... laut islam ist es jedoch anders und deswegen auch anders geregelt...

Mit anderen Worten: weil der Islam die Realität anders definiert, muß man sich bemühen, irrealer zu leben, um dessen Regelungen mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen?

...hierbei beziehe ich mich auf das heutige workaholic leben und die einstellung "ich lebe um zu arbeiten", welche ich in vielen familien und an vielen orten wiederfinde...

Das mag sogar vor 10 Jahren z.B. für Deutschland noch gegolten haben, in der heutigen Zeit kann man es sich aber kaum noch aussuchen, wann man arbeiten WILL. Dies gilt übrigens auch z.B. für Tunesien, wo ich, wenn ich morgens um 5 oder 6 durch die Straßen gehe, sogar ganz beachtliche Zahlen von Frauen und Männern zur Arbeit gehen und fahren sehe. Arbeitszeiten von 10 Stunden pro Tag sind ebenfalls dort absolut nichts ungewöhnliches. Da ist es, wie eingangs zitiert, schön, wenn der Islam das anders sieht, doch die heutige Realität ist auch in Tunesien schon eingekehrt, und mit Idealvorstellungen, die zu einer anderen Zeit bzw. anderen Gesellschafts- und Wirtschaftsumgebungen passen wird eine solche Ideologie zunehmend unter Druck geraten. Da sie jedoch wegen ihres Absolutheitsanspruches nicht refomierbar ist, denn jede Änderung wäre häretisch, gibt es hier dann auch keine Schattierungen von Grau, sondern nur Ganz oder Garnicht und genau das Spannungspotential, das sich dadurch aufbaut, wird zunehmend zum Problem werden. Und damit ---

...werteverlust des familienlebens im jetzigen zeitalter enorm...

stellt sich dann auch die Frage, ob sich die Menschen von der Religon entfernen, oder ob nicht gerade die fehlende Flexibilität der Religion diese von einer sich dynamisch ändernden Gesellschaft und deren sich mitändernden Werten und Wünschen entfernt hat.

Diese Überlegung mag auf den ersten Blick gar nicht zum Thema passen, doch je mehr das Leben von mehr und mehr Menschen zu interkulturellen Kontakten und Berührungspunkten führt, umso mehr muß es sich zeigen, ob die Beteiligten gewillt sind, sich von einer sich dem täglich Leben entfremdenden Ideologie oder Religion noch und auch Vorschriften für diese Situation machen zu lassen ... oder ob nicht die Menschen dazu übergehen werden, im Konfliktfalle diesen Regelungen keine oder weniger Beachtung zu schenken (wodurch beispielweise auch der Status der christlichen Religionen in Europa in den letzten 50-100 Jahren stetig erodierte).
Und das ist (für die Religion) eine fatale Sache, denn je mehr Gläubige es sehen, wie andere dem Glauben an dieser oder jenen Stelle zuwiderhandeln und damit augenscheinlich sogar Erfolge erreichen - z.B. durch ein liberaleres Freizeitverhalten, z.B. durch die Eheschließung mit Menschen aus westlichen Ländern und damit verbundenem höheren ökonomischem Status, und auch z.B. durch die Heirat mit einem Nicht-Muslim - je mehr Gläubige dies sehen, umso mehr werden sie am Glauben zu zweifeln beginnen, entweder durch eigene provokative, öffentliche Handlungen, etwa, um die Reaktionen einmal "anzutesten", oder innerlich, wobei das letztere das eigentlich gefährliche ist, weil es einen Funken erzeugt, der im verborgenen glüht und der mit dem richtigen Windstoß im richtigen Moment zu einer Flamme angefacht werden kann.

Ich kenne Beispiele für beide Seiten. Für die Seite, deren Vertreter zwar äußerlich oder in ihren Handlungen westliche Muster anlegen, im Kopf aber dennoch sozusagen "urislamisch" denken und die, wenn es um eine definitive Entscheidung geht, zurückschrecken oder zumindest in diesem Moment noch zurückschrecken, sowie für die andere Seite, die unauffällig und vermeintlich angepaßt lebt, doch bei der Nagelprobe imstande ist, die Lager sofort und mit größter Konsequenz zu wechseln.

Nicht alles, was "gläubig" aussieht, ist es auch, und umgekehrt ist ebenso nicht alles, was auf den ersten, oberflächlichen, Blick abgefallen aussieht, auch wirklich "ungläubig". Die wahre Intention zeigt sich meist erst in einer Extremsituation.