Zwölf eiskalte Tage auf See
Afrikaner streben nach Europa

Zuerst und immer wieder Malta und Lampedusa, dann Ceuta und Melilla, nun auch Antwerpen im Herzen Europas: Trotz aller Kontrollen wagen viele Afrikaner weiterhin die lebensgefährliche Flucht vor Armut und Elend nach Europa . Manche überleben mit knapper Not - wie jene zehn jungen Männer, die in dieser Woche als blinde Passagiere auf einem Autofrachter im Hafen von Antwerpen entdeckt wurden. Doch zwei Afrikaner fielen während der zwölftägigen Fahrt von Nigeria nach Belgien ins Wasser und ertranken.

"Wenn das Schiff noch etwas länger unterwegs gewesen wäre oder eine nördlichere Bestimmung gehabt hätte, würde keiner von ihnen das Abenteuer überlebt haben", sagte der Hafenlotse Frank De Cort. Die Besatzung eines Schleppers entdeckte die blinden Passagiere in einem kleinen, ungeheizten Raum nahe dem Steuerruder des Schiffs. Schwimmend hatten die leicht bekleideten Afrikaner den Frachter "St. Elmo" nach eigenen Angaben am 9. Dezember in Lagos erreicht, das Versteck knapp über der Wasserlinie entdeckt und sich dort zusammengekauert.

Zwischen Containern und Bananen

Kurz bevor die Nigerianer stark geschwächt und unterkühlt in Antwerpen von Bord geholt wurden, waren erneut fast 360 Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa gelandet. Beide Ereignisse sind eher ungewöhnlich: Die Fahrt auf altersschwachen Booten über das Mittelmeer wagen die meisten Flüchtlinge nur bei ruhiger See im Sommer. Und die 200 bis 300 Menschen, die pro Jahr als blinde Passagiere im Hafen von Antwerpen aufgegriffen werden, kommen meistens einzeln und im Laderaum versteckt.

Eine Reise zwischen Containern oder Bananen mag sicherer erscheinen als die offene Ruderkammer am Heck der "St. Elmo", endet aber auch oft mit dem Tod. "Einer der traurigsten Fälle war der eines Mannes, der im Laderaum saß", erzählte Hafenarzt Roland Van Cleempoel der Zeitung "De Standaard": "Er steckte sich während der Fahrt offenbar eine Zigarette an, wodurch die Rauchmelder (Alarm) auslösten und ein chemisches Mittel auf die Ladung spuckten. Ich fand ihn mit einem Foto seiner Familie, einem Kamm und einer Bürste."

Rückreise an Bord desselben Schiffes

Die illegale Einwanderung werde weitergehen, bis Europa den Glückssuchern auch legale Wege der Migration anbieten kann, meint die Europäische Kommission. Justizkommissar Franco Frattini und Sozialkommissar Vladimir Spidla legten deshalb einen Aktionsplan vor, der Zuwanderern für Arbeit und Ausbildung die Tür nach Europa ein wenig öffnen soll. Doch dafür müssen erst Gesetze ausgearbeitet und im EU-Ministerrat einstimmig angenommen werden. Das kommt für viele Menschen zu spät.

Die zehn Nigerianer, die Antwerpen mit der "St. Elmo" erreichten, sollten auf Kosten der Reederei in Malta bald wieder abgeschoben werden. Womöglich treten sie die erzwungene Rückreise an Bord desselben Schiffs an, das sie nach Europa gebracht hatte. Der 165 Meter lange Autofrachter bringt Gebrauchtwagen nach Nigeria, ein Land, das reiche Ölvorkommen hat, aber seit Jahren soziale Unruhen erlebt und laut Amnesty International immer wieder Schauplatz übler Menschenrechtsverletzungen ist.

Roland Siegloff (Deutsche Presse-Agentur)