Jetzt muss ich aber doch einmal widersprechen, auch dir, liebe Claudia. Wir müssen einfach mal anerkennen, dass es auch andere Kulturen wie die unsere gibt, mit anderen Ausbildungssystemen. Hier bei uns findet die Ausbildung in der Schule statt, in die unsere Jugendlichen meist bis 18 oder zumindest bis 16 Jahre gehen. Danach folgt, falls sie nicht studieren - eine Lehre, in der sie einen Lohn bekommen, der unter dem Mindestlohn liegt, wenn es bei uns einen gibt. Weil sie in dieser Zeit nämlich etwas lernen, das sie für ihren späteren Beruf qualifiziert.
In Tunesien und anderen nicht ganz so industrialisierten Ländern haben viele Eltern nicht die Mittel, ihre Kinder bis zum Abitur in die Schule zu schicken, was auch schlecht wäre, denn es gibt nicht genügend Arbeitsplätze für Akademiker. Daher kann sich jedes Kind glücklich schätzen, wenn es die Möglichkeit zu einer Ausbildung in einem Handwerksberuf findet. Ich kann mich gut an eine Diskussion auf dem letzten Welt-Kindergipfel erinnern, die im Fernsehen übertragen wurde. Dort schilderte eine Delegation aus Schwarzafrika ihre Probleme und selbst UNICEF-Vertreter mussten zugeben, dass dort einfach mit anderen Voraussetzungen gelebt und gemessen werden muss.
In Tunesien geht ein Kind vielfach nur bis zur 5. Klasse in die Schule. Und wenn es Glück hat und danach einen solchen Ausbildungsplatz bekommt, wird es geringer bezahlt als eine ausgelernte Arbeitskraft. Wie ich schon schrieb, arbeiten in der Manufaktur junge Mädchen. Sie werden dort ausgebildet und können später, wenn sie heiraten, diese Teppichknüpferei in Heimarbeit und meist auch auf eigene Rechnung ausführen. Auch bei uns muss ein Azubi nicht so viel verdienen, um eine Familie ernähren zu können.
Ich habe eine solche Manufaktur besichtigt und nicht den Eindruck bekommen, dass die Mädchen ausgebeutet wurden, die ich im übrigen für zwischen 14 und 20 ansah. Sie waren fröhlich und lustig und haben übrigens sehr langsam und gemütlich gearbeitet, wenn auch mehr als 7.30 Stunden. Das Arbeitstempo ist dort anders, man hat mal Zeit für einen Tee oder einen Plausch.
Im übrigen stammen meine Lohnangaben von 1999, können also etwas veraltet sein.

Wenn ich persönlich etwas zu kritisieren habe, dann ist es die riesige Verdienstspanne, die die Teppichhändler bei dem Geschäft haben. Wenn ich einmal ein Beispiel aus Marokko erzählen darf, wo ich mich besser auskenne. Ein Kelim von knapp 2x3 m kostet auf dem Markt in Tiflet, wo die Knüpferin ihn direkt verkauft, etwa 600 bis 1000 Dirham (10 DH = 1 Euro). Davon hat sie die Wolle bezahlt und eine lange Zeit gearbeitet (Monate, aber nur in der Freizeit neben den häuslichen Pflichten). Die Käufer sind in der Regel Großhändler, die den Teppich für etwa 1200 - 1500 Dirham an die Teppichläden verkaufen. Und dort verhandelt man mit den Touristen und bekommt im Durchschnitt 3.500 Dirham für den gleichen Teppich. Das kritisiere ich und kann jedem nur raten, hart zu verhandeln. Nicht jedoch, wenn er die Möglichkeit hat, direkt bei den Frauen zu kaufen.

Es gibt nicht nur Teppichmanufakturen, sondern Ausbildungsstätten für fast alle Handwerksarten. In Kairouan in einer ehemaligen Medersa in der schmalen Gasse hinter dem Bir Barouta ist eine Handwerkerschule. Man kann sie besichtigen, die jungen Leute freuen sich über einen Besuch. Hier wird geschnitzt, gestickt, gemalt und alle die Sachen hergestellt, die man in den Boutiquen so findet.

Im Sinne von Karim könnte man jetzt vielleicht sagen, statt Animateure zu besichtigen sollte man lieber mal auf Entdeckungsfahrt gehen und sich so etwas anschauen. Dann kann man sich gut eine objektive Meinung bilden.