Original geschrieben von: sharaz99
Also nach allem was ich hier so zusammentrage, frage ich mich ernsthaft wie es hier mittelfristig und sowieso langfristig weitergehen soll. Ich persönlich glaube, und das ist nur meine Meinung, dass es nach den Wahlen wieder erneut zu Unruhen kommen wird. Da die Tunesier glauben dass es danach einen großen turn-around (positiven) geben wird - wirtschaftlich. Und das wird definitiv nicht oder nur sehr sehr langsam der Fall sein.

Ich teile diese Einschätzung.

Original geschrieben von: sharaz99

Es fehlt in dem Land wie oben schon mal erwähnt, die lange techn. Entwicklung und in größeren Mengen die entsprechenden lösungsorientiert denkenden Köpfe.
Das was Europa in Jahrenden aufgebaut hat können Länder wie unter anderem auch Tunesien nicht in einigen Monaten aufholen.

Das Problem ist, daß Tunesien ressourcenarm ist UND keine wesentliche Forschung und Entwicklung betreibt (das letztere gilt für die meisten Drittweltländer).

Vor diesem Hintergrund wurde, vor einigen Jahren, der Entschluß gefaßt, Tunesien als Land für Hilfs- und Zuarbeiten zu positionieren, um den Menschen Arbeit zu geben. So weit, so gut, das hat ja auch funktioniert. Gleichzeitig wurde dann aber auch eine "höhere" Ausbildung angestrebt, um diese gut ausgebildeten Kräfte dann für "höhere" Arbeiten einzusetzen.

Dies krankte allerdings an gleich zwei Problemen. Zum einen stellt die überwiegende "Hochschulausbildung" in Tunesien, sieht man von einigen speziell-fachlichen Inhalten ab, nicht viel mehr als ein ambitioniertes Abitur in Deutschland dar. "Scharen gut ausgebildeter Hochschulabgänger", wie stets von Journalisten nachgebetet wird, gibt es in Tunesien nicht (zur Schulausbildung schaue man sich im übrigen einmal die tunesischen "Pisa"-Ergebnisse an).
Das andere Problem ist es, daß die sogenannten "höherwertigen" Tätigkeiten so gut wie immer an Forschung und Entwicklung geknüpft sind, doch Forschung und Entwicklung findet dort statt, wo es eine entsprechende Infrastruktur und ein entsprechendes Umfeld gibt, was beides für Tunesien nicht zutrifft (sehr wohl aber für Indien, zum Beispiel). Der nächste Schritt wäre es also, diese Voraussetzungen zu schaffen (ein relativ hilfloser Versuch stellen bisher die tunesischen Technopole und "silicon valleys" dar). Das aber wird noch einige Jahre dauern, denn die Voraussetzungen lassen sich nur mit Geld schaffen, das aber erst einmal dem Staat zur Verfügung stehen muß. Immerhin, die Möglichkeit dazu steht im Raum.

Hieraus resultiert die Situation, daß man Zehntausende junger Menschen hat, denen man sagt, daß ihre Ausbildung sie zu höherem befähigt, als ein Taxi zu fahren, Kabel zu konfektionieren oder ein T-Shirt zusammenzunähen, doch diese Menschen finden in der Realität keine dieser "höheren" Arbeitsplätze, weil sie eben kaum existieren. Nebenbei gesagt: selbst, wenn sie in 5 Jahren da wären, so ist das "Fachwissen" der heutigen arbeitslosen Universitätsabgänger, und die der letzten Jahre, veraltet, woraus eine mehr oder weniger "verlorene Generation" resultieren wird.

Die Hochschulabgänger ohne Arbeitsplätze treffen auf die Unausgebildeten ohne Arbeitsplätze und erkennen, daß sie im Prinzip ein gleiches Ziel haben: Arbeitsplätze zu bekommen. Es kommt zum Schulterschluß und zum Aufstand, der erfolgreich endet - doch Arbeitsplätze sind dadurch nicht entstanden, im Gegenteil, sie haben sich sogar vermindert. Hinzu kommen externe Geschehnisse, wie der Bürgerkrieg in Libyen, der sowohl den Export nach Libyen, wie auch den Tourismus (incl. Gesundheitstourismus) implodieren läßt UND zusätzliche Arbeitslose ins Land spült - nämlich die Tunesier, die zuvor in Libyen arbeiteten und/oder sich in Tunesien durch Schmuggel oder An/Verkauf libyscher Waren finanziert hatten. Zusätzlich bricht der Tourismus um mehr als 50% ein. Alles für sich alleine genommen könnte durchaus bewältigt werden, alles zusammengenommen aber stellt eine echte Herausforderung dar. Immerhin aber kann Tunesien auf reichhaltige Geldzuflüsse internationaler Organisationen und westlicher Länder hoffen und größere Mengen Tunesier verlassen das Land, um woanders Arbeit zu suchen.

Die Situation ist nun ernst, doch nicht hoffnungslos. Allerdings passiert nun etwas, das die Lage weiter verkompliziert. Im Verlauf des Aufstandes wurden viele Erwartungen geweckt - die nach Arbeitsplätzen war eine, vielleicht die wichtigste, doch "Wohlstand für alle" ist etwas, das noch besser klingt. Nach dem Umsturz wird daher, noch vor dem Wieder-Aufbau und vor der Wahl von Parlament und Regierung, für höhere Löhne und für bessere Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen gekämpft - in den meisten Fällen auch erfolgreich, weil Arbeitgeber und Staat ein Wiederaufflammen von Protesten, die das Land dann endgültig ins Abseits befördern würden, fürchten. Kalkuliert wird mit dem Prinzip Hoffnung, daß nämlich, wenn die Rechnungen präsentiert werden, in 3, 6, 12 oder 24 Monaten, die Geschäfte und der Staat so gut laufen, daß für die "Altlasten", die jetzt entstehen, später gezahlt werden kann.

Ob dies funktioniert oder nicht, wird man sehen, in jedem Falle ist es eine Operation am offenen Herzen und es wäre nun müßig, darüber zu diskutieren, ob man besser anders hätte vorgehen sollen, denn die Brust ist nun jetzt einmal aufgeschnitten.
Stattdessen müssen sich nun alle Beteiligte darüber klar sein, daß sie an demselben Strick und in dieselbe Richtung ziehen müssen, um das Land aus der Grube zu ziehen. Maßgeblich für die Propaganda zum Erreichen dieses Zieles sind die Intellektuellen, die Regierung, die Arbeitgeber und die Gewerkschaft, und zwar alles aus einem Guß, damit das Umdenken schlagartig, gesellschafts- und landesweit stattfindet.

Ich persönlich sehe allerdings bei keiner dieser Gruppen derzeit eine ehrliche, nachdrückliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Sachverhalt. Der Patient Tunesien wird daher noch eine Weile auf der Intensivstation bleiben, und ob er später mit dem Kopf oder den Füßen voran herauskommen wird, steht heute noch nicht fest.