nicht brandneu aber vielleicht trotzdem interessant (so noch unbekannt - komme mit der Suchfunktion hier nie so richtig zu Recht...)
Tunesien - das "Taiwan des Maghreb" (von Birgit Heitfeld)
14.05.2004
Tunesien will die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland ankurbeln. Der nordafrikanische Staat sieht sich durch die EU-Osterweiterung einem verschärften Konkurrenzdruck ausgesetzt. In 2003 ging das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern um sechs Prozent zurück. Auch das Terror-Image nach dem Djerba-Anschlag vor zwei Jahren macht Tunesien noch zu schaffen. Grund genug für Regierung und Wirtschaftsverband, stärker für neue Investitionen und Joint Ventures aus Deutschland zu werben. Dazu reiste Michael Rogowski mit einer Unternehmerdelegation zum Wirtschaftstreffen NEFTA III nach Tunesien. „Es lohnt sich, nicht nur nach Osten zu blicken, sondern auch nach Süden“, sagte der BDI-Präsident in Tozeur zu den deutschen Unternehmern. „Tunesien verfügt über ein gutes Bildungssystem, ist stabil, und ausgerichtet auf Europa.“ Teilweise existierten dort bessere Standortbedingungen als in den osteuropäischen Beitrittsländern.
Tunesien gilt als „Taiwan des Maghreb“, also als aufstrebende Wirtschaft, aber ein Land ohne große Rohstoffvorkommen. Die Bundesrepublik ist nach Frankreich und Italien derzeit Handelspartner Nummer drei, abgerutscht von Position zwei. Zwischen beiden Ländern bestehen seit langem engere wirtschaftliche Verflechtungen. 264 deutsche Unternehmen oder Unternehmen mit deutscher Beteiligung investieren in dem nordafrikanischen Staat. Rund 37.000 Menschen arbeiten in diesen Unternehmen. Walter Englert, Geschäftsführer des Afrikavereins, wirbt für den Standort als gute Einstiegsbasis für die Region und „Drehkreuz“ für den Maghreb. Bis 2008 sollen die Zölle weitgehend abgeschafft sein. Damit die Unternehmen bis dahin fit für den Wettbewerb sind, hat der Staat ein Förderprogramm namens „Mise à Niveau“ aufgelegt. Benno Bunse, Staatssekretär im Berliner Wirtschaftsministerium, charakterisierte Tunesien mit jährlichen 5 Prozent Wirtschaftswachstum und einer Inflationsrate von 3 Prozent als „makroökonomisches Musterländle.“ Tunesien hat in den vergangenen Jahren eine starke Mittelschicht aufgebaut. Der Staat gilt für Investoren als sicherer Standort. Trotz der wirtschaftlichen Stabilität gibt es keine echte Demokratie, die Presse ist staatlich gelenkt. Der Kulturmix zwischen afrikanischen, arabischen und europäischen Einflüssen ist einerseits als Plus anzusehen, andererseits sei Tunesien ein Land auf der Suche nach seiner Identität, ein wenig selbstbewusstes Land, so ein Kenner der Region.
Tunesien ist nicht nur für Tourismus und Dattelproduktion bekannt. Die Branchen Textil, Elektronik Automobilzulieferer und Lederwaren gehören zu den investitionsstärksten. Die Lohnkosten betragen etwa ein Zehntel der deutschen Kosten – allerdings bei geringerer Produktivität. „Die Löhne steigen moderat, doch die Dinar-Abwertung macht die Preise günstig“, sagt Walter Rüttgers. Der Bekleidungsingenieur lebt seit Mitte der 70er Jahre in Tunesien, leitete dort zunächst eine niederländische Textilfabrik und vermittelt heute als Berater sein Know-how an Geschäftsleute aus Europa, die sich in Tunesien niederlassen wollen. Doch die klassischen Branchen sind im Umbruch. Tunesien muss bei der Textilverarbeitung die Konkurrenz der noch aggressiveren Billiglohnländer in Asien fürchten. „Viele Deutsche denken noch, Tunesien ist ein reines Lohnfertigungsland“, so Rüttgers. „Das ist es aber nicht mehr. Die Basics gehen nach Asien. Tunesien ist der Markt für kleine Serien von Textilien, so zum Beispiel für Schnellschüsse oder hochwertige Produkte, auch Haute Couture.“ Spezialisierung sei Trumpf.
„Wir wollen 70 Prozent unserer Investitionen selbst aufbringen, die restlichen 30 Prozent durch ausländisches Kapital“, skizziert der tunesische Entwicklungsminister Nouri Jouini die Zielrichtung der tunesischen Wirtschaftspolitik. Ausländische Investoren sollen ihr Geld möglichst selbst mitbringen, Darlehen und Kredite in Kooperation mit tunesischen Banken gibt es kaum. „Die Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer wünscht sich, dass eine deutsche Bank dort ansässig wird“, so BDI-Präsident Rogowski nach den bilateralen Wirtschaftsgesprächen. Viele der interessierten deutschen Unternehmen wollen zwar nach Tunesien, sehen das Land aber eher als Vertriebskanal für ihre Produkte an, denn als Standort für aktive Investitionen und Joint Ventures.
Die entgegengesetzte Perspektive hat die STEAG Encotec. Der Essener Energiekonzern will sich bei dem Kraftwerk Radès II nahe Tunis mit langfristiger Perspektive im Know-how-Transfer engagieren. „Wir unterstützen die Betriebsführung und arbeiten zusammen mit den lokalen Mitarbeitern der Carthage Power Company“, sagt Martina Jung, General Manager für den Nahen Osten. „Wir wollen unser Know-how vertiefen und arbeiten auch in Spezialfragen mit dem gut ausgebildeten Personal vor Ort.“
Auch der geplante neue Flughafen für 30 Millionen Fluggäste pro Jahr (das entspricht der Kapazität des Münchner Airports), 150 Kilometer von Tunis entfernt, soll durch ein internationales Konsortium realisiert werden. Frank Beicken, zuständig für Siemens Airports und Sicherheitstechnologie an Flughäfen, reiste mit der deutschen Delegation, um die Möglichkeiten vor Ort auszuloten und Gespräche zu führen, nicht aber, um schon direkte Abschlüsse zu erzielen.
Sonja Breitner von der DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH) hat Tunesien für potenzielle Investitionen im Fokus. „Tunesien ist sehr gut entwickelt, und andere Länder brauchen uns zwar mehr“, so die Junior Investmentmanagerin für Afrika. Doch unter dem Gesichtspunkt der Risikostreuung sei auch Tunesien ein interessantes Pflaster. „Es gibt hier einen enormen Bedarf im Bereich der Refinanzierung. Wir schauen uns auch auf dem Tourismussektor um, in dem die Privatisierung von großen Hotels steht an.“ Insgesamt gebe es auf dem tunesischen Markt sehr viele kleinere Projekte - nichts für die DEG: „Unsere Minimum-Projektfinanzierung liegt bei 1,5 bis zwei Millionen Euro“, erklärt Breitner. Kleinere Beträge müssten über lokale Banken ausgehandelt werden.
Potenzial für Investoren sieht Dieter Grau, Tunesien-Delegierter der Bfai (Bundesagentur für Außenwirtschaft) mit Sitz in Tunis, zum Beispiel im Bereich Telekommunikation. „Der Bereich ist zehn Jahre im Rückstand zu Deutschland und entwickelt sich sehr schnell.“ Bislang schlage Telekommunikation beim Bruttoinlandsprodukt nur mit einem Prozent zu Buche, schon für 2006 seien jedoch sieben Prozent anvisiert. Auch in punkto E-Commerce, Callcenter und Produktion von Multimedia-Anwendungen hat der Bfai-Delegierte Chancen für Investoren ausgemacht. Und: „Bis 2010 entstehen in Tunesien zehn neue Technologieparks.“ Wachstum sei bei Pharmaprodukten wie Generika, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen zu verzeichnen. Der Energiesektor biete ebenfalls Potenzial (2003: plus 7 Prozent). „Mehr erneuerbare Windenergie ist in Tunesien erwünscht“, so Grau. „Auch Plastik-Recycling-Firmen und Sondermülldeponien fehlen.“ Walter Englert, Geschäftsführer des Afrikavereins, sieht unternehmerische Möglichkeiten in den Bereichen Entsalzung, Baustoffindustrie, Umwelttechnologie und Dienstleistungen. „Für meine Begriffe haben die Tunesier sehr hohe Erwartungen an die ausländische Investitionstätigkeit“, sagt Hans-Peter Merz vom Geschäftsbereich Außenwirtschaft der IHK Bochum. „Die inländische Investitionstätigkeit in Tunesien ist derzeit vergleichsweise gering.“
Maghreb
Am 17. Februar 1989 schlossen sich die fünf nordafrikanischen Staaten Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Mauretanien in der Arabischen Maghreb-Union (AMU) zusammen. Sie schufen damit den institutionellen Rahmen für eine regionale Kooperation im Maghreb.
NMI
North Africa Middle East Initiative. Gegründet 1996 von der deutschen Wirtschaft. Der BDI (Bundesverband der deutschen Industrie e.V.) koordiniert die Aktivitäten der NMI. Die definierte Region umfasst die Länder Nordafrikas bis Pakistan, einschließlich der Golfstaaten. Die Bundesregierung unterstützt die Vorhaben ideell wie logistisch. Das Ziel der NMI, die sich vorwiegend an kleinere und mittelständische Unternehmen richtet, besteht darin, die gegenseitigen Exporte zu steigern, Direktinvestitionen in den genannten Ländern zu fördern sowie Joint Ventures im Rahmen der jeweiligen regionalen Privatisierungs- und Liberalisierungsprogramme zu ermöglichen. Die NMI soll als flankierende Maßnahme indirekt dem Friedensprozess im Nahen Osten dienen, indem die deutsche Wirtschaft sich an den Hilfsprogrammen der EU, der Weltbank und anderer Organisationen der Vereinten Nationen beteiligt.
Mise à Niveau
Tunesisches Programm zur Wirtschaftsförderung. Zunächst befristet bis 2008, wenn die Zollgrenzen fallen sollen, aber voraussichtlich Verlängerung um weitere fünf Jahre. Die Wirtschaftsförderung richtet sich an Unternehmen, die bereits seit zwei Jahren existieren und bei Vorlage ihres Geschäftskonzeptes bis zu 25 Prozent Investitionsförderung seitens der tunesischen Regierung in Anspruch nehmen. Auch Steuerfreiheit bis zu 15 Jahren ist ein Baustein von Mise à Niveau.
Guichet Unique
Wörtlich übersetzt: „Sammelschalter“. Der „Guichet Unique“ ist angesiedelt beim tunesischen Amt für Industrieförderung (API). Unter einem Dach vereint sind alle Anlaufstellen, die ein Unternehmer für seinen Investitionsantrag kontaktieren muss, um alle Formalitäten zu erledigen. Der Guichet Unique ist die Antwort der tunesischen Regierung auf die Vorwürfe zu großer bürokratischer Hürden beim Eröffnen neuer Betriebe.
Institutionen im Internet
(FIPA – Tunisia) Förderungsamt für ausländische Investitionen
Agence de Promotion de l`Investissement Extérieur
http://www.investintunisia.tnFörderungsamt für landwirtschaftliche Investitionen
Agence de Promotion des Investissements Agricoles
http://www.tunisie.com/APIAUTICA Union Tunisienne pour l`Industrie, le Commerce et l’Artisanat
Tunesischer Arbeitgeberverband
http://www.utica.org.tnAPI (Agence de Promotion de l’Industrie)
Amt für Industrieföderung
http://www.tunisianindustry.nat.tnCEPEX Centre de Promotion des Exportation
Amt für Exportförderung
http://www.cepex.nat.tnONTT Office National du Tourisme Tunesien
Tunesisches Fremdenverkehrsamt
http://www.tourismtunisia.comAllgemeine Informationen
http://www.tunisie.comNachrichten auf Französisch
http://www.infotunisie.comTunisair
http://www.tunisair.com.tnTourismus in Tunesien
http://www.tunisietourisme.com.tnKultur in Tunesien
http://www.culture.tnPrivatisierung
http://www.tunisie.com/privatisationTunesisches Nationalradio
http://www.radiotunis.comWissenswertes über Tunesien
http://www.tunisieinfo.comQuelle: local global GmbH
Redaktion Stuttgart:
Marienstr. 5
D-70178 Stuttgart
Tel: +49 711 - 22 55 88 -0
Fax: +49 711 - 22 55 88 -11
Internet:
http://www.localglobal.de E-Mail: info@localglobal.de
Online:
http://www.localglobal.de/sixcms/detail.php?id=555806&template_id=3693