Nicole, du hast mit so vielem Recht, was du da schreibst. Unsere islamische Umma befindet sich heutzutage in einem wirklich katastrophalen Zustand: wir zerfleischen uns gegenseitig, picken uns die Rosinen aus dem Kuchen und so richtig Wissen hat eigentlich keiner mehr. Das sind aber alles Dinge, die uns der Prophet sws schon zuvor prophezeit hat. Er wußte, dass es so kommen wird und Allah will, dass es so kommt. (es gibt sehr viele Überlieferungen über den Zustand der Menschheit in der letzten Zeit und man muß immer mit Entsetzten feststellen, dass sehr viele dieser Zustände bereits Realität sind).
Der Prophet sws ist vor ca. 1400 Jahren verstorben. Wir befinden uns also schon rein zeitlich sehr weit vom "Urislam", der unser Vorbild sein sollte, entfernt. Hinzu kommt, dass wir Muslime nicht mehr den authentischen Islam zu unserem Maßstab machen, sondern uns viel lieber mit Nichtmuslimen messen und diese zu immitieren versuchen.
Die Definition von Muslim ist eigentlich wie folgt: Wer bezeugt, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Muhammad sws Sein Diener und Gesandter ist, der ist Muslim. Ein Muslim ist jemand, der sich Allah ergeben hat. Ein Mu´min (d.h. einer, der den Glauben richtig verinnerlicht hat)steht aber auf einer weit höheren Stufe. Er ist bestrebt, Allah aus Liebe zu dienen, nicht aus Angst vor der Hölle oder weil er das Paradies will. Das ist eine Stufe, die wohl nicht allzuviele erreichen, ich bin jedenfalls noch Lichtjahre entfernt davon. Ich würde mich als einfacher Muslim bezeichnen, der noch viele Schwächen hat, sich aber bemüht, gegen selbige zu kämpfen. Der Kampf gegen das Ego, der jihad unnafs, hört das ganze Leben nicht mehr auf.
Aber wenn jemand sagt, ich glaube an Allah und was im Qur´an steht, aber bewusst einige Dinge nicht tut, nicht aus Schwäche, weil er es noch nicht schafft, sondern weil er sich gegen bestimmte Dinge sperrt, dann ist er ein Abgewichener, ein fasiq, aber immer noch Muslim. Der Gehorsam gegenüber Allah schließt den gegenüber dem Propheten mit ein. Allah hat auch in einem Vers die Menschen ermahnt, dass sie nicht an einen Teil des Buches glauben und einen anderen verwerfen dürfen, nur weil es ihnen nicht passt. Finde leider den Vers nicht gleich. Damit waren zwar soviel ich weiß die Juden gemeint, aber das bezieht sich wohl auch auf Muslime. Man kann nicht sagen : Ich bin Muslim, aber ich bete nicht, weil ich keine Lust dazu habe, oder ich faste nicht, weil ich lieber essen will usw.., oder wenn jemand Alkohol trinkt, obwohl er weiß, dass es ganz klar verboten ist. Dann ist der Betreffende eben abgewichen, aber immer noch Muslim.
Aber wenn sich jemand bewusst für den Islam entscheidet, dann sollte er doch so gut wie möglich versuchen, ihn auch umzusetzen. Mir fällt kein passender Vergleich eim, aber wenn man einen Job übernimmt, und dann bestimmte Dinge nicht macht, die in seinen Aufgabenbereich fallen, weil er keine Lust dazu hat, dann ist das ja auch nicht akzeptabel. Damit meine ich nicht nur Konvertiten, sondern auch "geborene" Muslime, auch sie müssen sich täglich wieder neu für Allah und Seinen Lebensweg, den Er für uns ausersehen hat, entscheiden.
Für mich gibt es übrigens keine negativen Seiten des Islam an sich, der Islam ist ein vollkommenes System. Negativ ist nur das, was wir daraus machen, indem wir eben nicht die Aya befolgen: "Und gehorcht Allah und Seinem Gesandten und denjenigen, die Befehlsgewalt unter euch haben", sondern weil wir nach Lust und Laune dem Islam praktizieren. Darum ist unsere Ummah auch in diesem katastrophalen Zustand.
Es gibt gewissen Regeln, die im ersten Moment nicht immer nachvollziehbar erscheinen (deren wirklichen Sinn oft nur Allah kennt), wie dass eine muslimische Frau keinen Nicht-Muslim heiraten darf. Mit diesen Regeln verhält es sich wie mit einem Auge: Das Auge im Gesicht des Menschen ist das Schönste. Wenn man es aber aus dem Gesicht rausgeschnitten auf einen Tisch legen würde, dann sieht es scheußlich und eklig aus. Das hießt, all die Regeln des Islam, wenn sie denn voll praktiziert werden würden und nicht nur das, was einem gerade in den Kram passt, würden dazu führen, dass die Ummah blüht und stark wird, dass der Hunger und die Ungerechtigkeit aus der Welt verschwinden. Beispielsweise, wenn ein Mann eine Jungfrau heiraten will, selber aber nichts dabei findet, sich vorher "ausgetobt " zu haben. Doppelmoral und mit zweierlei Maß messen ist Ungerechtigkeit und damit unislamisch und schädlich für die Ummah, und da muss jeder bei sich selber anfangen.
LG
Amina