Weltwirtschaft
Lebensmittelpreise werden zur Bedrohung
Von Claus Tigges

12. April 2008 IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn betrachtet den weltweiten Anstieg der Lebensmittelpreise als ebenso großes Problem für die Weltwirtschaft wie die globale Finanzkrise. „Es gibt heute nicht nur eine reine Wachstumskrise, sondern eine mindestens ebenso wichtige Krise entwickelt sich gerade durch das Anziehen der Inflation sowie der Preise von Rohstoffen und besonders Lebensmitteln“, warnte der Präsident des Internationalen Währungsfonds (IWF) im französischen Fernsehsender France 24.

„In einer Anzahl von Ländern, namentlich in Afrika, wird dies zu wirtschaftlichen Turbulenzen führen, aber auch zu beträchtlichem individuellen Leid, weil es eine der Ernährungsgrundlagen destabilisieren wird.“ Die Gefahren für die globale Ökonomie werden auch dadurch verstärkt, dass sich einem Bericht der Weltbank in Washington zufolge die Gewichte in der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren deutlich zugunsten der Schwellen- und Entwicklungsländer verschoben haben. Ihr Anteil an der Gesamtleistung der Weltwirtschaft ist von 36 Prozent im Jahr 2000 auf 41 Prozent gestiegen.

Drastisch gestiegenen Preise für Nahrungsmittel

Neben Missernten in Folge von Dürren und Überschwemmungen werden auch die hohen Ölpreise und der schwache Dollar für den seit drei Jahren zu beobachtenden Anstieg der Nahrungsmittelpreise verantwortlich gemacht. Hinzu kommen wachsende Importe nach China und Indien sowie der Boom des Bio-Sprits, der zur Verringerung von Anbauflächen für Lebensmittel geführt hat. Die Verdoppelung der Preise in den vergangenen drei Jahren könnte nach Schätzungen der Weltbank 100 Millionen Menschen in den Entwicklungsländern in noch größere Armut treiben. Die weltweite Armut könnte dabei um 3 bis 5 Prozent zunehmen. Das seien aber nur erste Schätzungen, sagte Weltbankdirektor Marcelo Giugale.

Wegen der zum Teil drastisch gestiegenen Preise für Nahrungsmittel ist es in mehreren Entwicklungsländern zu Unruhen gekommen. Die jüngsten Ausschreitungen wurden am Donnerstag aus Tunesien gemeldet. Bei den Zusammenstößen seien in den vergangenen drei Tagen in Redeyef im Zentrum des Landes mehr als 20 Menschen festgenommen worden, hieß es in Gewerkschaftskreisen. Auf den Philippinen verkauft die Regierung verbilligten Reis, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die Verteilung der wertvollen Ware muss allerdings von der Armee bewacht werden.

Weltbank-Bericht: China ist zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt

Nach dem Weltbank-Bericht „World Development Indicators“ ist China ist inzwischen zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hinter den Vereinigten Staaten aufgestiegen, da eine neue Berechnungsmethode für das Bruttoinlandsprodukt die Unterschiede in den Preisniveaus zwischen den Ländern besser berücksichtigt. Deutschland nimmt den vierten Rang hinter Japan und vor Indien ein. Fünf der zwölf größten Volkswirtschaften der Welt sind nach Angaben der Weltbank Schwellen- oder Entwicklungsländer. 2006 betrug die Leistung aller Volkswirtschaften zusammen rund 59 Billionen Dollar. „Ein starkes Wachstum während dieses Zeitraums hat alle Regionen von aufstrebenden Ländern mit Ausnahme Lateinamerikas und der Karibik vorangebracht. Der Anteil der Länder mit hohen Pro-Kopf-Einkommen an der Weltwirtschaft ist um 5 Prozent auf knapp 60 Prozent gesunken“, heißt es in dem Bericht.
Lebensmittel werden teurer - vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern

Lebensmittel werden teurer - vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern

Die Globalisierung hat der Analyse zufolge die Bedeutung des grenzüberschreitenden Handels vor allem für die Entwicklungs- und Schwellenländer erhöht. Die schnell voranschreitende Industrialisierung von Ländern wie China habe deren Bedarf an Rohstoffen in die Höhe getrieben. Davon hätten nicht nur Erdöl exportierende, sondern beispielsweise auch Länder wie Chile und Sambia profitiert, deren wichtigstes Exportgut Metall sei.

„Die wirtschaftliche Integration verbreitert und vertieft die Verbindungen der Volkswirtschaften. Das geschieht über Handel, Finanzströme, Migration, Transport und die Kommunikationsinfrastruktur“, schreiben die Ökonomen der Weltbank. Der Anteil des Außenhandels an der Gesamtwirtschaft habe in den Volkswirtschaften im Fernen Osten und im pazifischen Raum zwischen 1990 und 2006 von 47 Prozent auf 87 Prozent zugelegt. Und in den Ländern Afrikas südlich der Sahara sei der Handel untereinander und mit dem Rest der Welt während dieser Zeit von 52 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 72 Prozent gestiegen. Weltbankpräsident Robert Zoellick rief angesichts dieser Zahlen dazu auf, die Doha-Runde zur Ausweitung des Freihandels zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP
http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A38...n~Scontent.html