...Es kann natürlich sein, dass dies wieder ein Klischee ist oder nicht, habs halt bisher fast überall nur so gehört...
..Ohne jemaden beleidigen zu wollen, aber manchmal hab ich bei den russischen Frauen einfach nur gedacht ''Puff auf reisen''...

Natürlich willst Du beleidigen, da hilft auch die verbale Distanzierung vorher nicht <g>.
Und natürlich handelt es sich ebenfalls um ein Klischee, ganz besonders, wenn es auf Hörensagen beruht.

Als "Interessierter" mit ein wenig Vor-Erfahrung in diversen Urlaubsgebieten und aktueller speziell aus Tunesien, und als ein Mann, der bei einer attraktiven Frau nicht zur Seite schaut, nehme ich mir die Freiheit, meinen persönlichen Eindruck zu schildern, den ich vor Ort gewonnen habe:

Auffällig ist in der Tat, daß es vorwiegend die deutschen und englischen weiblichen Urlauberinnen sind, die Kleidung tragen, die sie aufgrund ihrer Statur aus ästhetischen Gründen besser nicht tragen sollten - und dies ist auch gerne Kleidung, die sie zu Hause sicherlich nicht auf der Straße oder im Park so vorführen würden.
Die Alternative dazu ist, speziell bei deutschen Urlauberinnen, der - ich nenne ihn mal - "CrossCulture-Gammel-Look", ein hoffnungsloser Versuch, europäische Sommer- und erwartete (vermutete) tunesische Kleidungsordnung unter einen Hut zu bringen. Das Resultat ist in allen Fällen die Auslösung unverhohlener Belustigung in der tunesischen Männer und auch Frauenwelt. Entsprechende Kommentare wird man natürlich, ebenso wie in Deutschland, kaum offen hören, doch sie sind allgegenwärtig und nicht besonders taktvoll <g>.

Bei den Russinen (und auch vielen anderen Osteuropäerinnen) handelt es sich dagegen um weniger wohlstands-genährte oder kulturbetroffene Urlauberinnen, die zudem einer etwas anderen Kultur entstammen, bei der das Zeigen noch über dem Verbergen steht (das gab es übrigens auch einmal in Deutschland, als die meisten Frauen und Männer noch etwas zum Herzeigen hatten).
Doch, um ehrlich zu sein, auf der Straße werden selbst die "Russinen" noch jederzeit durch aufgestylte Algerierinnen oder Tunesierinnen bzw. durch deren in Europa lebenden und in Tunesien urlaubenden Schwestern (meist aus Frankreich, Belgien oder Italien) deklassiert. Was die Strandmode betrifft, so sei jedem Interessierten dazu einmal ein längerer Studien-Besuch der einschlägigen Strände empfohlen (Tip: Großraum Kantaoui), an dem sich insbesondere diese tunesischen "Touristen" gerne aufhalten, da fallen einigen unvorbereiteten Beobachtern garantiert noch die Augen heraus. :-)

Selbstverständlich reden wir hier immer nur von einigen Einzelfällen oder Minderheitenmengen, die im Gedächtnis haften bleiben. Viele, die meisten, Urlauber, von denen sich die meisten ohnehin nicht trauen, sich stundenlang im "feindlichen", also nicht hoteleigenen, Gelände zu bewegen, sind durchaus angemessen gekleidet (wobei angemessen sich hier auf die Umgebung bezieht, nämlich die Strandpromenade und die touristischen Rennstrecken - Straßen, die man an einer Hand abzählen kann), und das gilt für die deutschen, die Engländer, die Algerier und die Russen gleichermaßen - und sogar für die Tunesier, denn man wird das miniberockte und hypergestylte tunesische Mädchen ebenfalls nur dort, und nicht etwa an der Station Louages, mitten in der Medina oder einem Vorort oder auf dem Souk finden.

Insofern betrifft die ganze Aufregung also lediglich die Flaniermeilen und Hotels der Urlaubsgebiete - und die sind, nicht nur in Tunesien, "extraterritoriales" Gebiet, in denen allein die Gesetze des Toursimus, und nicht die des Landes gelten. Dort gehen Einheimische auch nur hin, um sich selbst zu zeigen, um Beute zu machen, oder ganz einfach, um sich an dem bunten Treiben zu erfreuen, bzw., was den Kern der Sache eher trifft, sich darüber zu amüsieren. Und das sollte eigentlich jedem Urlauber, der auch nur einmal Deutschland verlassen hat, klar sein - falls nicht, empfehle ich den Urlaub in der Vor- oder Nachsaison, in der kaum noch Urlauber auf den Straßen zu finden sind und also die Wahrscheinlichkeit, Menschen in europäischer Sommermode in freier Wildbahn zu sehen, gegen Null strebt.

Übrigens, ebenso wie in Deutschland - auch in Tunesien ist niemand gezwungen, ausgerechnet über die Reeperbahn zu spazieren, ausgerechnet an einem einschlägig bekannten Baggersee oder einem "bunten" Strandabschnitt baden zu gehen, wer es nicht will, der tut es nicht und wer es will, der ist durchaus gefaßt auf das, was er da geboten bekommt.

Und - man mache keinen Fehler, wer in Sousse z.B. ins Slim-Center geht oder die Boutiquenstraßen in Khezama, Hammam-Sousse oder Sahloul entlanggeht: das, was da angeboten wird, ist nicht in erster Linie für Touristen bestimmt, sondern für Einheimische und es orientiert sich zum einen an der der Nachfrage der situierten Kundschaft und zum anderen an den Witterungsbedingungen. Touristen, die sich hauptsächlich im Hotel und am Hotelstrand aufhalten oder gerade zu irgendwelchen Sehenswürdigkeiten massenverfrachtet werden, werden es kaum sehen, weder im Laden, noch an der Person getragen. Diese Touristen werden auch kaum, oder nur kurzzeitig, die Orte aufsuchen, an denen diese Sachen getragen werden - entweder, weil sie dahin gar nicht erst eingeladen werden, weil es ihnen zu teuer(!) ist oder weil sie einfach überhaupt nur für Sonne, Strand und 1001-Nacht-Kulisse hergekommen sind und für alles andere blind sind.

Um es zusammenzufassen: "Aufreizende" Kleidung ist keineswegs nur die Domäne der "Russinen", da haben Algerierinnen und Tunesierinnen schon lange gleichgezogen und überholt, doch was sehr wohl Domäne der deutschen und englischen Touristen ist, ist die Fähigkeit, sich treffsicher unangemessen zu kleiden, entweder so, wie es pointiert in dem Artikel beschrieben wird, oder demonstrativ "nach arabischen Regeln", wobei sich nicht nur mir, sondern auch den Einheimischen meist nicht erschließt, aus welchem Lande genau diese Maßstäbe wohl stammen könnten...