...macht dich das nicht traurig...
Hmmm - schwierige Frage, denn ich bin ja kein Tunesier und insofern nicht gefühlmäßig "vorbelastet" in Bezug auf Kindheits- und Jugenderinnerungen und Erlebnissen, sondern sehe nur den Ist-Zustand. Und da überwiegt, ehrlich gesagt, die Genervtheit, daß ich, wenn ich etwas fürs Haus brauche, manchmal den halben oder gar ganzen Tag durch Geschäfte unterwegs zu sein, um dies (oder dies in der Menge, die ich brauche) einzukaufen, oder wirklich qualifiziete Auskünfte zu erhalten. Um es einmal so auszudrücken: die "Reibungsverluste" sind höher, als der "Gewinn" in Form von Vielfalt oder Abwechslung.
Das stellt sich sicherlich anders dar, wenn man sich nur gelegentlich im Lande aufhält und dann nicht nur in einer anderen Stimmung ist, sondern auch mal "Fünfe gerade" sein läßt und der Zeitfaktor keine Rolle spielt.
Jetzt könnte man natürlich entgegnen, daß mich niemand zwingt, hier zu leben und daß dies eben das "typische" Leben oder "Lokalkolorit" ausmache, doch das ist eine zu romantische Sicht der Dinge, denn die wirtschaftliche oder soziale Situation eines Landes bestimmt sich ja nicht aufgrund des "Abenteuergefühls" oder der idealisierenden Gefühle, die jemand, der den größten Teil des Jahres in anderen Verhältnissen lebt, beim Aufenthalt empfindet.
Tatsache ist eben, daß Arbeit oft ineffektiv verrichtet wird, mangelnde Qualität und Verläßlichkeit und Zeitverschwendung erhebliche Einbußen für die Wirtschaft und somit unmittelbar auch für die darin arbeitenden Menschen zur Folge haben - und darüber, ob sich Lebensqualität darin ausdrückt, daß man den ganzen Tag über locker lebt und am Ende dennoch nichts wesentliches erreicht hat, oder darin, daß man die notwendigen Dinge in kurzer Zeit und guter Qualität verrichtet und danach dann die Freizeit luxuriöser und entspannter genießen kann, läßt sich natürlich trefflich streiten. Einen Hinweis mag jedoch die Zahl der Menschen geben, die in einer bestimmten Struktur leben und diese verlassen wollen (Migranten), und diese Zahl ist in Tunesien nicht gering (und übrigens auch in den letzten 2-3 Jahren in Deutschland, was dort ebenfalls auf eine Verschlechterung der Verhältnisse hindeutet).
Die globalisierte Wirtschaft jedoch (und auch die immer wanderungsfreudigeren Menschen) interessiert dies weniger, denn hier zählen Effektivität und sich immer mehr angleichende Lebensverhältnisse, und der der Reichtum eines Landes entsteht nun einmal aus der Attraktivität, die das Land zuwanderungswilligen Wirtschaftbetrieben und auch zuwanderungswilligen, gut ausgebildeten oder/und reichen Menschen bietet.
Ob also eine Modernisierung traurig macht oder nicht, kann nicht so ohne weiteres gesagt werden - traurig vielleicht, wenn man das Gefühl regieren läßt oder einen romantischen Blick aus dem Zugfenster beim Vorbeifahren wirft, doch langfristig, und aus der Sicht der Betroffenen, ist es sicherlich besser, wenn dauerhafte und gute Arbeitsverhältnisse zunehmend Miniexistenzen ohne wesentliche finazielle Basis und soziale Absicherung ersetzen. Sicherlich ist das ein schmerzhafter Prozess und sicherlich kommen dabei auch viele Menschen "unter die Räder" und ebenso sicherlich wird es dabei auch zu Vorkommnissen führen, die so nicht gewollt sind, doch die Frage ist, ob man zumindest den Versuch unternehmen will, eine bessere Zukunft zu entwickeln oder lieber die Augen schließt und die Fahrt ins absehbare Nirgendwo fortsetzen läßt.