"Sicherheit" wird noch auf Jahre hinaus ein sensibles Thema in Tunesien bleiben, bei einer islamisch orientierten Regierung womöglich sogar weniger, als beim Gegenteil. Ich sehe leider keinerlei Anzeichen, daß die Innere Sicherheit im Lande sich verbessert oder daß auch nur politische Weichenstellungen dafür erfolgen.

Wer im Lande wohnt, der hat andere Bedürfnisse und Notwendigkeiten, als ein Tourist, der nur kurze Zeit dort bleibt und sich zudem in einer Art "geschützten Sphäre" bewegt. In einem Thema vor einiger Zeit hatte das Forumsmitglied "Constanze" ein paar Zeilen dazu geschrieben gehabt, warum sie dem Lande den Rücken kehrt.

Gerade heute noch erhielt ich Nachrichten aus dem engeren Familienkreis - in ihrer Heimatstadt bei Kairouan wächst die Gewalt, die Nachbarn wurden vor wenigen Tagen mit Waffen bedohrt, als sie ihr Vieh nicht kampflos an Diebe aufgeben wollten, Einbrüche sind an der Tagesordnung, sogar Mord. Polizei und Militär sind nicht zu sehen, kaum jemand läßt sein Haus noch allein.
Diebstähle hat es hier und dort auch früher gegeben, doch daß die Menschen, und zwar die Einheimischen, nunmehr berechtigte Angst um Besitz, Leib und Leben haben, das gab es in diesem Gebiet noch nicht einmal während und nach dem Umsturz.

In Metlaoui weitet sich eine Schlägerei zwischen 2 Männern aus, so daß am Ende 5 Tote und 90 Verletzte zu beklagen sind. Messer, Schwerter, Gewehre und Brandbomben werden eingesetzt. Die Polizei und das Militär werden daran gehindert, einzugreifen.

Dies sind zur zwei Beispiele, die die nach wie vor weiter erodierende Sicherheitslage für die Einwohner zeigen. Nicht die islamischen Parteien sind das Problem, nicht die Touristen sind das Ziel, sondern Kriminelle außer Rand und Band zielen auf Menschen wie Du und ich. Und der Staat ist hilflos und bemüht sich lediglich, die wichtigsten und bedeutendsten Schauplätze und Personen zu sichern. Weder gibt es Bestrebungen, die Polizeikräfte neu aufzubauen, noch wird das Militär verstärkt, stattdessen beharken sich Politiker und Parteien und stellen jeden Tag ihre Ignoranz gegenüber den Problemen des Volkes zur Schau, während dieses das Gesetz des Stärkeren vorgeführt bekommt.

Das Trauerspiel über das Datum der Wahl zieht sich nun seit Wochen hin und es gibt bislang keine definitive Entscheidung, der ehemalige Präsident und seine Partei verlieren an Feindbild-Tauglichkeit. Die Journalisten und Medien werden durch die Blume, und notfalls auch mit härteren Gegenständen, darauf aufmerksam gemacht, nicht gegen den Staat zu berichten und wirklich kritische Stimmen beginnen bereits, leiser zu werden. Und so werden auch die Berichte über "Vorfälle" leiser und seltener.

Die tunesische Industrie taumelt und viele Mittelständler, im Tourismus und auch außerhalb, liegen schon am Boden und werden nur durch Notinfusionen am Leben gehalten.
Der Tourismus läuft schlecht und alle Projektionen, auf die man sich voller Hoffnung und in Verkennung der Realität verlassen hatte, werden ihre Rechnung im Herbst präsentieren. Durch Bankrotte und Arbeitslosigkeit, die vorwiegend diejenigen treffen, die schon bisher nicht viel hatten, werden am Ende noch mehr Menschen aus dem Rennen geworfen sein und nach anderen Möglichkeiten suchen, Geld und Lebensunterhalt zu erhalten.

Will man wirklich in diesem Szenario Haus und Grund erwerben und seinen ständigen Aufenthalt in das Chaos hinein verlegen? Als Europäer sticht man aus der Menge heraus, wie ein bunter Hund. Als jemand, der mehr hat als die Einheimischen, als jemand, der die Sprache nicht spricht, eine andere Religion, Tradition und Lebensart hat, oder, kurz gesagt, als jemand, der "nicht dazugehört". Will man wirklich Vabanque spielen und sein Vermögen und Leben darauf setzen, daß Ruhe und Gesetz einkehren, bevor die Beißhemmung gegenüber ausländischen Residenten nachläßt?

Oder will man nicht lieber erst einmal abwarten, wie sich die Lage entwickelt, das Geschehen aus der Entfernung beobachten und bis dahin weder Geld noch Gesundheit investieren?

Noch einmal: es geht hier nicht um den Urlaub, oder um einen zeitlich begrenzten Aufenthalt - beides kann man jederzeit beenden, wenn die Lage es erfordert. Haus und Grund jedoch, oder auch den Lebensmittelpunkt, kann man nicht von heute auf morgen verändern und die Investition darin, und das, was nötig ist, um es zu bewahren und verteidigen, erfordert ungleich mehr Risiko und Resourcen.