Wir sind so frei

FRANK A. MEYER
17.12.2005 | 21:17:45

Ein muslimisches Mädchen darf während des Schulunterrichts das Kopftuch tragen; ferner ist es vom Schwimmunterricht befreit sowie teilweise vom Turnunterricht. Das hat die Schulkommission des Seeländer Dorfes Stettlen soeben beschlossen.

Es wird berichtet, das Mädchen trage sein Kopftuch freiwillig, also nicht auf Anweisung der Eltern. Das Kind ist im dritten Schuljahr, neunjährig.

Vor mehr als zehn Jahren schon hatte das Bundesgericht ein muslimisches Mädchen vom Schwimmunterricht befreit. Begründung damals: Die Religionsfreiheit sei ein Recht, das in einem solchen Falle vor der Schulpflicht komme.

Geht es um Freiheit der Religion? Nein: Es geht um Unfreiheit durch Religion! Der Islam, fundamentalistisch oder traditionalistisch ausgelegt, unterwirft die Frau der Herrschaft des Mannes: Schon früh im Leben lernen die Mädchen Kopftuch und Tschador zu tragen sowie das Tabu, den Körper vor dem andern Geschlecht zu enthüllen. Auch haben die Frauen die Augen niederzuschlagen, sobald ein Mann in ihrem Gesichtskreis erscheint.

Für islamische Traditionalisten und Fundamentalisten ist die Frau in ihrer ***uellen Ausstrahlung ein animalisches Wesen. Sie wirkt provozierend auf ihre männliche Umwelt. Sie verführt die Männer zur Begierde, zur Lüsternheit, ja sogar zum Kampf bis hin zum Krieg. Der Begriff für diese Wirkung der Frau ist «Fitna» und bedeutet sowohl Verführung als auch Krieg.

Diese ***istische Sicht des weiblichen Geschlechts führt zur Erniedrigung der Frau zum Objekt: Sie darf nicht frei über ihren Körper verfügen. Dabei ist doch gerade die Selbstbestimmung über den eigenen Körper Ausdruck von Freiheit, also Ausdruck der Gleichberechtigung der Frau. Auf der Grundlage dieses Prinzips werden in unseren Schulen Mädchen und Knaben gemeinsam und nach denselben Kriterien unterrichtet.

Auch in unserem Kulturkreis musste die Befreiung der Frau gegen religiöse Macht erst durchgesetzt werden. Die christliche Kultur betrachtete die Frau über Jahrhunderte hinweg als minderwertiges und, vor allem, unmündiges Wesen.

Erst der Kampf gegen Kirche und Klerus führte zur Trennung von Staat und Religion – schliesslich zur Gleichberechtigung der Frau.

Die Schweizer Schulen gründen auf diesem Sieg. Sie sind Staat! Nicht Religion! Sie vermitteln der Jugend die Werte unserer säkularen Gesellschaft, zum Beispiel die egalitäre Partnerschaft zwischen Frau und Mann. Alles andere hat keinen Platz, weder am Lehrerpult noch am Schülerinnenpult. Auch nicht in Stettlen.

Hat jemand, der unsere wichtigsten Werte partout nicht akzeptiert, Platz in der Schweiz? Setzt Religionsfreiheit unsere wichtigsten Werte ausser Kraft? Oder ist gar das, was in Stettlen erlaubt wird, sowie das, was das Bundesgericht erlaubt hat, nichts als eine religiöse Petitesse, der wir tunlichst mit Toleranz zu begegnen haben?

Unsere freie Gesellschaft wird bedroht durch aggressiv auftretende islamische Orthodoxie, auch durch gewalttätigen Fundamentalismus. Es tobt ein Kampf um die kulturelle Moderne, wie wir sie leben und lieben.

Die offene westliche Gesellschaft hat ihre Feinde tief eindringen lassen. In manchen Metropolen Europas machen sich islamische Gegenwelten breit: Mädchen werden zwangsweise verheiratet; junge Frauen werden von Brüdern und Vätern bestraft, sogar ermordet, wenn sie die Freiheitsrechte des demokratischen Rechtsstaates in Anspruch nehmen wollen. Der Mann ist der Herr. Die Frau ist die Sklavin.

Durch falsche Toleranz, Laisser-faire und Gleichgültigkeit hat Europa die Rückkehr finsterer patriarchalischer Verhältnisse zugelassen. Multikulti lautet der frohgemute Begriff, der unter anderem zu der Misere führte, die in den islamischen Ghettos besichtigt werden kann. Jetzt werden wir die archaischen Geister nicht mehr los.

Unsere freiheitliche Leitkultur darf sich nicht damit begnügen, dass muslimische Mitbürger zwar die Verkehrsregeln beachten, zu Hause aber ihre Frauen schlagen. Integration in unsere Wertewelt, das bedeutet auch und vor allem: die Frau als gleichberechtigte Partnerin zu respektieren – bis ins Intimleben hinein. Das wiederum bedeutet: Bruch mit islamischem Traditionalismus und archaischen Gebräuchen.

Man mag argumentieren, so viel Neues und anderes überfordere Menschen, vor allem Männer, die in einer religiös vormodernen Welt aufgewachsen sind. Doch gerade darum sind Werte und Gesetze unserer Gesellschaft der muslimischen Jugend beizubringen. Und zwar in der Schule, wo unsere Werte und Gesetze gelehrt und praktiziert werden.

Auch in der Schule von Stettlen.
http://www.blick.ch/sonntagsblick/aktuell/fam/artikel29152