Auch Susanne Osthoff ist Deutschland“
KRISTINA DUNZ, 14.12.05, 14:36h
Berlin - Sie will so lange kämpfen bis ihre Schwester Susanne Osthoff wieder frei ist. Dabei ist ihre schärfste Waffe die Bitte. Zuerst bat sie jene Männer um Erbarmen, die die 43-jährige Archäologin vor knapp drei Wochen im Irak entführt und mit ihrer Ermordung gedroht haben. Am Mittwoch wandte sich Anja Osthoff nun an die deutsche Öffentlichkeit: "Ich bitte Sie inständig. Bitte zeigen Sie Ihr Mitgefühl, demonstrieren Sie für ihre Freilassung."
Mit dem Medikamenten-Hilfswerk action medeor, für das sich Susanne Osthoff während des Irak-Kriegs unter Lebensgefahr in Bagdad engagierte, bat sie um Unterschriften und Mahnwachen.
Die 35-jährige Komponistin wirkt bei ihrem Auftritt in Berlin völlig unverstellt. Eine Frau, die in einer extremen Situation Fragen so beantwortet, wie es ihr in den Kopf kommt. "Manchmal war ich an der Grenze, dass ich ausgeflippt bin", sagte sie über ihre Probleme, Informationen vom Auswärtigen Amt über den Stand der Vermittlungsbemühungen zu bekommen. Oder zur umstrittenen Schlagzeile der "Bild"-Zeitung, in der der Familie und den Lesern die Frage zugemutet wird, ob Susanne Osthoff geköpft werde: "Es hat ein paar so blöde Fälle gegeben wie mit der "Bild". Aber die les" ich eh nicht."
Ihre Hoffnung ist, dass sie in den nächsten Tagen mehr Öffentlichkeit in Deutschland herstellen kann. Wenn viele Menschen in Deutschland auf die Straße gingen, könne das Menschen im Irak beeinflussen, glaubt sie. Und ihre Schwester brauche diese Anteilnahme. "Vielleicht kann sie uns sehen." Für die beiden entführten und später frei gelassenen französischen und italienischen Journalistinnen sei die große Unterstützung in ihren Ländern ungemein wichtig gewesen.
Bisher gibt es kein Lebenszeichen von der vom Irak so begeisterten Frau. Die Entführer verlangen von der Bundesregierung, ihre Unterstützung für den Irak durch die Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte außerhalb des Landes zu stoppen. Die Regierung bemüht sich fieberhaft um einen Kontakt zu den Tätern. Zum Schutz der Betroffenen äußere sie sich nicht zu Einzelheiten, betonte am Mittwoch noch einmal ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.
Anja Osthoff spricht auch darüber, dass ihre Familie vor der Entführung lange keinen Kontakt zu ihrer Schwester hatte. Auch, dass es seit Jahren keinen Kontakt zum irakischen Ex-Mann der Schwester gebe. Sie habe aber gehört, dass er sich für Susanne einsetzen wolle. "Dafür bin ich dankbar." Sie macht deutlich, dass die schwierige Familiengeschichte nichts am Hoffen und Bangen und Bitten um das Leben ihrer Schwester ändert, die ihre eigene Sicherheit riskiert habe, um anderen Menschen zu helfen und eine Weltkultur zu bewahren.
Bernd Pastors, geschäftsführendes Vorstandsmitglied von action medeor, sagt, in Deutschland sollte auch niemand vergessen, dass Susanne Osthoff unter schwersten Bedingungen lebenswichtige Medikamente in den Irak gebracht habe. Unter Bezug auf die von Bundesregierung und Wirtschaft gestartete Werbe-Kampagne "Du bist Deutschland" sagte Pastors, auch Susanne Osthoff verdiene Respekt und Solidarität. "Auch Susanne Osthoff ist Deutschland." (dpa)