Entführung im Irak
Susanne Osthoff schildert Details der Geiselhaft - BND-Mitarbeiter brachte Ermittler auf die Spur
Von Birgit Svensson, Amman




22. Dezember 2005 Vier Tage nach ihrer Freilassung werden immer mehr Einzelheiten über Verlauf und Ende der Geiselhaft Susanne Osthoffs bekannt. Die 43 Jahre alte deutsche Archäologin wurde demnach nahe einer Tankstelle im Norden Bagdads auf ihrem Weg nach Arbil im Nordirak entführt.


Ihr Fahrer Chalid al Schimani fuhr von der Hauptstraße, die nach Kirkuk führt, in eine Seitenstraße und hielt an. Dann ging nach den Schilderungen Susanne Osthoffs alles sehr schnell. Die Beifahrertür wurde aufgerissen, Susanne Osthoff herausgezerrt, ihre Augen wurden verbunden. In einem Kofferraum wurde sie abtransportiert. Als sie wieder sehen konnte, befand sie sich in einem weiß getünchten Raum. Nach einiger Zeit wurde Frau Osthoff in ein neues Versteck gebracht.

„Fahrer war ein Komplize”

Mehr als drei Wochen verharrte die deutsche Archäologin offenbar im Großraum Bagdad in Geiselhaft, bevor sie durch zwei Mittelsmänner am vergangenen Sonntag nachmittag zur deutschen Botschaft im Westen Bagdads gebracht wurde. Der Fahrer der Archäologin war laut den Schilderungen offenbar in die Entführung verwickelt. Nach seiner eigenen „Freilassung” hat er sich bislang weder bei irakischen noch bei deutschen Behörden gemeldet.

Chalid al Schimani hatte demnach Kontakt zum Stamm der Duleimi, die Verbindungen zu sunnitischen Aufständischen im Irak haben. Frau Osthoff soll entführt worden sein, weil sie für eine Spionin gehalten wurde. Nachdem den Entführern klargemacht worden sei, daß Frau Osthoff „unschuldig” sei, seien die Entführer zu Verhandlungen bereit gewesen. Einer Verwicklung in die Entführung verdächtig ist außerdem ein Bagdader Scheich namens Dschamal al Duleimi, der Frau Osthoff Wagen und Fahrer für die Reise am 25. November nach Arbil vermittelt haben soll, während derer sie dann entführt wurde. Später soll er sich der Scheich als Vermittler angeboten haben.

Wichtige Lebenszeichen

Zwei Kontakte hätten den Ermittlern Lebenszeichen gebracht, hieß es am Donnerstag in Berichten aus Bagdad und Berlin: ein Araber, der sich nur telefonisch gemeldet habe, und ein Scheich namens Chut, über den die Freilassung am Ende zustande gekommen sei. Indem Fragen über Frau Osthoffs Privatleben korrekt beantwortet wurden, habe man deren Identität feststellen können. Auf die Spur Susanne Osthoffs brachte die Ermittler aber ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes.

Durch private Kontakte zu den Mitarbeitern des BND im Irak hatte Susanne Osthoff Mitglieder des Duleimi-Stammes kennengelernt, die ihr Geleitschutz anboten. Der Fahrer al Schimani wurde ihr durch einen Scheich des Stammes, offenbar Dschamal al Duleimi, empfohlen. Sie wähnte sich sicher. Doch der Vermittler hatte andere Absichten. Er verriet die Deutsche an eine Bande, die angeblich auch einen Duleimi in ihren Reihen hat und finanzielle Mittel für die Aufständischen besorgt, die zum großen Teil aus Sunniten bestehen und zur Machtelite im Saddam-Regime gehörte.

Einflußreicher Duleimi-Stamm

Zu den einflußreichen Duleimi gehört unter anderem Adnan al Duleimi. Er ist Vorsitzender des Allgemeinen Rates für das irakische Volk, der mit einigen anderen Sunnitenparteien die „Konsensfront” für die Zukunft Iraks bildet. Die Allianz mit der Nummer 618 auf dem Wahlzettel für die Parlamentswahlen am 15. Dezember liegt nach ersten Teilergebnissen in vier Provinzen Iraks vorn in der Wählergunst.

Ein anderer Duleimi macht derzeit ebenfalls von sich reden. Khalil al Duleimi ist der Verteidiger Saddam Husseins. Der Anwalt stammt aus Falludscha und genießt das Vertrauen der Familie des ehemaligen Diktators. Wieder andere aus dem Stamm waren hohe Offiziere in der irakischen Armee oder Regierungsbeamte; sie zählten zum sunnitischen Establishment. Der Duleimi-Stamm ist der mächtigste im Zentrum des Landes.

Ein lebensrettendes Papier?

Viele Menschen wurden bereits auf dem Weg von Bagdad nach Nordosten entführt oder ausgeraubt. Die Strecke führt an Falludscha und Ramadi vorbei und gilt als „Ali-Baba-Land”. Der Duleimi-Stamm hat seinen Hauptsitz in Ramadi. Auch die Straße nach Kirkuk, wohin Susanne Osthoff unterwegs war, führt durch Duleimi-Land. Vor ihrer Abfahrt aus Bagdad in den Norden brachte die deutsche Archäologin in Begleitung eines Mitarbeiters des BND das für ihr Projekt in Mossul ausgezahlte Geld noch zur Bank. Sie gab ihm einen Zettel mit dem Namen des Fahrers und der Autonummer und verschwand.

Erst als das Video ihrer Entführung drei Tage später auftauchte, erinnerte sich der BND-Mitarbeiter an das Papier. Die Suche nach Susanne Osthoff begann. Unzählige Hinweise gingen bei der deutschen Botschaft in Bagdad ein, unzählige Vermittler boten sich an - unter anderen ein Scheich des Duleimi-Clans, der sofort Geld verlangte. Ermittler des Bundeskriminalamtes vermuten, daß es sich dabei um dieselbe Person handelt, die den Fahrer vermittelt hatte. Die Zahlung wurde abgelehnt, der Scheich ist seitdem verschwunden. Übergangspräsident Tschalal Talabani schaltete sich daraufhin ein und Vizepräsident Ghasi Jawar.

Deutsch-irakischer Club in Bagdad

Susanne Osthoff wurde währenddessen abermals in ein neues Quartier gebracht. Sie war nun in der Obhut der Duleimis. Auch der Vorsitzende des deutsch-irakischen Clubs, Abdulhalim al Hijjaj, bemühte sich nun um Vermittlung. Der Verein besteht aus Akademikern, die zumeist in den siebziger und achtziger Jahren in Deutschland studiert oder promoviert haben. Etwa 70 Mitglieder zählt er heute und entstand nach dem Sturz Saddam Husseins. Die ersten Treffen wurden in der deutschen Botschaft im Bagdader Stadtviertel Mansour abgehalten. Danach bezog der Club ein Büro im ehemaligen Botschaftsgebäude im Stadtteil Karrada. Nach der notdürftigen Wiederherrichtung wurden Deutschkurse angeboten, erste Wirtschaftskontakte geknüpft. In der Zwischenzeit hat der Club eine kleine Villa im Westen Bagdads bezogen, nicht weit vom jetzigen Botschaftsgebäude entfernt.

Die Kontakte der Clubmitglieder erwiesen sich als erfolgversprechend, die Verhandlungen mit den Duleimi-Stammesangehörigen kamen zügig in Gang. Am 22. Tag ihrer Gefangenschaft erreichte die Botschaft die Nachricht, Susanne Osthoff werde bald freigelassen. Nach einer abenteuerlichen Fahrt mit mehrmaligem Fahrzeugwechsel brachten zwei Tage später ein Scheich des Duleimi-Stammes und der Vorsitzende des deutsch-irakischen Clubs die 43 Jahre alte Archäologin unversehrt und in gutem körperlichen Zustand nach Mansour zur deutschen Botschaft.

Entgegen allen Vermutungen wurde Susanne Osthoff während ihrer gesamten Gefangenschaft in Bagdad festgehalten, nur wenige Kilometer von der deutschen Botschaft entfernt, von wo aus sie am Tag ihrer Entführung die Reise angetreten hatte. Nach jüngsten Bekundungen der Archäologin will sie ihr Projekt in Mossul weiterhin bearbeiten. Sei befindet sich jetzt an einem geheimgehaltenen Ort außerhalb des Iraks mit ihrer Tochter.