforderung entgegenzutreten. Es ist dem
Muslim nicht gestattet, sich von seinem Bruder loszusprechen und ihn zu verleugnen, nur um
einen Verdacht von sich zu schieben oder die Freundschaft der Nichtmuslime zu gewinnen.
Ebenso ist es den Muslimen nicht erlaubt, als Informanten zu fungieren oder ihre Geschwister -
wegen irgendeinem unbegründeten Verdacht - auszuliefern, selbst wenn sie sich in ihren
Meinungen, Rechtsschulen, in ihren Denkrichtungen oder Bewegungen unterscheiden sollten.
Wir dürfen nicht vergessen, dass kein Muslim und keine Gruppierung vor diesem Angriff, der sich
gegen alle Muslime richtet, gefeit ist.

4. Die Muslime dürfen den Islam nicht anders darstellen als er ist, nur um das Wohlwollen der
Nichtmuslime zu erlangen. Denn der Islam ist ein den Muslimen anvertrautes Vermächtnis, und
sie werden dafür von Allah am Tage der Auferstehung zur Rechenschaft gezogen. Sie sind nicht
dazu berechtigt, auch nur einen Teil des Islam preiszugeben, um dem Druck, dem sie heute
ausgesetzt sind, zu entkommen. Denn der Verzicht auf einen Teil ist ein Verzicht auf die
Gesamtheit. Erst das Festhalten der Muslime an ihrem Glauben garantiert, dass ihr Ansehen
steigt, selbst bei den Nichtmuslimen.

"Gesandter! Richte alles aus, was von deinem Herrn zu dir herabgesandt worden ist!
Wenn du es nicht tust (und einen Teil verschweigst), so hast du seine Botschaft
wahrlich nicht verkündet. Und Allah schützt dich vor den Menschen. Allah leitet das
Volk der Ungläubigen wahrhaft nicht recht." (Sure Al-Maida 5, Aya 67)

5. Die letzten Ereignisse brachten zutage, inwieweit die Muslime in diesen Ländern mit der
restlichen Umma verbunden sind. Für jeden, der klar sehen kann, wurde offenkundig, dass die
Menschen im Westen die unter ihnen lebenden Muslime noch immer als Teil der islamischen
Umma betrachten. Sobald Muslime irgendwo auf der Welt mit einem Ereignis in Zusammenhang
stehen, werden auch hier die Muslime damit konfrontiert. Sehr deutlich sah man das bei der
"islamischen" Revolution im Iran, im ersten und zweiten Golfkrieg, bei den Selbstmordanschlägen
in Palästina und zuletzt bei den Anschlägen in New York. Wegen all dieser Ereignisse wurden
wir von den Menschen angesprochen und man fragte uns, was wir "als Muslime" dazu sagen.
Was denken sich also manche von uns, die eine Abspaltung von der Umma und ihren Problemen
beabsichtigen, einen "Euro-Islam" propagieren und sich ausschließlich den Problemen der
sogenannten Einwanderer zuwenden wollen oder sogar eine Assimilation der Muslime in den
westlichen Gesellschaften anstreben?

Diese Prüfung, die wir heute im Westen durchleben, darf nicht vorübergehen, ohne die Lehren
daraus zu ziehen. Sie darf nicht enden, indem sie uns dahin führt, unsere Pflicht des Tragens
der Botschaft des Islam und der Verkündung der Da'wa für Allah zu vernachlässigen. Denn die
ganze Welt hat das Licht des Islam und seine Gerechtigkeit bitter nötig, der Westen nicht
weniger als der Rest der Welt. Wir sehen mit eigenen Augen, wie widerwärtig die weltweite
Vorherrschaft des Kapitalismus ist und wie verbrecherisch seine Instrumente sind, die uns als
"Terroristen" bezeichnen oder uns mit ähnlichen Attributen titulieren, obwohl wir nichts damit zu
tun haben.

Die Pflicht, die Dawa zu tragen und den Islam zu verkünden, ist heute größer denn je. Unser
Auftrag, die westliche Bevölkerung aufzuklären und ihr die Problematik ihres unbekümmerten
Lebenswandels klarzumachen, ist zweifelsohne von großem Gewicht. Die Gesetze des Islam
verpflichten uns, eine Haltung der Tapferkeit und der Größe einzunehmen und darauf zu
vertrauen, dass Allah, der Erhabene, uns dabei unterstützt und unser Einsatz letztendlich von
Erfolg gekrönt sein wird. Wir müssen wissen, dass der schweren Not die Erleichterung folgt,
dass die Wahrheit die Unwahrheit ablösen und der Durchbruch des Lichts, das die Dunkelheit
vertreiben und die Tyrannei beenden wird, unausweichlich ist, ganz gleich, wie lange die
Ungerechtigkeit, die Verfälschung von Tatsachen und die Lügen über den Din Allahs noch
andauern mögen.

"Alif Lam Ra'. Dies ist ein Buch, das Wir zu dir hinabgesandt haben, auf dass du die
Menschen mit der Erlaubnis ihres Herrn aus den Finsternissen zum Lichte führen
mögest, auf den Weg des Erhabenen, des Preiswürdigen.? (Sure Ibrahim 14, Vers 1)