Hallo Anissa,

ein bischen spät, aber ich versuche mal am Anfang anzufangen:

Wir haben uns in Tunesien während eines Urlaubs kennengelernt. Mein Mann hat in Tunesien studiert.
Was seine Religion anbelangt, isst mein Mann kein Schweinefleisch und trinkt auch keinen Alkohol. Er betet seine Gebete und macht Ramadan. Ansonsten ist er religiös/liberal.
Seine Kritik an der tun. Gesellschaft ist durchaus berechtigt und klar, weiter möchte ich es nicht ausführen, da wir in Tunesien leben.
Daher ist ihm auch der deutsche Paß seiner Tochter sehr wichtig.
Wo sie letztendlich leben möchte, ist ihm sehr wichtig, denn Tunesien schließt er vollkommen aus.
Rebellion im Alter von 4 ½ Jahren kann man nicht sagen, ich bezeichne es als kindliche Trotzphase die vollkommen normal ist, ansonsten haben meine Beiden ein durchaus liebevolles Verhältnis.
Anpassung ist in unserer Ehe/Familie zwar ein Thema, aber letztendlich freiwillig. Ich esse Schweinefleisch, wenn ich welches habe und meine Tochter auch. Alkohol ist kein Thema für mich, wenn ich Gusto auf ein kühles Bier habe, warum nicht.
Wir praktizieren beide Religionen, denn wir haben jeweils eine andere Religion und keine von beiden ist besser oder schlechter als die andere.
Die religiöse Erziehung unserer Tochter erfolgt genauso wie unsere Einstellung. Beides ist wichtig.
Wir haben regelmäßigen Umgang mit anderen binationalen Paaren und Ausländern die im europäischen Ausland oder in Tunesien leben.
Wir leben seit 11 Jahren in Südtunesien auf der Ferieninsel Djerba.
Wir sind kein Mitglied der AFART.

Unsere Tochter heißt Salma und ist 4 ½ Jahre alt. Sie besucht einen normalen tunesischen Kindergarten.

Die nächsten Fragen kann ich leider nicht alle beantworten, versuche es aber soweit wie ich kann.

Werte und Traditionen: meine Tochter hat Respekt vor älteren Familienmitgliedern aber wie schon oben erwähnt testet sie sehr gerne ihre Grenzen aus. Mein Mann ist sehr nachgiebig in der Erziehung und ich bin die Strengere. Küssen tut sie fremde Leute sehr ungern.

Unsere Tochter weiß noch nicht was typisch deutsch ist, wird aber von uns beiden zur Pünktlichkeit angehalten. Außerdem legen wir großen Wert darauf, dass sie hilfsbereit ist aber keineswegs jemanden bedient.

Wußte gar nicht das ein Glas Wasser trinken was mit Aberglauben zu tun hat. Wir haben einen Fatimakettenanhänger zu ihrer Geburt geschenkt bekommen. Die Bedeutung kennt sie aber noch nicht.

Wir feiern alle moslemischen und christlichen Feste soweit es möglich ist und wir sie nicht vergessen. Weihnachten, Ostern und das Hammelfest. Weihnachten und Ostern werden sogar mit Mann und Kind auf meiner Arbeitsstelle, deutscher Club, gefeiert.

Unsere Tochter liebt jedes Fest, sie macht da keine Unterschiede, noch nicht.

Religion: In dem Alter hat sich unsere Tochter noch nicht entschieden und übt auch noch nicht irgendeine Religion selber bewusst aus.
Wir sagen vor dem Essen „Pip pip pip, wir haben uns alle lieb“ und das war´s eigentlich.
Im Kindergarten werden Koranverse gelernt, aber nicht weil der Vater oder die Familie es so will, sondern weil es in den tunesischen Kindergärten so ist.
Was die christliche Erziehung anbelangt, geschieht sie bei uns automatisch durch mich, soweit wie ich eben christlich glaube. Da mein Mann sehr wenig sich in die Erziehung einmischt und auch die christliche Religion akzeptiert, hat die Gesellschaft bzw. Familie keine Gelegenheit zu kritisieren.
Kontakt zu anderen Kindern in gleicher Situation gibt es selten, da häufig nicht erwünscht, aber nicht aus religiösen sonder eher aus Klassengründen.

Sprache: Unsere Tocher wächst 2-sprachig auf, also arabisch und deutsch.
Mit mir spricht sie also deutsch und mit meinem Mann arabisch.
Geweigert hat sie sich noch nie und beide Sprachen sind ihr gleich vertraut.
Sie spricht noch kein französisch, da sie noch nicht die Schule besucht.
Sie sagt aua, wenn sie Schmerzen hat und hu wenn es sich erschrickt. Schimpfen kann sie sehr gut in beiden Sprachen.

Essen: Wir kochen deutsch und tunesisch gemischt. Zur Zeit mehr tunesisch, da ich Vollzeit arbeite. Meine Schwiegermutter kocht dann eben für die ganze Familie. Schmeckt übrigens sehr lecker.
Tunesisch kocht mein Mann extra für unsere Freunde aus Deutschland und ich koche deutsch für unsere tunesischen Freunde.
Weihnachtsgebäck ist typisch deutsch und wird heiß und innig von meiner tunesischen Familie geliebt.
Das Lieblingsgericht ist glaube ich typisch europäisch, nämlich Nudeln, Pizza, Pommes, Schnitzel und Eis.
Da unsere Tochter alles essen darf, verbindet sie eigentlich noch keine Gerichte mit den jeweiligen Ländern.

Kleidung und Aussehen: Haut und Haare sind von der Struktur her typisch europäisch. Sie hat nicht diese drahtigen Haare und ist eher brünett. Ihre Haus ist im Winter sehr hell und wird im Sommer schnell braun. Augenfarbe ist braun. Also auf den ersten Blick kein tunesisches Kind.
In dem Alter wird wohl noch nichts betont, außer das sie lange Haare haben will. Je nachdem wo wir uns aufhalten ist meine Tochter Tunesierin oder eben erst einmal gar nichts. Die meisten Leute halten sie aber eher für eine Deutsche und reden deutsch mit ihr. Wenn sie dann erfahren, dass sie hier lebt, kommt die Frage ob sie denn auch arabisch spricht.
Unsere Tochter wird weder bewundert noch gehänselt, da es auch hier langsam normal wird, das Mischlingskinder nicht mehr die Ausnahme sind. Das selbe gilt auch für die Erzieher im Kindergarten.
Kleidungsmäßig denke ich dass sie sich normal kleidet, nämlich europäisch. Also kurze Hosen und T-Shirs im Sommer und Trägerkleidchen am Strand. Gebadet wird noch nackig, macht viel mehr Spaß. Da ich die Kleidung kaufe, wird auch nichts eingeschränkt. Wenn es heiß ist, wird eben kurz getragen. Da wir zusätzlich auf einer Touristikinsel leben, ist es eh lockerer.
Ich denke mal im Alter von fast 5 Jahren hat ein Kind hier noch keine Vorstellung von dem Idealmann, es ist eher der Vater der das Ideal ist.
Wenn unsere Tochter malt, sind die Leute auf den Bildern immer sehr bunt, also rot, gelb, braun und schwarz. Multikulti ???
Musik: Querbeet, von Rock über Pop, Klassik und mein Mann auch Jazz und Swing. Unsere Tochter hört da logischerweise mit. Tanzen kann sie zu allem auch zur tunesischen Musik. Sie tanzt aber auch zur Popmusik. Sie macht auch gerne bei den Shows auf der Clubbühne mit.

Gesellschaft: Ich glaube nicht das sich unsere Tochter ausgeschlossen fühlt, da sie die Sprache spricht und auch die Leute in ihrer Umgebung kennt. Sie ist auch nicht kontaktscheu.

Bezug zu Deutschland/Tunesien: die Oma ist Deutschland und Schnee.

Wir reisen nicht immer nach Deutschland, aber einmal pro Jahr zum Urlaubmachen ins europäische Ausland.
Die Landschaften sehen daher je nachdem entweder wüstenmäßig oder europäisch aus.
Lesen kann unsere Tochter noch nicht, sie mag aber Hörspielkassetten von Benjamin Blümchen und möchte jeden Abend eine Gute-Nacht Geschichte, daher hat sie auch viele deutsche Kinderbücher.

Alltag: Wir haben eine Satellitenschüssel und spontan wird KIKA oder Super RTL geschaut. Lieblingssendungen sind die Schlümpfe, die Gummibären, Sponge Bob, Rosa Panther usw.
Tunesische Kindersendungen, besonders die Trickfilme sind mir zu brutal. Verstehen kann sie es natürlich, aber ich selektiere ganz bewusst das Programm. Kanäle werden nicht gewechselt, sonst gibt es Krach von der Kurzen.

Die Staatsangehörigkeit der besten Freunde ist tunesisch/österreichisch, tunesisch/deutsch, tunesisch.
Unterhalten wird sich in der jeweiligen Landessprache und wenn nur Tunesier dabei sind eben arabisch.
Daher versteht sich unsere Tochter zumindest mit deutschsprachigen Kindern sehr gut. Aber selbst mit französischen oder italienischen Kindern spielt sie am Strand. Jeder spricht in seiner eigenen Sprache und Spielzeug wird eben geteilt.

Wie sie in Zukunft ihre Kinder nennen wird, weiß sie jetzt noch nicht, dazu ist sie noch zu jung und die Kuscheltiere oder Puppen heißen eben Bär oder Puppe. So interessant sind sie dann auch wieder nicht, sie müssen eher die Funktion erfüllen.

Konflikte in der Erziehung gibt es schon, weil ich einfach nicht soviel durchgehen lasse, wie die meisten tunesischen Eltern.
Mein Mann und ich legen großen Wert auf einen geregelten Tagesablauf mit festen Malzeiten. Eine festgelegte Schlafenszeit mit dem Ritual was unsere Tochter braucht. Danach ist Ruhe im Dom. Zu viele Süßigkeiten gibt es ebenfalls nicht und wenn dann nur wenn auch Obst oder Gemüse gegessen wird.
Kleidungsmäßig hat mir niemand was zu sagen und ansonsten hält sich die Familie raus.

Wenn Besuch da ist, wird gegrüßt und die Hand gegeben. Je nach Nationalität macht sie dann den Sprachunterschied. Das bekommt sie ganz schnell raus. Schüchtern ist sie eigentlich nicht, vielleicht die ersten 3 Minuten, aber dann kommt eben die altersgerechte große Klappe. Geredet wird wie ein Bilderbuch und der Besuch bekommt erst einmal einen Hausrundgang, inklusiv Kinderzimmervorstellung.

So, ich hoffe ich habe nichts vergessen.

Liebe Grüße Sandfloh