... Ihm wäre also nicht klar, das er für seine Familie, also dich und die Kinder, dazusein hätte? Ehrlich sein muss, treu, liebevoll und fürsorglich? Das sind charakterliche Einstellungen, die nicht erst im Zuge einer Ehe "aufgebaut" werden,...
Ich denke, daß hier die unterschiedlichen Vorstellungen von Ehe eine wesentliche Rolle spielen. In Tunesien würde er es vermutlich genau wissen, was DORT ein Ehemann tut, was man DORT von ihm erwartet - doch in Deutschland sind die Vorstellungen und Erwartungen eben ganz anders. Es ist eben normal dort, daß ein Mann sich ins Cafe setzt, daß die Familie oder potentielle Geschäftskontakte vornanstehen, es ist normal, daß die Frau alleine mit Kind und Haus ist und auf die Rückkehr des Mannes wartet. Es wird nicht so viel diskutiert und "seziert" wie in Deutschland, und ich habe generell den persönlichen Eindruck, daß es in sehr vielen Ehen nach UNSEREN Maßstäben recht lieblos und mechanisch (nach "selbstverständlichen" und allgemein bekannten Mustern) zugeht. Ob dies negativ oder positiv ist, darüber kann man sich trefflich streiten, nämlich darum, ob es das Leben einfacher macht, wenn man eine Beziehung mit weniger oder mehr Emotionen befrachtet.
Unter dem Strich aber steht sehr wohl, daß eine tunesische Person (das betrifft Frauen ja ebenso wie Männer) an das Eheleben in Deutschland ebensowenig gewöhnt ist, wie eine deutsche Person an das Eheleben in Tunesien. Doch gerade über diese Unterschiede wird zum Anfang einer Beziehung nur gesprochen, doch nicht geredet, weil jede Seite letztendlich im Inneren davon überzeugt ist, daß trotz einiger Unterschiede die Vorstellungen über Ehe und Beziehung prinzipiell diesselben sind ... aber das sind sie eben nicht. Und darauf zu hoffen, daß der andere es im Schnellkursus lernt und quasi alles, was er in 20, 30 und mehr Jahren an Erfahrung erworben hat und durch Erziehung vermittelt bekam, mal eben über Bord wirft, ist nicht sehr realitätsnah.