...Schon bevor ich meine jetzige Frau kennengelernt habe, hatte ich manchmal das Gefühl, dass es da eventuell doch noch was gibt, was ich nicht verstehe- einen Gott oder was anders...?
Ich verstehe es ganz genau, was Du meinst, denn wenn man in Tunesien lebt und den Menschen nahe ist, dann beginnt man sich zu fragen "womöglich ist da doch etwas" oder "es muß etwas dran sein", eben weil dieser Schluß für einen logisch denkenden Menschen atumatisch naheliegt (denn wenn nichts dran ist, warum glaubt JEDER daran?).
Allerdings, je länger ich mich damit beschäftige, umso mehr festigt sich mein Eindruck, daß hier ein hochkomplexes System in Kraft ist, daß nur funktioniert, WEIL es so konzipiert ist, wie eine Maschine, die sich in jahrelangem Lauf mit allen Bestandteilen "eingelaufen" hat. Eine Maschine, die zwar nicht mehr dem Stand entspricht, bei der Teile auszufallen drohen, doch die, wenn man sie anhielte oder überholte, nicht mehr funktionieren würde und damit die Existenz der Firma (hier: der Gesellschaft) bedrohte.
Wie Marx sagte - die Religion ist das Opium für die Massen, und Opium ist nicht nur ein Gift und Rauschmittel, sondern auch ein hochwirksames Betäubungs- und Schmerzmittel, kann also nicht nur zum Aufputschen und zur Entfernung von der Realität, sondern auch als Heilmittel verwendet werdet. Insofern erfüllt die Religion mehrfach wichtige und in diesem Falle sogar unabdingbare Funktionen für den Bestand der Gesellschaft. Daß es dabei zu Auswüchsen und Verkrustungen kommt, die ein zunehmendes Problem für den Organismus darstellen, steht außer Zweifel, und das das System nicht mehr lange genau so so weiter läuft, ebenfalls. Doch mangels greifbarer Alternative muß eben daran festgehalten werden.
Die Religion ist also das Konstrukt, das alles zusammenhält, und eben darum glaubt auch jeder daran und klammert sich daran - denn das, was danach kommen könnte, macht eher Angst, als daß es frohe Erwartungen weckt, ob man selbst allerdings diesem emotionslosen Schluß oder dem Heilversprechen, das imerhin die Hoffnung auf "Mehr" beinhaltet, folgen will, das ist jedem selbst überlassen.
Und ob es besser ist, die Religion als ein Ding und Mittel zum Zweck zu betrachten oder sich in sie hineinzubegeben und "mitzumachen", auf diese Frage gibt es, zumindest über die Dauer eines Menschenlebens hinweg, keine eindeutige und keine richtige Antwort, ganz davon abgesehen, daß ein Kampf gegen Windmühlenflügel, so ehrenhaft und richtig er auch sein mag, weder dem Individuum automatisch Zufriedenheit bringt, noch der es betrachtenden Gesellschaft Respekt abnötigt oder Beifall entlockt, insofern kann es jeder nur selbst entschieden, welche Zugeständnisse er machen will und kann und welcher Weg mit welchem Schwierigkeitsgrad ihn zu seiner eigenen Zufriedenheit führen wird.