Mit der Äthiopienhilfe, die er vor 20 Jahren bei "Wetten, dass...?" startete, hat Karlheinz Böhm nicht nur den Hunger besiegt, sondern auch eine furchtbare Tradition - die Beschneidung der Frauen

Gott, vergib mir", ruft Fatoma Mohammed Ali. Die Hände der alten Frau zittern. "Oh, Gott möge mir vergeben für das, was ich meiner Tochter angetan habe!"



Niemals wird sie vergessen, wie sie der achtjährigen Nuria zu schweigen befahl. Wie sie ihr das Seil um den Körper band, damit sie stillhielt. Wie die Beschneiderin dann das Rasiermesser zückte, Nurias Schamlippen und Klitoris abschabte und die Hautfetzen mit Dornen zusammenheftete. "Sie hat so sehr gelitten, so sehr, so sehr", sagt sie. Und das Leiden war nicht zu Ende, als die Wunden geheilt waren. Krämpfe bei jeder monatlichen Blutung, Schmerzen bei jedem Wasserlassen. Und das Schlimmste stand ihr noch bevor.

In der Nacht der Hochzeit steigt der Bräutigam mit einem Messer ins Bett, sobald er überprüft hat, ob die Narben am Geschlecht intakt sind. Ob sie noch geschlossen und unberührt ist. Dann nimmt er das Messer, öffnet die Frau, legt sich auf sie, dringt in sie ein. Durch die Wunde. "Es ist, als ob man stirbt", sagt Fatoma und stöhnt leise. In den Augen ihrer Tochter Nuria schimmern die Tränen.

Fatoma hat erst nach dem fünften von acht Kindern normal entbinden können. Vorher wurde sie bei jeder Geburt aufgeschnitten und anschließend wieder zugenäht - wie ein Kartoffelsack. "Dann war mein Geschlecht so zerschnitten, dass sie es gelassen haben", sagt sie und zieht ihren Schal etwas fester um sich.

Vorbei. Fatomas Enkelin Ferusa wird nie das Rasiermesser zwischen ihren Schenkeln spüren, sie wird nie wochenlang die Beine zusammenpressen, um die Wunde nicht aufzureißen, nie Angst vor der Liebe haben. Ferusa wird nie beschnitten werden.

"ICH DANKE UND PREISE GOTT dafür", ruft ihre Mutter Nuria: "Und Karl!"

Vor knapp 20 Jahren hat sie Karlheinz Böhm in den Flüchtlingslagern im Osten Äthiopiens kennen gelernt. Ein junges Mädchen war sie damals, und der Mann aus Europa die Rettung ihrer Familie. Mit den 1,7 Millionen Mark, die Zuschauer einer der ersten "Wetten, dass ?"-Sendungen nach dem Aufruf des Schauspielers gespendet hatten, war er nach Äthiopien gereist. Hier bekam er von der Regierung 1100 Hektar Land im Erer-Tal zugeteilt.

Als erstes Projekt siedelte er 3200 Halbnomaden aus Flüchtlingslagern als Bauern an. Darunter auch Fatoma und ihre Tochter Nuria. Heute versorgt das von ihm gegründete Hilfswerk "Menschen für Menschen" hier 20 000 Bewohner mit Krankenstationen, Wasserstellen und Schulen. Insgesamt kümmert sich die Organisation um 1,7 Millionen Menschen in fünf übers Land verteilten Projektgebieten.

Von Anfang an predigte Karlheinz Böhm gegen die Beschneidung der jungen Mädchen im Erer-Tal. Neun von zehn Frauen in Äthiopien sind verstümmelt, die meisten in der radikalsten Form, der "pharaonischen Beschneidung", wie Nuria sie erlitten hat. Nur ein maiskorngroßes Loch bleibt offen für Urin und Blut. Viele Kinder sterben an Wundinfektionen und Blutverlust.

Am Anfang lachten die Männer nur über die seltsamen Vorstellungen dieses Weißen, der ihnen den Verzicht auf eine jahrhundertelange Tradition einreden wollte. Die Eltern hatten sie schon praktiziert und die Eltern der Eltern und deren Eltern. Warum damit aufhören? "Weil die Mädchen sterben, weil eure Töchter leiden", sagte Böhm, und er gab nicht auf. Das bewundern die Bauern im Erer-Tal noch heute: "Er hat nicht einfach gesagt "Die verstehen das nicht` und ist gegangen." Er hat sich ihre Argumente angehört, hat die Diskussion gesucht mit den Frauen, den Männern, den Jugendlichen, den Sheiks.

DANN STARB SAFIA. Das kleine Mädchen litt an epileptischen Anfällen, und Böhm hatte ihre Eltern beschworen, sie nicht beschneiden zu lassen. Sie taten es dennoch. Safia verblutete. Ihr Schicksal bewegte vor allem die Frauen. Vielleicht stimmte es doch, was Böhm immer erzählte?

Halima Beker ist eine Frau mit sanfter Stimme, die sich nicht niederschreien lässt. Sie hat nie Lesen und Schreiben gelernt, aber in den großen Diskussionsrunden am Dorfplatz weiß sie sich durchzusetzen. Halima argumentierte offen gegen die Beschneidung. Aber allein waren die Frauen machtlos. Zwar hatte Böhm den Schwestern von Nuria das Versprechen abgerungen, sich nicht beschneiden zu lassen. Aber sie kamen zu ihm und flehten ihn auf Knien an, es ihnen zu erlauben: "Wir finden keinen Mann, wer soll uns heiraten?"

Es ging nicht ohne die Männer. Böhm kaufte den Koran, um nachzulesen, ob dort die Beschneidung der Frauen verlangt wird. Schließlich erklärten sich die religiösen Führer bereit, öffentlich über den Brauch zu debattieren. Etwa 3000 Menschen versammelten sich am 6. Februar 1999 im Erer-Tal und lauschten den Worten des Sheiks und des koptischen Erzbischofs. "Im Koran oder der Bibel steht nirgendwo, dass Frauen beschnitten werden müssen", sagten die Geistlichen. Vielmehr sei es eine Sünde, den von Gott gegebenen Körper der Frau zu verstümmeln.

Die Menge wurde unruhig. Böhm zeigte ein Video einer Beschneidung. Einige Männer wurden ohnmächtig. "Natürlich wussten sie, dass die Frauen durch die Beschneidung verletzt werden", sagt Halima Beker. "Aber sie wussten es nur theoretisch - nicht, was das wirklich bedeutete."

An diesem Tag verabschiedeten die Bewohner des Tals eine Resolution, die Beschneidung für immer aus ihren Dörfern verbannte. Heute bedauern sie nur, dass dies nicht früher geschehen ist. Beklagen das Los ihrerTöchter, die sterben mussten, und ihrer Ehefrauen, die immer noch leiden. Und sie fragen ihre religiösen Führer, warum sie nicht schon früher gesagt hätten, dass die Verstümmelung nicht notwendig sei: "Dann hätten wir doch viel früher aufgehört."

Gewählte Komitees, zwei Frauen und ein Mann in jedem Dorf, achten darauf, dass die Resolution eingehalten wird. Die Bewohner des Erer-Tals verbreiten die Nachricht auch in die angrenzenden Regionen. Ein Theater-Klub der Schule hat ein Stück einstudiert und zieht damit über die Dörfer. In den weiteren vier Projektgebieten von "Menschen für Menschen" wurden erste Resolutionen verabschiedet. Im Erer-Tal kommen inzwischen sogar Kinder zu den Komitees, wenn sie hören, dass sich eine Familie über das Verbot hinwegsetzen will. Die Eltern werden dann vor das Dorfgericht gestellt. "Aber das ist bisher nur einmal passiert", sagt Halima.

IHRE HÄNDE ZITTERN, wenn sie von den Schmerzen erzählt, die ihr die Menschen bei ihren Aufklärungsgesprächen anvertraut haben. "Ich hatte ja keine Ahnung", sagt sie. Der Vater eines Mädchens kam nach der Beschneidung auf die Idee, die Wunde mit Zement zu verschließen. Es überlebte die Tortur und wurde in der Hochzeitsnacht von ihrem Ehemann verstoßen, weil niemand die Stein gewordenen Narben durchtrennen konnte. Die frische Wunde einer jungen Braut infizierte sich noch in der Hochzeitsnacht. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

In einer feierlichen Zeremonie wurden im Februar 1999 alle Beschneidungswerkzeuge ins Feuer geworfen, und die Beschneiderinnen schworen ihrem Beruf ab. Aber was wird aus den jungen Mädchen, die schon beschnitten sind? Wer soll sie nun in der Hochzeitsnacht öffnen? Die Männer wollen dies nicht mehr tun. "Kommt in unsere Krankenstationen", sagt Böhm. "Unsere Ärzte werden euch helfen, und ,Menschen für Menschen` trägt die Kosten."

Das ist sein Ansatz: Vor Ort hören, was die Menschen bewegt. "Ich sehe und höre und tue dann etwas." Graswurzelarbeit nennt er es oder "Arme auf und lächeln". Die Menschen lieben ihn, auch dafür, dass er sein Haus mitten in ihr Dorf gesetzt hat und in Kauf nimmt, dass es oft kein Wasser gibt: "Nirgendwo in Europa fühle ich mich so glücklich wie hier."

"Das Ende der Welt", nennt seine äthiopische Frau Almaz den Fleck Erde, den sie sich im Erer-Tal ausgesucht haben. Seit 1988 teilt sie Sorgen und Arbeit von Karlheinz Böhm, pendelt mit ihm zwischen Salzburg und ihrem Heimatland. Nicht mehr so oft wie früher, denn inzwischen gehen die Kinder Nicolas und Aida in Österreich in die Schule. Immer öfter bleibt sie in Salzburg, wenn er sich auf den Rückweg nach Afrika macht.

"Ich mache nicht nur Frauenprojekte, aber Frauen leiden am meisten unter der Armut in Äthiopien. Sie brauchen besondere Unterstützung", sagt Karlheinz Böhm. Nuria formuliert es einfacher und anschaulicher: "Wenn wir Frauen etwas sagen, ist es, als ob ein Halm Stroh aus dem Dach fällt. Es ändert sich nichts." Erst wenn ihre Stimmen Gewicht bekommen, weil sie mit Kleinkrediten Ziegen, Hühner oder eine Nähmaschine kaufen und damit eigene Wirtschaftskraft aufbauen können, beginnen die Männer zu hören. Und dann ändern sich die Dinge.

Karlheinz Böhm schaut die Mädchen an, die über den Dorfplatz toben, alle mit gelbem Haarnetz, die ersten unbeschnittenen Mädchen des Dorfes. "Und wenn ich nur dies erreicht hätte", sagt er. "Dafür hätte mein Leben sich gelohnt." Er hat es nicht gern, wenn seine Projekte als Entwicklungshilfe bezeichnet werden. "Die Menschen brauchen ihre eigene Entwicklung", sagt er. Er nimmt Impulse auf. Verändern müssen die Menschen vor Ort selber. Und das geht schnell.

"Meine älteste Tochter wollte nicht den Mann heiraten, den ich für sie ausgesucht habe", sagt Nuria und zuckt mit den Schultern. "Das ist wohl gut." Sogar ältere Männer erklären inzwischen ohne Scheu, dass die Frau ein Anrecht auf ihre Sexualität habe. "Wir diskutieren jetzt über alles und haben keine Angst mehr", sagt Halima und reckt ihre Faust in die Höhe. Die anderen Frauen jubeln ihr zu. Die Männer lachen