Hallo Ghada.

Ich musste ehrlich gesagt ein wenig schmunzeln heute morgen, als ich deinen Beitrag gelesen habe.
Ich fahre seit 7 Jahren nach Port el Kantaoui, und ich kann nicht behaupten, dass jemals mehr oder weniger Alkohol getrunken worden ist, sondern schon immer VIEL!
Außer im Ramadan und wenige Wochen vorher war die Schlange vor den Supermärkten am Hafen und den Schwarzmärkten in den Städten immer groß.
Auch in den Familien wurde immer getrunken, solange ich das Land kenne. Und zwar nicht zu knapp und noch mehr auf Hochzeiten.
Und den Kellner im Hotel, die den Wein von den Tischen abgeräumt haben, hat auch keiner einen Zwangstrichter angelegt, wo sie die Reste eingeflösst bekommen konnten. Und die Animateure hat keiner gezwungen, sich am Ende des Tages mit Wein, Weib und Gesang in die dunkelste Ecke der Disco oder des Strandes zu verziehen, um das zu tun, was sie gedachten zu tun...
Es wird keiner in Tunesien gezwungen zu trinken und es wird nicht verboten. Mit der „Emanzipation“ kamen Freiheiten. Alkohol ist nicht verboten, obwohl der Koran es tut, die Frauen müssen sich nicht verschleiern, nein sie dürfen sogar Wählen... und der Koran ist nicht Teil der Tunesischen Konstitution. Also darf man theoretisch sogar auf den Ramadan verzichten und Schweinfleisch essen... aber das ist ein anderes Thema.

Würde mich echt interessieren, wer dir das von Gastfreundschaft und Gewissensbisse erzählt hat. Vielleicht haben sie dich nur „veräppeln“ wollen... Passiert öfters, dort unten.

Also ich kann nur von mir sprechen. Meinen Spitznamen, und für alle, die noch nicht wissen was er bedeutet und warum ich so heiße: „zabrat“ nennt man den Mann, der aus finanziellen Gründen, 90% Alkohol aus der Apotheke mit Wasser oder Cola verdünnt um ihn trinkbar zu machen. Wenn man schon so pervers ist, chemischen Alkohol zu trinken, muss man schon ziemlich an der Flasche hängen, was die zweite Bedeutung davon wäre. (Alki!!!) Ich habe den Namen bekommen, weil ich Whiskey verdünne (weil er mir sonst nicht schmeckt) und so ziemlich jeden unter den Tisch saufe, der es drauf anlegt. Und das schon in meinem ersten Urlaub, nachdem ich bei Frauen gegen Männer schneller war als mein Gegner.

Dass die Familie es nicht weiß, halte ich für ein Gerücht. Egal, was man im Tourismus macht, man kommt automatisch in Kontakt mit der "Versuchung". Egal ob Weib oder Wein. Wenn die Familie wirklich ein Problem damit hat, lässt sie den Sohn nicht fortziehen. Aber die Familie lebt halt gut von dem Geld, das der Sohn im Tourismus verdient.

Was das Saufen allgemein angeht, so ist mir lediglich aufgefallen, dass die älteren Animateure oder diejenigen, die es noch richtig gelernt haben (und nicht nur eine 6 Wochen Ausbildung durchmachen, wie es jetzt so üblich ist), sich besser im Griff hatten beim Saufen. Was sicher daran liegt, dass sie früher ein Jahr lang in Tunis auf die Schule mussten um überhaupt Animateur zu werden und dementsprechend mehr an ihren Jobs hingen. Heute muss man ja nur noch auf einer Bühne rumhampeln (am besten so, dass es in den teuren Kostümen auch toll aussieht), aber mit Animation, also animieren und unterhalten hat das ja nichts mehr zu tun. Vielleicht auch daher der Frust! Und wenn man dann nicht von Probe zu Auftritt und zurück hechtet, also man mal schnell Zeit für sich hat, dann kippt man viel in kurzer Zeit.... wird aggressiv und auffällig.
Womit wir beim ausgepowert sein wären. Heutzutage wird keinen Wert mehr auf den zwischenmenschlichen Kontakt gelegt, sondern auf eine gepflegte, grandiose, bombastische Show am Abend... Und die wird am Tag 5 Stunden geprobt, damit der Ausfallschritt auch wirklich nur 10 cm ist und nicht 15, und das Gesamtbild stört! Und das will die Direktion, der Pauschaltouri, der es aus Mallorca nicht anders kennt... aber es ist sicher keine Konsequenz der Politik von Bourghiba und Ben Ali.

Und noch zu deinem letzten Absatz. Nicht die Touris frustrieren die Tunesier, meisten pflegen sie ja eh keinen Kontakt zueinander, sondern die Tunesier, die im Ausland leben und jedes Jahr im Sommer mit vollgepackten Karren (Entschuldigung Autos!) und tonnenweise Geschenke kommen. Diese erwecken den Eindruck, dass in Europa der EURO auf den Bäumen wächst und man es innerhalb von kurzer Zeit zu Ruhm, Reichtum und einem Haus bringen kann. Den Kontostand in Deutschland sieht ja kein Tunesier. Und die Probleme im Alltag sowieso nicht.

Naja, da sind nur meine Beobachtungen.

LG,

Nicole