"Wir suchen dir einen guten Mann"
Im Konflikt zwischen den Kulturen
(InDOpendent) Stefan ist Deutscher. Ich bin Tunesierin. Stefan ist Christ. Ich bin Muslimin. Deshalb durfte es niemand wissen.
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„Was wäre, wenn ich einen deutschen Mann heiraten würde?“, hab ich meine Mutter gefragt. Sie wusste nicht, warum ich das fragte. „Eine muslimische Frau darf nur einen Moslem heiraten“, hat sie geantwortet. „Was wäre, wenn er Moslem werden würde?“ Stefan hat das einmal vorgeschlagen. „Das würde nichts ändern. Er täte es nur für dich und nicht aus Überzeugung.“ Ich hab nichts anderes erwartet. Es gibt in unserer Familie keine Mischehen.
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Ein deutscher Mann wäre eine Schande
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„Wir suchen dir einen guten Mann“, sagt mein Vater immer. Gut bedeutet: Er muss Tunesier und Moslem sein. Stefan wäre demnach ein schlechter Mann. Also trafen wir uns heimlich. Fast zwei Jahre lang. Meistens waren wir bei ihm zu Hause. Manchmal - einen kurzen Moment lang - kam mir der Gedanke, alles zu erzählen. Doch ich hab mich nicht getraut. Eine Tochter mit deutschem Freund – mein Vater würde sich für mich schämen. Alle würden über unsere Familie reden. Es blieb bei meiner Ausrede: „Ich bin bei einer Freundin lernen.“ Ich darf nur zu Freundinnen. Und schon gar keinen Freund haben.
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Tanja - so heißt Stefan jetzt in meinem Verzeichnis
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Ein paar Mal hab ich gedacht, jetzt kommt alles raus. So auch an einem Morgen: Mein Bruder kam mich wecken. Als ich aufstand, sah ich, dass Stefan mir eine SMS geschickt hatte: „Hi Süße, schläfst du schon? Ich wünsch dir süße Träume. Schlaf gut.“ Die Nachricht war gelesen worden. Es kam nur einer in Frage: Mein Bruder. Er hat nichts gesagt. Am Mittag, ich kam gerade aus der Uni, warteten meine Eltern und mein Bruder schon auf mich. Sie saßen im Wohnzimmer. Der Blick von meinem Vater war so kalt und ernst. „Wer ist Stefan?“ Das war seine erste Frage. „Der studiert mit mir“, hab ich geantwortet. Ich hab mich gewundert, wie schnell mir etwas einfiel. „Warum schreibt er dir Süße?“, wollte er wissen. Unter guten Freunden sei das so üblich, hab ich ihm erklärt. Meine Stimme war zittrig. „Du brauchst keine Freunde.“ Das war sein letztes Wort. Er ist aufgestanden und gegangen. Mein Bruder ist wütend geworden. „Halt dich von dem Typen fern“, hat er mich angeschrien. Seitdem verstecke ich mein Handy. Tanja - so heißt Stefan jetzt in meinem Verzeichnis.
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Nur eines: Familie oder Freund
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Wir waren nie gemeinsam in der Stadt. Er hat mich nie von zu Hause abgeholt und nie nach Hause gebracht. Ich hatte immer Angst, dass uns jemand sieht. „Wir tun doch nichts Verbotenes“, hat Stefan oft gesagt. Wir haben uns häufig gestritten. „Wie lang wollen wir uns noch verstecken?“ hat er mich gefragt. Ich wusste es nicht. Lange hab ich versucht, nicht über diese Frage nachzudenken. Ich wollte gern beides – meine Familie und ihn. Ich durfte aber nur eines haben. Das wurde mir allmählich bewusst. Ich musste mich entscheiden.
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Tränen liefen ihm übers Gesicht
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An einem Abend bin ich zu ihm gefahren. Niemals werde ich meiner Familie von ihm erzählen, hab ich ihm gesagt. Und dass es das Beste für uns beide sei, wenn wir uns trennten. Er ist ausgerastet. Zum ersten Mal hatte ich Angst vor ihm. Ich hab mich umgedreht und wollte gehen. „Wenn du jetzt aus dieser Tür gehst, dann bring ich mich um.“ Die Tränen liefen ihm übers Gesicht. „Wenn du jetzt gehst, erzähl ich deiner Familie alles.“ Er hat nicht mehr aufgehört zu schreien. Ich bin weitergegangen. Aus einer Tür, aus seinem Leben.
VON NAIMA EL MOUSSAOUI
Quelle:
http://www.donews.de/Artikel.28+M594a198adb0.0.html