Der Araber Said in Amerika
Die amerikanischen Nachrufe auf Edward Said heben hervor, dass er bereits als Teenager in die USA kam. Said wurde dadurch nicht zum Amerikaner – wohl aber zu einem New Yorker Intellektuellen, der das Leben in der Hauptstadt der Diaspora auf eine beeindruckende Weise produktiv zu nutzen verstand. Mit ihm, darin stimmen Freunde und Gegner in den USA heute überein, ist eine arabisch-palästinensische Stimme verstummt, für die sich in der intellektuellen Öffentlichkeit der USA so schnell kein Ersatz finden wird.
Der nicht enden wollende blutige Konflikt im Nahen Osten ist verantwortlich dafür, dass in den ersten Würdigungen der großen amerikanischen Zeitungen Edward Said, der Intellektuelle, gegenüber dem militanten Anwalt der Palästinenser fast völlig in den Hintergrund tritt. Dem über das Internet verbreitete Nachruf Richard Bernsteins in der New York Times beispielsweise lässt sich kaum entnehmen, welche weitreichende Wirkung Said mit seinen provozierenden Thesen zum „Orientalismus“ in den Humanwissenschaften erzielte.
Durch seine Fähigkeit, künstlerische Interessen mit wissenschaftlicher Forschung und politischem Engagement zu verbinden, nahm Said unter Amerikas Intellektuellen eine fast einzigartige Stellung ein: Als „public intellectual“ und „street polemicist“ wäre die natürliche Heimat dieses Arabers eher Paris als New York gewesen.
Nach seinem Tod wird noch deutlicher, wie sehr die Demonstration eines europäischen Habitus in einem amerikanischen Milieu auch Kritiker Saids faszinierte. Hinzu kommt, dass mit Said kein Muslim, sondern ein christlicher Araber mit fanatischer Entschiedenheit die Sache der Palästinenser verfocht. Der Ethnologe Clifford Geertz, der wie kein anderer zum Verständnis des historischen und aktuellen Islam beigetragen hat, stand dem Werk des „Anti-Orientalisten“ Edward Said kritisch gegenüber. Dass Said das Abkommen von Oslo kompromisslos ablehnte, hat für Geertz seinen Grund auch darin, dass der Christ Said es für notwendig hielt, die Sache der Muslime noch entschiedener zu vertreten als ein Muslim selbst.
Paradoxer Weise wurde der Nicht-Muslim Said daher mitverantwortlich für die Pervertierung eines weltlichen, territorialen Konflikts zu einem religiös übersteigerten Bürgerkrieg zwischen Israelis und Palästinensern. Nach dem Tode Edward Saids, so Clifford Geertz, ist es notwendiger denn je, sich Rechenschaft darüber abzulegen, welch überragende Rolle der „christliche Araber“ in der Politik und Kultur des Orients gespielt hat.
WOLF LEPENIES