Moderator
Mitglied*
Joined: Mar 2008
Beiträge: 4,511
Sousse/TN
|
Als erstes möchten wir, das Team sowie auch der Betreiber, uns von dieser Art der Berichterstattung distanzieren. Da wird in den Raum gestellt, dass 80 deutsche Firmen geschlossen seien, ohne auch nur einen einzigen überprüfbaren Beleg zu präsentieren.Obwohl heute bei der AHK eigentlich nicht gearbeitet wird, hat diese reagiert. "Man ist sehr angefressen und schreibt, dass die oben genannten Zahlen definitiv falsch sind. Von Einschränkungen betroffene Unternehmen, sowie besorgte Unternehmer mögen sich doch bitte bei der AHK melden. Eine weitere Pressemitteilung zur Situation und aktuelle Zahlen werden am Dienstag offiziell ausgegeben". Sicherlich wird auch untersucht werden, wer solche eklatanten Falschmeldungen in Umlauf bringt und dem Land Tunesien und der Wirtschaft schaden will. Anbei nachfolgend einige Dokumente und Veröffentlichungen, die wir per Mail erhalten haben. Pressemeldung der AHK Tunesien vom 19.01.2011Aktuelle Umfrage der AHK zur Wirtschaftssituation
Die Deutsch Tunesische Industrie- und Handelskammer (AHK Tunesien) hat in einer aktuellen Umfrage die Wirtschaftssituation im Land ermittelt. Dabei wurden in 24 Stunden 450 Betriebe befragt, von denen sich mehr als 30 % zurückgemeldet haben. Die Resonanz und Situationsberichte decken das ganze Land ab, sowie die verschiedenen Branchen. Am Tag 5 nach der Revolution heißt es bei Unternehmern wie Arbeitnehmern, wir sind wieder mit fast 100 % an Bord. Dies ist vor allem ein Verdienst der besonnenen Tunesier, die selbst in Tagen des Umbruchs und der politischen Veränderungen mit Bürgerwehren auch ihre Arbeitsplätze geschützt haben. Die in der AHK organisierten Firmen beschäftigen mehr als 50.000 Mitarbeiter in ganz Tunesien. Die Revolution mit dem besonderen Bürgergeist: Dass in Tunesien in kürzester Zeit etwas ganz Besonderes in der Gesellschaft passiert ist, davon berichten auch die Mitgliedsfirmen der AHK Tunesien. Hier sind ca. 450 deutsche und tunesische Firmen organisiert, die im ganzen Land in vielen Branchen tätig sind. So hat die AHK am 18.01.2011 um 15 Uhr eine Umfrage gestartet woraufhin sich schon nach 24 Stunden mehr als 15 % der Betriebe zurückgemeldet haben. Die Reichweite der Umfrage kann aber schon bei 30 % liegen, da viele auch für Unternehmen gesprochen haben, die in ihrem Industrie- oder Dienstleistungsbereich tätig sind. Seit Montag arbeiten fast alle wieder unter Hochdruck, und dies vor allem auf Betreiben der Arbeitnehmer. Die hatten während der kritischen 5 Tage eine enge Bindung zu ihren Unternehmen gehalten. Ob die Mitarbeiter selbst oder Teile ihrer Familie, jeder hat die Bürgerwehr verstärkt, um vor den Betrieben zu patrouillieren, ohne das ein Chef sie dazu aufgefordert hätte. Auch wenn das Außenministerium in Deutschland selten darüber spricht - in Tunesien leben und arbeiten ständig bis zu 3000 Deutsche, von denen kaum jemand das Land bisher verlassen hat. Hinzu kommt die enorme Zahl an gemischten deutsch-tunesischen Familien, die in beiden Ländern leben und somit für das Wirtschaftsleben hier immer ein besonderer Impuls sind. Alleine bei den Mitarbeitern der AHK hier in Tunis sind 60 % der Mitarbeiter unter 30 Jahre alt und davon haben viele die doppelte Staatsbürgerschaft.
Mit den Rückläufen aus den Betrieben erreicht uns auch die Meldung, dass zwei Fertigungsstätten von deutschen Firmen aus China nach Tunesien verlegt werden. Gerade jetzt hoffen viele Firmen im Interesse der Handelsbeziehungen darauf, dass die Europäer auf die Tunesier zugehen.
Dagmar Ossenbrink, Geschäftsführerin der AHK Tunesien, erklärt: „Unsere Unternehmen geben uns ganz klar das Signal: wir sind hochmotiviert mit unseren Belegschaften, wir können unsere Verträge einhalten und haben keine Rechtsunsicherheit hier. Wenn neue Investoren das Wachstum jetzt schnell unterstützen, so fundamentieren sie hier die neue Demokratiebewegung. Stabilität hat somit für die Bevölkerung einen sichtbaren Pfeiler in der Wirtschaft.“
Zahlen und Fakten:
- Handelsvolumen Deutschland-Tunesien: ca. 3 Mrd. Euro in 2010 - 280 deutsche Unternehmen haben ein Handelsvolumen direkt mit Deutschland von ca. 2 Mrd. Euro - 45.000 Mitarbeiter sind in den 280 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung beschäftigt - Damit gehören deutsche Betriebe zu den größten Arbeitgebern des Landes - Die Mehrzahl gehört zum verarbeitenden Gewerbe - Tunesien investiert pro Jahr über 8% in die Ausbildung der Jugend, in Deutschland hingegen wird weniger als 4 % vom Bruttoinlandsprodukt darin investiert - 50 % der Beschäftigten in unserem Erhebungsbereich arbeiten in der Textilveredlung, 30 % im Elektronik- Elektronikbereich und 20 % in anderen Gewerben - Jeder 7. Kabelbaum eines deutschen Autos stammt aus Tunesien
Dies ist die erste Auswertung der Umfrageergebnisse der schriftlichen und telefonischen Anfragen heute um 17 Uhr am 19.01.2011. Weitere Ergebnisse folgen in den kommenden Tagen.
Mit freundlichen Grüßen
D. Ossenbrink Geschäftsführerin AHK TunesienPressemitteilung der Germany Trade & Invest (GTAI) Tunesien nach der Revolution - auf dem Weg ins Chaos oder einer besseren Zukunft? Berlin, Tunis (GTAI) Der Diktator ist weg, die Demonstrationen gehen weiter. Trotz der Flucht von Ex-Präsident Zine El Abidine Ben Ali kommt Tunesien nicht zur Ruhe. Die Bevölkerung misstraut der Übergangsregierung, zu viele Mitglieder des alten Regimes sind darin vertreten. Und so gehen die Demonstranten in Tunis weiter auf die Straßen, wirklich zur Ruhe gekommen ist das Land noch nicht. Doch wie sieht die Zukunft Tunesiens aus? Aus Tunis GTAI-Korrespondent Fausi Najjar.
Im Wirtschaftsleben bergen Neuanfänge immer auch neue Chancen. Vor allem bei einem positiven politischen Wandel in Tunesien ist deswegen ein großes Potenzial für deutsche Unternehmen zu erwarten. Richtig ist: Der Wandel ist noch nicht abgeschlossen. Die Übergangsregierung, die innerhalb von drei Monaten Wahlen bewerkstelligen soll, steht heftig in der Kritik: Die Bevölkerung befürchtet, dass die neue Regierung die Privilegien und den Einfluss der alten Kader in das „Neue Tunesien“ retten möchte. Umso schneller müssen nun die politischen Versprechen umgesetzt und der Demokratisierungsprozess forciert werden.
Die politischen Unwägbarkeiten dürfen aber über eines nicht hinweg täuschen: Der Sturz des Präsidenten Ben Ali und die Vertreibung seiner familiären Clique ist in dem wirtschaftlich am weitesten entwickelten Land Nordafrikas erfolgt und es waren insbesondere die vergleichsweise breite tunesische Mittelschicht sowie die jungen Menschen, die entscheidende Kraft beim Umsturz. Bürgerinnen und Bürger aus allen Schichten sind auf die Straße gegangen, wie vor Ort bei der letzten Großkundgebung in Tunis vor Ben Alis Flucht zu beobachten war. Völlig zu Recht spricht deswegen der Nahost-Experte und Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, davon, dass "Tunesien reif für die Demokratie sei". Entscheidend in der Argumentation von Perthes ist, dass die Mittelschicht sich einer politischen Restauration wahrscheinlich widersetzen würde.
Die wirtschaftlichen Probleme vor denen Tunesien nun steht, sind auch so schon groß: Es wird schwierig bleiben, die hohe Arbeitslosigkeit - vor allem bei den Akademikern - und die regionalen Gefälle im Land zu mindern; dass bei der Förderung der Landwirtschaft oder bei der Subventionierung von Grundnahrungsmitteln nun die reine Marktlehre zum Zuge kommen wird, ist nicht zu erwarten, muss aber womöglich in Kauf genommen werden. Es steht auch ein Prozess an, den man mit einer „De-Ben-Alisierung“ der Wirtschaft umschreiben könnte. Das bedeutet, dass nachdem die Pfründe, die Ben-Alis Verwandtschaft vor allem in den Bereichen Großhandel, Bankwesen und Immobilien innehatte, abgeschafft wurden, nun eine neue faire Wettbewerbsordnung her muss. Das wird nur in einem demokratischen Tunesien funktionieren können.
Sicher wird es mit dem Sturz des alten Regimes auch neue Impulse für die tunesische Wirtschaft geben. Zu rechnen ist mit einer erhöhten Investitionsbereitschaft von tunesischen Unternehmen, die - im Unterschied zu ausländischen Firmen - die Leidtragenden der Bereicherung des herrschenden Familien-Clans waren. Für tunesische Unternehmen ergeben sich nun ganz neue Freiheitsgrade; das wird die gesamtwirtschaftliche Entwicklung stützen.
Der Industrialisierungsgrad und die Mehrwertschöpfung pro Kopf im produzierenden Gewerbe sind in dem südlichen Mittelmeeranrainer im regionalen Vergleich mit Abstand am größten. Zu den wichtigsten Standortfaktoren Tunesiens zählen auch qualifizierte Arbeitskräfte, eine leistungsfähige Infrastruktur und die geographische Nähe zu Europa. Es ist unwahrscheinlich, dass die guten Investitionsbedingungen für ausländische Unternehmen aufs Spiel gesetzt werden.
Nach Angaben der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer (AHK Tunesien) sind insgesamt 280 deutsche Unternehmen vor Ort tätig, vor allem in den Branchen Textil und Bekleidung, Elektronik sowie Zulieferer für die Automobilindustrie. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen betrug im Jahr 2008 157 Mio. Euro. Tunesien gilt als wettbewerbsfähiger Standort für die Produktion vor allem von Kfz-Teilen und -Zubehör. Auch deutsche Hersteller von Maschinen verzeichneten 2010 wegen notwendiger Modernisierungen wachsende Lieferaufträge. Deutschland bezieht aus Tunesien vor allem Waren aus den Bereichen Textilien und Bekleidung, Elektrotechnik und Erdöl.
Für eine schnelle wirtschaftliche Erholung wird nicht zuletzt vor allem der Tourismus bald wieder anziehen müssen. Zwar ist das Gewicht des Tourismus und der Landwirtschaft in Tunesien im Bruttoinlandsprodukt geringer als die oberflächliche Betrachtung vermuten lässt, beide Sektoren spielen aber weiterhin eine wichtige Rolle für die konjunkturelle Entwicklung und hier insbesondere für den Konsum und die Beschäftigung von unteren Einkommensbeziehern.
Selbstverständlich bleibt im Augenblick die Marktlage in Tunesien unübersichtlich und es sind Risiken gegeben Schon jetzt sind aber positive Signale erkennbar: Nach kürzester Zeit arbeiten die See- und Flughäfen wieder, wenn auch die Ausgangssperren und neue Sicherheitsbestimmungen im Hafen die Abwicklung noch verzögern.
Für eine positive Entwicklung spricht außerdem, dass neben dem großen Mut der Tunesier bislang der „Bürgersinn“ bei den politischen Umbrüchen überwogen hat. Bekannt ist, dass sich direkt nach der Flucht im ganzen Land Bürgerwehren gebildet haben, um ein Chaos abzuwenden. Die AHK berichtet zudem, dass tunesische Mitarbeiter oder Teile Ihrer Familien deutsche Unternehmen beschützt hätten. Plünderungen waren weniger chaotisch als zunächst befürchtet und richteten sich überwiegend gegen die Einkaufszentren, bei denen der Ben-Ali-Clan mitmischte. Auch die Unterstützung durch tunesische Dienstleister gerade in der prekären Phase, wie die automatische Notaufladung von tunesischen Kartentelefonen, um nicht von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, oder der Anruf des Autovermieters, um nach dem Rechten zu schauen, sprechen eine eigene Sprache: Ein Kundenservice der besonderen Art. (F.N.)
Germany Trade & Invest ist die Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der Bundesrepublik Deutschland. Die Gesellschaft berät ausländische Unternehmen, die ihre Geschäftstätigkeit auf den deutschen Markt ausdehnen wollen. Sie unterstützt deutsche Unternehmen, die ausländische Märkte erschließen wollen, mit Außenwirtschaftsinformationen. Diverse Presseausschnittehttp://www.kashba.de/nouveau/images/20110122-24_Pressemeldungen.pdfGroßer Artikel Merkur Onlinehttp://www.kashba.de/nouveau/images/Tunesien_merkur-online.pdf
|