Der Unbequeme
Edward Said, die angesehenste Stimme Palästinas in der Welt, ist tot
Schon der Name war ein Lebensprogramm. Edward Saids anglophile, protestantische Mutter ließ ihren Sohn auf einen Namen taufen, für den es im Arabischen keine Entsprechung gibt. Dafür wurde ein Edward aus dem Hause Windsor wenige Monate später König. Orientalische Christen gingen allgemein davon aus, dass Anpassung an die überlegenen Lebensformen des kolonialen Westens ihren Kindern die Zukunft erleichtern würde. Der Vater, gleichfalls palästinensischer Christ, brauchte nicht überzeugt zu werden. Er hatte schon lange einen amerikanischen Pass. Die Hebamme übrigens, damals im Jerusalem des Jahres 1935, war Jüdin.
Der Mann, der einmal die angesehenste Stimme Palästinas in der Welt werden sollte, verließ die Heimat als Zwölfjähriger. Ein Jahr vor der Gründung Israels, als die Lage in Jerusalem schwierig wurde, übersiedelten die wohlhabenden Saids nach Kairo. Dort fand der junge Edward auf der Gezira Preparatory School „armenische, griechische, jüdisch-ägyptische, koptische und viele englische“ Mitschüler, aber keinen von „muslimisch-arabischer Herkunft“. Am Victoria College in Kairo saß Edward Said neben dem künftigen König Hussein von Jordanien und Omar Sharif.
Nach Jerusalem, zurück zu den „palästinensisch-arabisch-christlich-amerikanischen Bruchstücken“ seiner Herkunft – so beschreibt er sie in der Autobiographie „Am falschen Ort“, - kam Said erst wieder 1992, 47 Jahre später. Die Jahrzehnte dazwischen hatte er in Amerika verbracht, erst als Student in Princeton, dann mit einem Doktorat in vergleichender Literaturwissenschaft in Harvard und seit 1963 als Professor für Literatur an der Columbia Universität. Zu Hause und am wohlsten fühlte er sich immer in New York. Einem Ruf an die palästinensische Universität Bir Seit folgte er nicht.
Dennoch ließ ihn die Konfrontation des Okzidents mit dem Orient nie los. Sein bekanntestes Werk „Orientalismus“, 1978, ist diesem Thema gewidmet. Said vertritt die These, dass Orientalismus – sei es als Sammlung wissenschaftlicher Disziplinen, als Tendenz in bildender Kunst und Literatur oder als Denkschablone – dem Westen seit bald zwei Jahrhunderten dazu diene, sich den Osten kulturell und politisch gefügig zu machen. Teilweise folgt Said dabei Gedanken von Sartre, Foucault, Levi-Strauss und Fanon. Eine umgekehrte Disziplin „Okzidentalismus“, aus dem der Orient Rezepte für einen erfolgreicheren Umgang mit dem Westen ziehen könnte, gibt es höchstens in Ansätzen.
Aus Gustave Flauberts Salammbô zitiert Said eine Passage über die Begegnung des Franzosen mit der ägyptischen Kurtisane Kutschuk Hanum. Dabei sei „ein weithin einflussreiches Modell der orientalischen Frau“ entstanden. „Sie sprach nie von sich selber, stellte nie ihre Gefühle dar, ihre Gegenwart, ihre Vergangenheit. Er war Ausländer, relativ reich, ein Mann, und daraus ergaben sich die historischen Tatsachen der Beherrschung. Sie erlaubten ihm nicht nur, Kutschuk Hanum körperlich zu besitzen, sondern für sie zu sprechen und seinen Lesern zu erzählen, auf welche Weise sie ‚typisch orientalisch‘ war.“
Gegen jede Form von Tyrannei
Orientalismus besteht für Said darin, sich selber im anderen zu definieren: Westler sind „Gehirnmenschen“, nur weil Orientalen „sinnlich“ oder „körperlich“ sind. Die Befähigung, den anderen als „korrupt, lasterhaft, faul, tyrannisch und rückständig“ zu bestimmen, ist untrennbar mit der Absicht politischer Unterwerfung verbunden. Joseph Conrad, Rudyard Kipling oder sogar Jane Austen sind Vorläufer dieser Geisteshaltung. Aber die Salammbô-Romanze hat laut Said eine aktuelle Fortsetzung in der Weltpolitik. Dem „Zusammenstoß der Kulturen“ Samuel Huntingtons hielt er wütend einen „Clash of Ignorance“ entgegen. Sein Erzfeind in der Fachwelt war der britische Orientalist Bernard Lewis mit dessen Grundsatzkritik am Islam.
Für Palästina engagierte sich Said nach dem Sechstagekrieg von 1967 und als Folge der israelischen Herrschaft über die besetzten Gebiete. „Rein zahlenmäßig, was Getötete und zerstörtes Eigentum angeht, besteht absolut kein Vergleich dessen, was die Zionisten Palästina antaten, und dem was in Vergeltung Palästinenser den Zionisten taten“, schrieb er bereits 1979, lange vor den Intifadas und deren Unterdrückung. Im palästinensischen Exilparlament saß Said von 1979 bis 1991 als Unabhängiger.
Als Intellektueller war er der eigenen Seite gegenüber kaum weniger kritisch als zu den Israelis. Die Bruchstelle im Verhältnis zu Arafat, den er lange als Führer einer echten Volksbewegung unterstützt hatte, war das Osloer Abkommen. Said urteilte, die PLO habe dabei zu viel gegeben und zu wenig eingehandelt. Immer schärfer geißelte er die Korruption um den Palästinenserführer und dessen „Verrat“. Die Palästinensische Autorität sei zur „freiwilligen Kollaboration mit der Besatzung“ geworden, zu „einer Art palästinensischem Gegenstück der Regierung von Vichy“. Häufig wurden Saids Bücher von der Palästinenser-Behörde verboten.
Auf der anderen Seite sprach der Unbequeme stets von „Israel“, das nach arabischer Lesart lange Zeit nicht mehr als ein „zionistisches Gebilde“ sein durfte. Die Israeli seien Israeli, nicht wandernde Juden oder Kreuzfahrer, die wieder nach Europa gehen könnten. Ein jüdischer und ein palästinensischer Staat nebeneinander hätten keine Zukunft. Nur ein binationaler Staat gleichberechtigter Bürger könnte die Lösung bringen.
Said war zu ehrlich, um irgendeiner Kraft im Nahen Osten gefällig zu sein. Arabische Islamisten verdammte er ebenso wie den iranischen Revolutionsführer Chomeini, als dieser seine Todes-Fatwa gegen Salman Rushdie erließ. Für Tyrannen hatte er nichts übrig. Niemals setzte er einen Fuß in den Irak Saddams, auch nicht, als dieser noch von der arabischen und westlichen Welt als Bollwerk des Laizismus protegiert wurde. „Auf seine Reden von Säkularismus und Modernität fiel ich nie herein“, erinnerte er sich kurz vor Ausbruch des jüngsten Krieges. Doch schon in den Achtzigerjahren, während des Konflikts Irak-Iran, warnte er die Kuwaiter vor Gelüsten Saddams auf ihr Land und vor Unterstützung für dessen „arabischen Faschismus“. Ein Minister antwortete ihm, Kuwait sei stolz darauf, Milliarden von Dollars für den Krieg gegen „die Perser“ bereitzustellen.
Nach einer Routine-Untersuchung beim Arzt wusste Said seit 1991, dass er an einer Form von Leukämie litt, die schwer zu behandeln war. Das hielt ihn von nichts ab. Etwa um diese Zeit hatte er Daniel Barenboim kennengelernt. Sie wurden rasch Freunde. Der Palästinenser, der selber ein guter Pianist und anerkannter Musikkritiker war, und der Israeli aus Argentinien bildeten gemeinsam aus jungen jüdischen und arabischen Musikern das Ensemble „West-östlicher Diwan“. „Musik verbindet uns“, erzählte Said, „aber da sind auch biographische Daten. Er kam in Tel Aviv ungefähr zu der Zeit an, da meine Familie aus Palästina vertrieben wurde.“
Von seinem ganz persönlichen west-östlichen Diwan aus gewann Edward Said, der am Dienstag im Alter von fast 68 Jahren starb, große Weitsicht und tiefe Einsichten. Bequem lag er dort nie.
RUDOLPH CHIMELLI