Erneut Flüchtlingsboot vor italienischer Küste
Di.24.06.03 - Vor der süditalienischen Küste ist abermals ein Boot mit Flüchtlingen aus Afrika aufgetaucht. Die Küstenwache habe das mit etwa 150 Menschen besetzte Boot in der Nacht zum Montag vor der sizilianischen Küste abgefangen und in den Hafen von Porto Palo geleitet, teilten die Behörden mit. Zwei mutmaßliche Schlepper seien festgenommen worden. Die Flüchtlinge stammen offenbar vom Horn von Afrika. Sie seien in ein Auffanglager gebracht worden, wo sie ärztlich versorgt würden. Nach dem Kentern eines Flüchtlingsschiffes vor Tunesien am Freitag gehen die Rettungskräfte davon aus, dass dabei mehr als 200 Passagiere ums Leben kamen.
Der italienische Außenminister Franco Frattini schlug eine "Belohnung" für all jene Herkunftsländer vor, die potenzielle Flüchtlinge auf eigenem Territorium von der Überfahrt nach Italien abhalten. Für solche Länder könnten etwa die regulären Einwandererquoten erhöht werden, sagte Frattini in einem Interview mit dem "Corriere della Sera".
Der Minister lobte die Anstrengungen Ägyptens, Flüchtlingsschiffe bereits bei der Fahrt durch den Suez-Kanal zu identifizieren. Von Tunesien und Libyen forderte Frattini verstärkte Anstrengungen. Seit Anfang des Monats kommen in Italien beinahe täglich Boote mit Flüchtlingen an. Der Umgang mit diesen Menschen ist in der Regierungskoalition strittig. Vor allem die rechtsgerichtete Liga Nord fordert eine drastische Verschärfung der Einwanderungsrichtlinien.
Die Rettungskräfte vor der tunesischen Küste gaben inzwischen ihre Hoffnung auf, weitere Überlebende des Unglücks vom Freitag zu finden. Tunesische Marineschiffe patrouillierten zunächst noch weiter im Mittelmeer. Zahlreiche Opfer würden möglicherweise nie gefunden, sagten Vertreter der Küstenwache. Außerdem sei die Identifizierung der geborgenen Toten schwierig, da viele Flüchtlinge absichtlich keine Papiere dabei hatten. Bis Sonntag waren knapp 50 Opfer wurden tot geborgen worden. 41 Menschen überlebten das Unglück und wurden vorläufig in Tunesien untergebracht.
(Quelle: afp)
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«Über das Meer in den Tod»
«Jedes Jahr, wenn in Westafrikas Sahelzone die Ernte vorbei ist, wandern Millionen von Männern aus. Sie ziehen aus den Dörfern in die Städte und nehmen eine saisonale Lohnarbeit an. Damit verdienen sie Geld für die Familie. Und das Dorf bekommt Kontakt zur großen, weiten Welt. Es ist eine alte Tradition.
Heute ist die Welt größer und weiter denn je, und die Westafrikaner begnügen sich nicht mehr mit der nächsten Metropole. Deren Slums sind ja längst schon mit Arbeitslosen überfüllt, die den Weg zurück ins Dorf scheuen - weil dort Krieg herrscht, weil lästige Streitereien und Verwandte drohen, weil man inzwischen vielleicht eine eigene Familie hat. Ein paar Jahre sparen, ein wenig Glück und die richtigen Freunde - und schon reicht es für die Fahrkarte ins Paradies. Europa, Afrikas Nachbarkontinent, ist jedes Jahr Ziel von mehr Migranten aus Afrika. Und jedes Jahr bleiben mehr von ihnen auf der Strecke.
Kenternde Boote zwischen Tunesien und Italien sind nur die letzte, schreckliche Station einer beschwerlichen Reise. ..» (tageszeitung vom 24.06.03)
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http://www.taz.de/pt/2003/06/24/a0132.nf/text http://www.taz.de/pt/2003/06/24/a0135.nf/text