18.08.2003
Krisenherd an der Südflanke Europas
Wirtschaftliche Einheit in weiter Ferne
Die Maghreb-Staaten sind auf die EU ausgerichtet, was ihrer Entwicklung nicht unbedingt nützt Von Mohamed Dridi
Mordanschläge islamischer Fundamentalisten, Entführung von Sahara-Touristen, und immer wieder dramatische Nachrichten von Versuchen illegaler Emigranten, nach Europa zu kommen: Immer wieder zieht der so genannte Maghreb (Karte) die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Zudem ist auch die wirtschaftliche Lage prekär, obwohl die politischen Führer mit Unterstützung der Europäischen Union einiges in die Wege geleitet haben, um Staat und Gesellschaft nach europäischem Modell zu modernisieren. Zugleich sollten die Volkswirtschaften durch Reformen auf europäisches Niveau gebracht werden, um so den Nordafrikanern eine ökonomische Entwicklungsperspektive zu geben.
Die Ausgangsposition hierzu ist im Grunde günstig. Der Maghreb ist geographisch ein riesiges zusammenhängendes Gebiet von sechs Millionen Quadratkilometern und 81 Millionen Menschen. Viele haben eine ähnliche Geschichte, Sprache und Kultur. Auch wenn die politischen Systeme der fünf Maghreb-Länder – Tunesien, Algerien, Marokko, Libyen und Mauretanien – unterschiedlich sind, so haben ihre einzelnen Volkswirtschaften doch einige gewichtige Wirtschaftsbereiche, die sich bestens ergänzen können: Marokko, Tunesien und Mauretanien mit ihren großen Phosphatvorkommen, Marokko und Tunesien mit ihren reichhaltigen Agrarprodukten und ausgedehnten Küstenstränden für die Tourismusindustrie und schließlich Algerien und Libyen mit ihren immensen Erdöl- und Erdgasreserven. Hinzu kommt die hohe Zahl an qualifizierten Absolventen der verschiedensten Bildungseinrichtungen.
Gescheiterter Anlauf
Doch nach der Erlangung der politischen Unabhängigkeit Anfang der sechziger Jahre ging jedes einzelne Land seinen eigenen Entwicklungsweg und hoffte, dass mit dem Modell zentral gelenkter Wirtschaft unter einer autoritären Führung der nationale Umbruch in eine ökonomische Entwicklungsperspektive umschlagen würde. Die Rechnung ging nicht auf. Zwar schien 1989 die lang erhoffte Wende zu kommen, als sich die Staaten zu einer „Union des Arabischen Maghreb“ zusammenschlossen, um ihre Länder zu entwickeln und die Region zu einer Wirtschaftmacht auszubauen.
Doch heute ist diese Hoffnung in weite Ferne gerückt. Lediglich im Energiebereich wurde der Bau von Pipelines aus Algerien und Libyen via Tunesien nach Italien und von Algerien via Marokko nach Spanien in Richtung Mitteleuropa realisiert. Ansonsten betrug der Handelsanteil zwischen den Gründerstaaten nicht einmal drei Prozent ihres gesamten Außenhandelsvolumens, das im vergangenen Jahr bei 1,25 Milliarden Dollar lag. Jedes Land suchte seinen Vorteil in bilateralen Wirtschaftsbeziehungen mit der EU und sorgte somit selbst für seine gesellschaftliche Unterentwicklung und wirtschaftliche Abhängigkeit.
Mit der EU wickelt Tunesien seinen Handel zu 75 Prozent ab, Algerien zu 65 Prozent, Marokko zu 60 Prozent – ein Handelsanteil, der knapp drei Prozent der gesamten Ein- und Ausfuhren der EU ausmacht. Im Gegenzug exportiert diese in den Maghreb vor allem Industrieausrüstungsgüter sowie Getreide und importiert Rohstoffprodukte wie Erdöl, Erdgas und Phosphate. Weitere Exporte aus dem Agrar- und Fertigwarenbereich in die EU werden weiterhin durch deren protektionistische Maßnahmen wie Importquoten und Kontingente begrenzt.
Solche ungleichen Handelsbeziehungen tragen dazu bei, dass bislang kein nachhaltiger Industrialisierungseffekt entsteht. Erdöl- und Erdgas-Förderung in Libyen und Algerien, der Ausbau des Massentourismus in Tunesien und Marokko sowie die Auswanderung zur Gastarbeit rückten an die erste Stelle der Haupteinnahmequellen dieser Staaten und lieferten somit die maghrebinischen Volkswirtschaften den internationalen Konjunkturschwankungen aus. Gleichzeitig aber erhielten sie – außer Libyen – von der EU im Rahmen ihrer Mittelmeerpolitik großzügige Kredite und andere finanzielle Zuwendungen. Von 1978 bis 1996 waren es insgesamt 1,7 Milliarden Euro aus Haushaltsmitteln und knapp zwei Milliarden Euro an Krediten von der Europäischen Investitionsbank, um ihre Wirtschaft zu sanieren und sie auf liberalen Kurs zu bringen.
Und während die Kapitalströme von Nord nach Süd flossen, strömten die Arbeitskräfte in die entgegengesetzte Richtung vom Maghreb in die EU. Die Gründe dafür sind in allen Ländern die gleichen. Anstatt die Landwirtschaft, von der die Mehrheit der Bevölkerung lebt, durch Agrarreformen zu stabilisieren, förderten die bisher unternommenen Reformen nur die Besitzkonzentration und damit die allgemeine Landflucht. Ein Großteil der Landbevölkerung wanderte in die Ballungszentren der Großstädte ab, um in den Slums das Heer der arbeitslosen Bevölkerung zu vergrößern. Hinzu kommen Schulabgänger und Universitätsabsolventen, die keinen Arbeitsplatz fanden.
Arbeitslosigkeit steigt
Der industrielle Sektor ist zu schwach, um sie aufzunehmen. Auf den ganzen Maghreb umgerechnet ist jeder vierte Arbeitswillige arbeitslos, am schwersten davon betroffen ist die Jugend, die 60 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Die im Rahmen der Globalisierung notwendig gewordene Wirtschaftssanierung ist derzeit im ganzen Maghreb im vollen Gange und wird zusätzlich einen hohen Tribut an zusätzlichen Arbeitslosen einfordern.
Derzeit erzielen die fünf Länder zusammen ein geringeres Bruttoinlandsprodukt (BIP) als ihr nördlicher Nachbar Spanien. Trotz jährlichen Wirtschaftswachstums von durchschnittlich drei Prozent sinkt im Schnitt ständig das Pro-Kopf-Einkommen, weil die Bevölkerung schneller wächst. Eine Reduzierung der hohen Arbeitslosenrate setzt ein Wachstum des BIP von derzeit etwa 1,3 Prozent auf 5 Prozent voraus. Ein schier unmögliches Unterfangen angesichts der Bevölkerungsexplosion: Im Jahre 2020 dürfte nach Schätzungen der Weltbank die Einwohnerzahl von heute 81 Millionen auf knapp 112 Millionen anwachsen.
Als Ventil für den überlasteten Arbeitsmarkt diente bislang die Auswanderung zum Zweck der Gastarbeit. Nach Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) leben heute an die 4,6 Millionen Nordafrikaner in der EU. Doch die anhaltende Rezession in Europa, die streng kontrollierten Grenzen des Schengen-Gebiets und die kriegerischen Auseinandersetzungen am Persischen Golf haben die legale Emigration aus Nordafrika gestoppt. Die illegale fängt erst richtig an.
Das ist der bericht von Annegret und ich finde er sollte hier stehen zum lesen, da die Links nach eine gewissen zeit wechseln und dann dieser Artikel nicht mehr vorhanden ist.
Claudia