Sonntag, 15. September 2002 Berlin, 14:14 Uhr
Die Welt
Flüchtlings-Schiff vor Sizilien gelandet
Kurden drohten italienischer Polizei, Kinder über Bord zu werfen
Von Birthe Arff und Thomas M. Steins
Rom - Nach einer Irrfahrt durchs Mittelmeer ist ein Flüchtlingsschiff mit mehr als 1000 Menschen an Bord vor Sizilien gelandet. Am Montagnachmittag lief die "Monica" im Hafen von Catania ein, wie die Hafenpolizei mitteilte. Das 75 Meter lange Frachtschiff kam aus dem Libanon und wurde zehn Meilen vor Syrakus von der italienischen Grenzpolizei gestoppt.
Nach Angaben italienischer Behörden drohten die Flüchtlinge, mehrheitlich syrische Kurden, zunächst damit, "Kinder ins Meer zu werfen", als Soldaten der italienischen Finanzpolizei an Bord kommen wollten. Die Verhandlungen mit den Militärpolizisten entwickelten sich in dramatischer Weise. Drei, vier Kleinkinder wurden sogar über die Reling gehalten. Erst die Zusicherung der Militärs, das Schiff werde in den Hafen von Catania geleitet, konnte das Schlimmste verhindern.
Auf dem Schiff, das unter der Flagge von Tonga fährt und angeblich auf der Fahrt nach Tunesien war, spielten sich dramatische Szenen ab. Die achtköpfige Besatzung zerstörte die Motoren und mischte sich anschließend unter die illegalen Einwanderer. Bei einer hochschwangeren Frau setzten die Wehen ein, sie brachte auf hoher See ihr Kind zur Welt und wurde anschließend mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus nach Catania geflogen.
Inzwischen wurde das Schiff von Schleppern in Richtung Catania gezogen. Für die italienischen Behörden ist die Massenankunft ein Problem: In Catania befindet sich kein Auffanglager. Das Rote Kreuz baute eine Zeltstadt auf, um die Flüchtlinge medizinisch betreuen zu können, bevor sie nach Kalabrien und Apulien transportiert werden. Das weitere Schicksal der Flüchtlinge ist ungewiss. Erfahrungsgemäß ist Italien für Kurden nur ein Durchgangsland nach Mittel- und Westeuropa.
Die Polizei bereitet sich auf eine neue Flüchtlingswelle nach Sizilien vor: Innerhalb der vergangenen Tage waren bereits zwei weitere Schiffe, allerdings mit erheblich weniger Flüchtlingen, auf der italienischen Insel angekommen. Die Grenzschützer vermuten, dass die türkische Mafia die Menschenschlepperei als lukrativen Erwerbszweck entdeckt hat und die Transporte nach Italien steuert.
Claudia