...als vor den jahren in tunis...

Das beziehen viele Tunesier in der Tat auf das ganze Land, mitunter ist es ohne Kontext schwer, auf den ersten Blick zu erkennen, ob das Land oder die Stadt gemeint ist. Hat mich selbst zunächst auch immer verwirrt gehabt. :-)

...also hab ich nun während der letzten jhahre bemerkt, dass immer mehr fundamentalisten sich hier breitmachen...

Wie schon früher geschrieben - ich selbst kann das nicht so bestätigen, zwar gibt es, natürlich, fundamentalistisch geprägte Menschen, doch dies ist eine laute, doch gleichwohl kleine Minorität, die allein eben zum einen wegen ihrer Hörbarkeit und zum anderen wegen ihrer Organisation (die dann auch die Hörbarkeit erhöht) als wesentlich wahrgenommen wird. So etwas gibt es auch in den USA, nur dort sind es die fundamentalistischen Christen, und das wird vielleicht hier deswegen nicht so deutlich, doch wenn man in den USA lebt, sieht man eigentlich genau dieselbe Situation (so habe ich sie selbst erfahren, insbesondere in Florida).
Diese Gruppe wird auch von der Bevölkerungsmehrheit nicht nur hier oder in Tunesien (oder in Marokko) abgelehnt, ich habe bei meinem letzten Besuch in Tunesien wieder eine Reihe von Leuten kennengelernt, die unaufgefordert ihre Ablehnung geäußert haben, und das Unverständnis, wie man, z.B. wie in England, im Lande leben, davon profitieren, und es dann angreifen kann. Ein sehr redestarker Tunesier wagte sich in einem 100% arabischen Cafe in großer Runde mit der These hervor, daß Religion bei den meisten Dingen (Terror, Afghanistan, etc.) gar keine Rolle spielt, sondern die Religion nur vorgeschoben wird, von allen Beteiligten, und erhielt von den Zuhörern durchweg Zustimmung. Und wenn ein Mann, der mich noch nicht kennt, mit mir über den Islam redet (Frauen schneiden dieses Thema von sich aus so gut wie gar nicht an), dann versucht er zunächst, die Gemeinsamkeiten und den Respekt herauszustellen, und erst danach die Gegensätze. Ich stoße im Lande eigentlich durchweg auf vorsichtige Toleranz und Respekt, und nicht auf fundamentalistische Ablehung des Christentums (beim Judentum ist man da schon um einiges negativer, jedoch ebenfalls nicht ohne jedes Verständnis). Also: es gibt Fundamentalisten, doch ich kann nicht der These zustimmen, daß sie eine wesentliche Zahl der Bevölkerung repräsentrieren, sondern nur eine kleine. Doch sie sind wohlorganisiert und eben diese Organisation macht sie überproportional hörbar, so daß sie als Minorität wie eine scheinbare Majorität wahrgenommen wird.
In der Fremde kommt natürlich hinzu, daß wegen der dort stärker zutagetretenden Abweichungen von der "Normalität" am Ort auch kleine Unterschiede sofort gesehen und vom Betrachter trotz ihrer eigentlichen Nichtigkeit in die Schublade Fundamentalismus gesteckt (also überbewertet) werden und die Moslems selbst, imn dem Bemühen ihre religiöse Identität zu wahren und ihren Kindern nahezubringen, ebenfalls dazu neigen, Kleinigkeiten stärker herauszustellen (und ebenfalls überzubewerten). Daß dies jedoch Fundamentalismus, und gar wachsenden, signalisiert, damit kann ich, wie gesagt, nicht übereinstimmen.
Und noch ein Wort zu den Frauen, die, wie gesagt, das Thema Religion signifikant seltener ansprechen - das Thema Familie, Ehemann, Kinder, Haus hat einen weit höheren Stellenwert für sie, als die Religionsausübung, und sie sind weitaus stärker geneigt, dem Ehemann zu "folgen" als ihn zu "leiten". Mit zunehmender Bildung dreht sich dies allerdings (erwartungsgemäß), doch dies bei gleichzeitig wachsend differenzierter Sichtweise. Auch dies bedingt also keineswegs Fundamentalismus - die fundamentalistische Behandlung der Religion war und ist aber ohnehin eine Männerdomäne, und dies nicht nur im Islam (was ohne Zweifel auch ein Resultat der unterschiedlichen Rollenzuweisung ist).

...dass bis vor gar nicht langer zeit (in der neuzeit) ein großer anteil der arabischen bevölkerung analphabeten waren...

Je mehr ich in "touristenferne" Teile der Bevölkerung vorstoße, je mehr habe ich den Eindruck, daß dies auch heute noch so ist, ich treffe mehr und mehr auf Personen, deren Französischkenntnisse quasi nicht vorhanden ist, und die also vorwiegend auf arabischsprachige Quellen und Konversationen angewiesen sind - und dies deutlich mehr bei Frauen, als bei Männern, und zwar in der Form "funktionaler Analphabetismus", also ähnlich, wie es auch z.B. in Deutschland bei Deutschen zu sehen ist. Dies würde im Prinzip kein Problem darstellen, doch die gesamte Sprache der "Moderne" in Tunesien ist französisch und wenn man sich allein anschaut, was im arabischsprachigen Fernsehen und in anderssprachigen Programmen geboten wird, erkennt man den Unterschied im Hinblick auf Informationsgehalt und -vielfalt.
Daß die wachsende Ausbildungsqualität dies wesentlich ändert, wage ich im übrigen zu bezweifeln, ich sprach mit jemandem, der den Grad BAC an der Universität im Department "Lettres" erlangt - ohne Englisch- und mit Franzöischkenntnissen, die eine Unterhaltung über 2-Wort-Sätze hinaus nicht erlaubten. Eine intelligente Person, zweifellos sogar, doch letztlich abgeschnitten von allen Informationen, die über arabische Texte und Konversation hinausgehen. Dies befördert zwar nicht per se den Fundamentalismus, doch die Abhängingkeit von Propaganda in politischer und religiöser Hinsicht und darüberhinaus das Folgen verständlicher und kaum hinterfragbarer Traditionen.

Und letztlich - ich bin der Meinung, daß man auch viele "Agent provocateur" oder gar "advocatus diaboli" findet, denn die Unkenntnis der westlichen Kultur vom Islam und arabischen Traditionen machen es leicht, mit kleinen provozierenden Äußerungen einen Sturm zu entfachen, an den man sich erfreuen kann. Genauso einfach wäre es, mit übertrieben christlichem Verhalten und Parolen in arabischen Ländern, und dazu reichte bereits die Kenntnis, die jeder Westler durch das Aufwachsen hier hat, auch wenn er selbst der Religion völlig fernsteht.
Ob also dementsprchende Äußerungen, selbst wenn sie für einen Zuhörer fundamentalistisch klingen, dies auch tatsächlich sind, oder aus ganz anderen, religionsfernen, Gründen, erfolgen, sei einmal ganz dahingestellt.