Lalla Manoubia, die rebellische Heilige

Die wenigsten der vielen Heiligen, deren Zaouias (Heiligengräber) sich überall in Tunesien befinden, sind Frauen. Eine davon ist Lalla Manoubia, die berühmte Heilige von Tunis, die im späten 12. Jahrhundert lebte. Um ihre Person ranken sich vielerlei Legenden; ihr Schicksal wird bis in die heutige Zeit in Volksliedern besungen.

Der Überlieferung zufolge traten die übernatürlichen Fähigkeiten der kleinen Aicha aus El Manoubia bei Tunis im Alter von 12 Jahren zutage. Das Mädchen, das der Überlieferung zufolge "schön war wie Sonne und Mond zugleich", streifte mit Vorliebe durch die freie Natur. Bei einem ihrer Streifzüge traf sie auf den heiligen Sidi Bel Hassen und fing unter einem Johannisbrotbaum eine Unterhaltung mit dem frommen Mann an. Dabei wurde es von Dorfbewohnern gesehen, die sogleich ihrem Vater vom ungebührlichen Verhalten seiner Tochter erzählten. Dieser fürchtete um den guten Ruf seiner Familie und verbot seiner Tochter, fortan das Haus zu verlassen.

Um ihrem Vater und der ganzen Dorfgemeinschaft ihre Tugendhaftigkeit zu beweisen, vollbrachte Aicha ein Wunder. Sie tötete einen der zwei Ochsen des Vaters, behielt die Haut und verteilte das Fleisch unter den Nachbarn mit der Bitte, ihr die Knochen anschließend zurückzubringen. Den ganzen Tag und die halbe Nacht lang verbrachte Aicha in inbrünstigem Gebet, und siehe da, um Mitternacht war der Ochse wieder auf den Beinen.

Dieses Wunder überzeugte zwar ihren Vater, nicht aber ihren Onkel, der sie mit seinem Sohn - der Sohn des Onkels väterlicherseits galt und gilt zum Teil heute noch als der Ehepartner par excellence - verheiraten wollte. Alles Sträuben Aichas half nichts, die Hochzeit war eine ausgemachte Sache. In der Hochzeitsnacht soll die Braut den ungeliebten Mann mit einem magischen Pfeil getroffen haben, worauf er dem Wahnsinn anheimfiel. Sie selbst wurde am nächsten Morgen tot im Brautgemach aufgefunden.

Soweit die Legende. Die historische Realität sieht wohl etwas anders aus. Danach hat Aicha sich, nachdem der angetraute Ehemann kurz nach der Hochzeit von einer rätselhaften Krankheit dahingerafft wurde, entgegen allen Gesetzen der Gesellschaft mit einigen treuen Gefolgsleuten am Stadtrand von Tunis niedergelassen und ihren Lebensunterhalt bis in ihr hohes Alter mit Spinnen verdient. Ob Dichtung oder Wahrheit, Lalla Manoubia wurde als Anwältin der Armen und Unterdrückten über die Jahrhunderte verehrt, ihr Grab im Stadteil Montfleury in Tunis gilt wie alle Heiligengräber als Zufluchtsort für Schutzsuchende und Ausgestoßene und geheimer Treffpunkt.

Gerade unter den Frauen ist die Heiligenverehrung weiterhin sehr verbreitet. Die typischen Tage für einen Besuch des Grabes von Lalla Manoubia sind Montag und Freitag. In Bittgebeten wird die Heilige, die sich der Überlieferung zufolge als "Leutnant Gottes auf Erden" bezeichnete, um ihre Fürsprache gebeten. Um die Heilige gnädig zu stimmen, wird ihr ein fertig gekochtes Couscous-Gericht, Fleisch von Opfertieren oder Olivenöl dargebracht.

Den Machthabern und orthodoxen Kreisen war der Heiligenkult grundsätzlich immer sehr suspekt, schließlich untergrub er ihren Anspruch auf Autorität und auf die einzig richtige Auslegung der Religion. Daher wurden mystische Tendenzen erbittert bekämpft, zuletzt nach der Unabhängigkeit Tunesiens, denn die Heiligenverehrung paßte einfach nicht in das Image des modernen Staates. Aber die Tradition des Volksglaubnens hat sich nicht ausrotten lassen, so auch nicht die mystische Verehrung einer Frau, die es gewagt hatte, sich dem Willen ihres Vaters zu widersetzen.