Auf der Avenue Bourguiba im Stadtzentrum von Tunis regeln Verkehrspolizistinnen den Verkehr - ein in der arabisch-islamischen Welt einzigartiger Anblick. Wann immer vom modernen, fortschrittlichen Tunesien die Rede ist, kommt das Thema Frauen auf den Tisch. Dazu kann das Land tatsächlich einiges vorweisen, allen voran eine Gesetzgebung, die in der arabisch-islamischen Welt ihresgleichen sucht.

Am 13. August 1956, nicht einmal ein halbes Jahr, nachdem Tunesien seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangt hatte und noch bevor die Republik ausgerufen war, wurde der Code du Statut Personnel (Personenstandsgesetz) erlassen, der einige revolutionäre Neuerungen gegenüber den zuvor geltenden islamischen Rechtsvorschriften enthielt: Abschaffung der Polygamie, Notwendigkeit der Zustimmung der Frau zur Heirat, Abschaffung der einseitigen Auflösung der Ehe durch Verstoßung seitens des Ehemannes. Daß diese Reformen beim religiösen Establishment alles andere als Begeisterung auslösten, ist unschwer zu erraten.

Die Frauenfrage war für den ehemaligen Staatspräsidenten Habib Bourguiba, der das Land in die Unabhängigkeit führte, ein wichtiger Bestandteil seiner Modernisierungspolitik. Unter seinem Nachfolger Ben Ali wurde 1993 das Frauen- und Familienministerium geschaffen. Ben Ali führte weitere Gesetze ein, die die rechtliche Stellung der Frauen stärken: Seit 1993 haben die tunesischen Frauen ein ausdrückliches Mitspracherecht bei allen Fragen, die ihre minderjährigen Kinder betreffen. Sie bekommen nun das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen, wenn der Vater sich dieser Aufgabe nicht gewachsen erweist. Indessen wurde an einer Grundregel des islamischen Erbrechts bis heute nicht gerüttelt: Einer Frau steht lediglich die Hälfte des Erbteiles eines Mannes zu.

Papier ist geduldig. Bei aller Progressivität, was die gesetzliche Stellung der Frau anbelangt, sieht der Alltag vieler Frauen, besonders auf dem Lande, nach wie vor ziemlich düster aus. Die Situation der Frauen in den Städten ist mit den Verhältnissen auf dem Lande nicht zu vergleichen. Wenn mal einmal von Hammamet nach Tunis fährt, wird einem dieser Kontrast sehr plakativ vor Augen geführt. In Stadt werden uns adrette Angestellte auf dem Weg zur Arbeit in Geschäften, Banken und Hotels begegnen, eine halbe Stunde später auf einem Trampelpfad neben der Autobahn bietet sich dann ein ganz anderes Bild: Dort laufen schmächtige Landfrauen, von der Last ihrer riesigen, mit Brennholz bis ohnhin gefüllten Kiepen fast zu Boden gedrückt. Dabei ist das Brennholzsammeln nur eine der schweren Arbeiten, die die tunesischen Landfrauen verrichten. Einer im Norden Tunesiens durchgeführten Studie zufolge verbringen die Frauen im Durchschnitt 7 - 18 Stundene pro Woche mit Brennholzsammeln, das sind 600 Stunden harter körperlicher Arbeit im Jahr.

Kritik an der Lage der Frauen ist, neben der gleichzeitigen Anerkennung des bisher erzielten Fortschritts, durchaus im Lande selbst zu vernehmen. So listet der Berich des Frauenforschungs- und Dokumentationszentrums CREDIF aus dem Jahre 1994 eine ganze Reihe von Mißständen, insbesondere in ländlichen Gebieten, auf: die unzureichende Bildungssituation und die teilweise miserablen hygienischen Bedingungen, die die Frauen in ihrer Sorge um die Familie besonders belastet (gut die Hälfte der Haushalte auf dem Land haben kein fließendes Wasser). Aber nicht nur auf dem Lande sind Defizite zu beklagen. Frauen kommen selbst in den Städten in vielen Bereichen nicht richtig zum Zuge: der Prozentsatz von Frauen in höheren Positionen von Wirtschaft, Verwaltung und Politik ist verschwindend gering - ein Thema, das Westeuropäerinnen ebenso vertraut sein dürfte wie Tunesierinnen.