Lues, Syphilis
Zusammenfassung - Allgemeines, Historisches - Erreger - Infektionspforte - Vorkommen und Durchseuchung - Häufigkeit - Inkubationszeit - Symptome und Verlauf - Frühsyphilis - Latente Syphilis - Differentialdiagnose - Diagnose - Therapie - Prognose - Besonderheiten

Zusammenfassung

Syphilis, von Albrecht Dürer
Die Syphilis (Lues) ist eine weltweit verbreitete, chronisch verlaufende Geschlechtserkrankung, die seit der Entdeckung des Penicillins aber erheblich an Bedrohlichkeit verloren hat. Krankheitsauslöser ist ein Bakterium, nämlich Treponema pallidum, das in der Regel durch Geschlechtsverkehr übertragen wird. Daneben kann es auch in der Schwangerschaft zur Infektion des Fötus kommen, die zur angeborenen Syphilis (= Lues connata) führt.

Die Erkrankung verläuft in vier Stadien. Etwa drei Wochen nach der Infektion entsteht an der Eintrittsstelle der Treponemen ein schmerzloses, hartes Geschwür, das als harter Schanker oder Ulcus durum bezeichnet wird und oft unbemerkt bleibt (primäre Syphilis). Es folgt die sekundäre Syphilis, in der verschiedenste Haut- und Schleimhautveränderungen auftreten; man spricht auch vom Chamäleon der Hautkrankheiten. Ein Befall innerer Organe ist selten.

Primäre und Sekundäre Lues heilen auch ohne Behandlung ab. Nach einem jahrelangen beschwerdefreien Intervall (latente Syphilis) kommt es zur Spätsyphilis mit schweren neurologischen Symptomen, Herz- und Knochenveränderungen sowie einem Befall innerer Organe.

Die Diagnose erfolgt durch direkten mikroskopischen Erregernachweis oder durch Bluttests mit Antikörperbestimmung. Die Therapie der Wahl ist Penicillin.

Allgemeines, Historisches
Die Syphilis kam nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus (geb. 1451 in Genua) im Oktober des Jahres 1492 mit den Seefahrern nach Europa. In relativ kurzer Zeit breitete sie sich über ganz Europa aus und wurde zu einer die Menschen in einem erheblichen Maße beherrschenden Erkrankung. Bereits Maximilian I., der letzte Ritter, beklagte auf dem Reichstag zu Worms im Jahr 1495 diese Erkrankung, die als die "pösen Plattern" bezeichnet wurden, und der gegenüber man sich völlig hilflos fühlte. Im selben Jahr war es in Neapel zu der ersten Epidemie unter Soldaten und Seefahrern mit zahlreichen Toten gekommen. Nur wenige Krankheiten haben das soziale, religiöse und sexuelle Verhalten der Menschen ab dieser Zeit über Jahrhunderte so sehr geprägt wie die Syphilis, die bis zur Entdeckung des Penicillins kaum heilbar war. Die bekanntesten Opfer der Syphilis sind u.a. der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900), der Musiker Franz Schubert (1797-1828), der Schriftsteller Heinrich Heine (1797-1856), der Maler Paul Eugene-Henri Gauguin (1848-1903), der Schriftsteller und Musiker E.T.A. Hoffmann (1776-1822), der Maler Henri Toulouse-Lautrec (1864-1901) oder der Schriftsteller Guy de Maupassant (1850-1893). Der Name Lues entstammt dem Lateinischen und bedeutet Seuche! Der in der Umgangssprache häufigere Begriff Syphilis entstammt einer Art Lehrgedicht eines Arztes aus Verona/Italien, das er im Jahre 1530 verfasst hatte. In dem Werk erkrankte ein Hirte namens Syphilis an der Erkrankung als Strafe für ein gotteslästerliches Leben.

Es gab immer wieder Versuche diese Krankheit zu therapieren, oft mit verheerenden Wirkungen für die Betroffenen. So wurde z.B. das extrem giftige Quecksilber als Therapeutikum verwendet, dazu wurden die Betroffenen oft stundenlang den Quecksilberdämpfen ausgesetzt. Erste halbwegs erfolgreiche Therapien der Syphilis im Anfangsstadium ergaben sich vor dem Penicillin durch die Gabe des Chemotherapeutikums "Salvarsan". Dieses Medikament ist eine Arsenverbindung und wurde im Jahr 1910 von Paul Ehrlich (1854-1915) , dem Mitbegründer der Chemotherapie von Infektionskrankheiten und dem Medizinnobelpreisträger von 1908, gemeinsam mit seinem Mitarbeiter S. Hata in Frankfurt/Main entwickelt. Auf Grund zahlreicher Nebenwirkungen wird es heutzutage nicht mehr als Medikament eingesetzt. Der Berliner Arzt und Bakteriologe August Paul von Wassermann (1866-1925) entwickelte im Jahr 1906 einen ersten wirksamen Test auf das Vorliegen einer Infektion mit dem Syphiliserreger, die so genannte Wassermann-Reaktion. Dieser Test besitzt aber heutzutage keinerlei klinische Bedeutung mehr. Es ist daher festzustellen, dass diese Erkrankung, der zahlreiche bedeutende Menschen zum Opfer fielen erst nach rund 500 Jahren ihre Bedeutung als gefährliche und bedrohliche Infektionserkrankung verlor.

Erreger
Der Erreger der Syphilis ist das Treponema pallidum, das zu den Spirochäten gehört. Dessen schraubenförmiger Körper ist 6-15 µm lang und korkenzieherartig gewunden. Mit Hilfe von sechs Fäserchen (Fibrillen), die in der Zellmembran liegen, können sich diese Mikroorganismen um ihre eigene Achse drehen. Der Erreger der Syphilis wurde übrigens von dem Zoologen Fritz Schaudinn (1871-1906) und dem Arzt und Dermatologen Erich Hoffmann (1868-1959) im Jahre 1905 entdeckt.

Infektionspforte
über Schleimhaut oder verletzte Haut; während der Schwangerschaft und unter der Geburt; Ausbreitung im Körper über die regionalen Lymphbahnen und Lymphknoten ins Blut und weiter in die Organe

Vorkommen und Durchseuchung
Die Erkrankung kommt weltweit vor, wobei der Wirt des Erregers der Mensch ist.

Häufigkeit
Bis zum Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts war diese Erkrankung in der Bundesrepublik Deutschland und in den meisten anderen Industrienationen relativ selten, nicht zuletzt durch die wegen der Aids-Angst häufige Verwendung von Kondomen. Aber seit einigen Jahren ist ein starker Anstieg der Neuinfektionen zu verzeichnen. So infizierten sich in Deutschland nach Aussagen des Robert Koch Instituts in Berlin im Jahr 2002 im Mittel 2,8 Menschen pro 100.000 Einwohnern neu an der Erkrankung. Bei einer Einwohnerzahl von 82 Millionen waren das 2.275 Personen. Mit etwa 12.5 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern lag Berlin vor Hamburg mit 9,9 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern weit an der Spitze. Verantwortlich für diese Steigerung der Neuinfektionsrate ist zum einen der häufige ungeschützte Geschlechtsverkehr homosexueller Männer, deren Sorge vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus (Aids) erheblich nachgelassen hat. So stellt dieser Personenkreis in Deutschland mittlerweile ca. Zweidrittel der an Syphilis infizierten Menschen. Zum anderen infizieren sich zunehmend Männer an aus dem Ostblock stammenden Prostituierten, nachdem in diesen Ländern nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Infektionsrate mit Syphilis stark angestiegen ist.

Inkubationszeit
Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Erkrankung, sichtbar an den Primärmerkmalen, ist vor allem abhängig von der Anzahl der aufgenommenen Keime. Sie schwankt zwischen 9-90 Tagen

Symptome und Verlauf
Die Lues hat den Charakter einer chronischen Allgemeinerkrankung. Es können drei Stadien unterschieden werden. Nach einer von der Zahl der aufgenommenen Keime abhängigen variablen Inkubationszeit kommt es zur Ausbildung des Primärstadiums. Es ist gekennzeichnet durch Hautveränderungen sowie einer regionale Lymphknotenschwellung. Im Sekundärstadium breiten sich die Erreger über die Lymphbahnen und das Blut im ganzen Körper aus. Diese beiden Stadien werden der Frühsyphilis zugerechnet. Nach einer unter Umständen Jahre dauernden Phase ohne äußere Krankheitszeichen, der latenten Syphilis, tritt der Kranke in das Tertiärstadium ein mit Organbefall, Muskel- und Hautzerstörung, Aortenentzündung und vielfältigen neurologischen Schädigungen. Man spricht in diesem Falle von Spätsyphilis.

Frühsyphilis
Primäre Syphilis
Am Ort des Erregereintritts, also Penis, Schamlippen (Labien), Vagina, im weiteren äußeren Genitalbereich, anal oder im Mund bildet sich nach Verstreichen der variablen Inkubationszeit zunächst ein schmerzloses Knötchen. Dieses zeigt eine ringförmige Verhärtung und arrodiert rasch zu einem Ulkus mit ödematösem, eingerolltem Rand. Diese Läsion wird auch als Schanker bezeichnet.

Ferner schwellen die lokalen Lymphknoten innerhalb einer Woche an. Nach 2-6 Wochen heilt der Primäraffekt auch ohne Behandlung ab. Wegen der Schmerzlosigkeit des Schankers wird er an unzugänglichen Körperstellen leicht übersehen. Daher bleibt die Syphilis im Frühstadium nicht selten unbehandelt. Ein gänzliches Fehlen dieses so genannten Primäraffekts schließt eine Infektion mit Treponema pallidum jedoch nicht aus!

Schwangere, die an einer Frühsyphilis erkrankt sind, können den Erreger sowohl auf den Fetus als auch auf das Kind während der Geburt übertragen. Das Infektionsrisiko steigt, je kürzer der Abstand zwischen der Infektion der Mutter und der Schwangerschaft ist.

Neugeborene mit angeborener Syphilis sind untergewichtig und haben eine vergrößerte Milz und Leber. Die Symptome der angeborenen Syphilis entsprechen denen der Sekundärsyphilis des Erwachsen. Besonderheiten sind der syphilitische Schnupfen, Sattelnase und die Parrotsche Furchen um den Mund. Bei Befall der Knochen kann es zu einer sehr schmerzhaften Ablösung der Wachstumszonen kommen mit folgender Immobilität ( Parrotsche Pseudoparalyse). Ab dem dritten Lebensjahr können bereits Symptome der Spätsyphilis auftreten. Die Hutchinsonsche Trias umfasst halbmondförmige Defekte an der Kaufläche der beiden oberen mittleren Schneidezähne, Taubheit und Keratitis parenchymatosa. Im schlimmsten Falle kann ab etwa dem zehnten Lebensjahr eine Tabes dorsalis auftreten.

Sekundäre Syphilis
Die sekundäre Manifestation der Syphilis kann außerordentlich vielfältig sein. In dieser Phase treten die Treponemen von den Lymphbahnen und Lymphknoten ins Blut über und verteilen sich dadurch im ganzen Körper. Typisch ist eine allgemeine Schwellung der Lymphknoten und lokale oder generalisierte Hautveränderungen. Die Hautveränderungen sind symmetrisch, fleckig, papulär, papulosquamös und/ oder pustulär. Nach vier bis zwölf Wochen heilen die Hautläsionen spontan ab. In Hautfalten können die rötlichen oder grauweißen Papeln oder Pusteln geschwürig zerfallen. Sie sind dann hochinfektiös. Man nennt diese besondere Hautmanifestation "Conyloma latum". Oberflächliche Schleimhautdefekte sind rot oder grauweiß mit gerötetem Hof. Gelegentlich kommt es zu Haarausfall am Kopf mit der typischen Mottenfraßcharakteristik.

Häufige Allgemeinsymptome sind Fieber, Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen. Die folgende Tabelle gibt einen Eindruck von den vielfältigen und uneinheitlichen Manifestationen der Sekundärsyphilis.

Manifestation % der Fälle
Haut
Exanthem

makulär
makulopapulär
papulär
pustulär
Conylomata lata generalisierte Lymphknotenschwellung Hautjucken
90
Allgemeinsymptome
Fieber Unwohlsein Rachen-, Kehlkopfentzündung Gewichtsverlust Gelenkschmerzen
70
Mund und Hals
Schleimhautpapeln
Erosionen
Schleimhautgeschwüre
35
Genitale Veränderungen
Schanker
Condylomata lata
Schleimhaut
Prostataentzündung (Prostatitis)
20
Zentralnervensystem
ohne Symptome
mit Symptomen:
Kopfschmerzen
Meningismus
Hirnhautentzündung
Sehnerv:
Doppelbilder
Sehverschlechterung
Gehörnerv:
Ohrensausen
Schwindel
Läsionen der Hirnnerven (II-VIII)
8-40
Niere
Glomerulonephritis
nephrotische Syndrom
selten
Gastrointestinaltrakt
Leberentzündung
Schleimhautbefall
selten
Gelenkentzündungen und Knochenentzündungen selten

Latente Syphilis
Es handelt sich um das über Jahre, manchmal lebenslänglich anhaltendes Erkrankungsstadium, nach dem der Patient zuvor eine sekundäre Syphilis durchgemacht hat. In dieser Phase sind alle Krankheitssymptome verschwunden. Nur eine genaue Befragung zusammen mit einer serologischen Untersuchung können zur richtigen Diagnose führen. Die Erreger bleiben jedoch lebenslang weiter im Körper. Innerhalb des ersten Jahres der Latenzperiode besteht eine gesteigerte Infektiosität des Patienten. Dies kann bei Schwangeren zu einer Infektion des Kindes führen. Bei einer länger als ein Jahr bestehender Latenzperiode nimmt die Infektiosität langsam ab. Natürlich besteht auch ohne akute Krankheitszeichen die Notwendigkeit einer antibiotischen Behandlung! In einigen Fällen geht die Erkrankung in die Tertiärsyphilis über.

Spätsyphilis, Tertiäre Syphilis
Die Tertiärsyphilis umfasst zahlreiche Veränderungen. Kardiovaskuläre und knöcherne Beteiligungen sowie zahlreiche neurologische und psychiatrische Ausfälle und Veränderungen sind möglich. Aus praktischer Sicht kann eine weitere Aufgliederung vorgenommen werden, wobei die einzelnen Symptome aber nicht immer einer bestimmten Form allein zugeordnet werden können, weil sie teilweise neben einander existieren.

I) kardiovaskuläre Syphilis

Diese Manifestation ist heute wegen der meist früh einsetzenden Therapie selten. Durch die entzündliche Veränderung der Gefäße, die die großen Blutgefäße versorgen, kommt es zu einem Verlust der Wandelastizität. Besonders im Bereich des in der Brust gelegenen Aortenbogens kann es zu Aussackungen kommen, die unter Umständen bersten können. Die Folge davon ist eine rasche innere Verblutung. Die Erweiterung der Aorta führt zu einem inkompletten Verschluss der Aortenklappe des Herzens. Durch das aus dem Körperkreislauf rückgestaute Blut wird in der linken Herzkammer ein erhöhter Druck aufgebaut, der zu einer übermäßigen Erweiterung führt. Die entzündlich bedingte Verengung des Abgangs der Herzkranzgefäße kann eine Angina pectoris oder Herzinfarkte verursachen.

II) Neurosyphilis

Die Prognose aller Formen der Neurosyphilis ist nicht günstig. Etwa 64% der Erkrankungen enden mit dem Tode oder führen bei den Überlebenden zumindest zu Invalidität durch Lähmungen oder gar zur Debilität. In diesem Falle kann eine dauernde, lebenslange Pflege erforderlich werden. In jedem Stadium der Neurosyphilis kommen aber auch ein kleiner Teil Spontanheilungen vor.

asymptomatische Neurosyphilis
Keine Krankheitszeichen, aber erhöhte Eiweißwerte und Zellzahl im Liquor.

symptomatische Neurosyphilis
Diese kann weiter unterteilt werden. Allerdings ist die Trennung der vielfältigen neurologischen und psychiatrischen Symptome in der Praxis oft nicht möglich.

Nach 5-10 Jahren einer unbehandelten Syphilis setzt die meningovaskuläre Form ein. Nach ca. 20 Jahren kommt es zum Übergang in die parenchymatöse Form. Davon unabhängig ist die progressive Paralyse. Sie äußert sich in vielfältigen psychiatrischen Symptomen. Das Endstadium nach 25-30 Jahren markiert die Tabes dorsalis.

Die meningovaskuläre Form geht mit einer Entzündung der harten Hirnhaut und der Spinngewebshaut einher mit Veränderungen der Augenpapille, Doppelbildersehen, Sehstörungen und Störung der Reflexe. Die parenchymatöse Form führt zur Zerstörung der Hirnsubstanz mit Erinnerungsverlust, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, motorischen Ausfällen der mimischen Muskulatur, Lähmung der Arme und/ oder Beine, Halbseitenlähmung, Verminderung der Hirnleistung und Störungen der Sinne.

progressive Paralyse
Die progressive Paralyse zeichnet sich durch demente, manisch-expansive, depressiv-hypochondrische, manisch -depressive, paranoid-halluzinatorische und delirante Zustandsbilder aus. Der Verlauf ist oft sehr rasch, d.h. "galoppierend".

Tabes dorsalis
Das Endstadium mit Zerstörung der Nervenscheiden, Nervenwurzeln und Nervenknoten (Ganglien) heißt Tabes dorsalis. Dieses Stadium geht einher mit einem Verlust der Schmerz-, und Temperatursensibilität, ferner sind Gangstörungen, fahrige Bewegungen, Reflexverlust, Impotenz und ein unwillkürlicher Abgang von Stuhl und/ oder Urin möglich. Eine typische Komplikation ist das Malum perforans pedis. Dabei handelt es sich um ein Geschwür, das an Druckstellen des Fußes auf dem Boden zerstörter Endarterien entsteht. Es bleibt lange unbemerkt, weil durch die neurologischen Defizite die Fußsohle gefühllos geworden ist. Eine Besonderheit ist die Argyll-Robertson-Pupille. Sie ist klein und unregelmäßig, reagiert nicht auf Licht wohl aber auf den Reiz zum Scharfsehen (Akkomodation).

III) gummatöse Syphilis

Sehr selten werden heute Gummen, also Gummigeschwulste beobachtet. Sie können sowohl äußerlich auf der Haut auftreten als auch die Luftwege, den Rachen, die Speiseröhre, den Magen, das Skelett oder die Leber befallen. Beim Befall der inneren Organe wird meist zunächst die Diagnose bösartiger Tumor gestellt. Die Hautgummen sind Knötchen, die diffus oder einzeln bis zu mehreren Zentimetern groß werden können und sich durch eine bogige, girlandenförmige Anordnung und asymmetrische Verhärtung auszeichnen. Sie treten vorwiegend im Gesicht, an Armen und Beinen und am Stamm auf und vergrößern sich nur langsam. Ältere Läsionen heilen zentral narbig ab. Die Gummen der Knochen befallen vorwiegen den harten Gaumen mit Neigung zur Perforation, den Nasenknochen und die Nasenscheidewand. Im Röntgenbild ist eine Unterscheidung von einer bakteriellen Knochenentzündung nicht möglich. Man nimmt an, dass Gummen eine allergische Spätreaktion auf den Erreger darstellen.

IV) Skelettsyphilis

Neben den Knochengummen kommt vorwiegend an den langen Röhrenknochen eine verknöchernde Entzündung der Knochenhaut vor. Sie äußert sich in einer schmerzhaften Schwellung und schalenartiger Verknöcherung. Ferner gibt es knöcherne Defekte und Sklerosierungen des Markraumes.

Differentialdiagnose
Die Krankheitssymptome der Lues sind sehr vielfältig. Die Differentialdiagnose dient daher der Abgrenzung von anderen möglicherweise auch in Betracht kommenden Erkrankungen. Daher gibt es zahlreiche Differentialdiagnosen. Im Primärstadium mit genitalen Hautläsionen sind Candida-Mykosen (Hefepilzinfektion), Herpes genitalis und venerische Erkrankungen abzugrenzen, die ebenfalls regionale Lymphknotenschwellungen verursachen.

Beim Sekundärstadium müssen differentialdiagnostisch insbesondere Erkrankungen, die generalisierte Lymphknotenschwellungen verursachen, in Betracht gezogen werden. Dazu gehören das erworbene Immundefektsyndrom, sowie Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome.

Bei Patienten, die zusätzlich mit HIV infiziert sind, kann die Unterscheidung von Folgeerkrankungen, die ihren Symptomen nach sowohl auf eine fortgeschritten HIV-Infektion als auch auf eine Sekundärsyphilis hinweisen können, schwierig sein.

Diagnose
Aus den Primär- und Sekundäreffloreszenzen können die Treponemen mit Hilfe der Dunkelfeldmikroskopie nachgewiesen werden. Dazu wird die klare Flüssigkeit, die beim Pressen des Schankers abgesondert wird, auf einen Objektträger übertragen und unmittelbar darauf mikroskopiert. Der Nachweis von Treponemen gelingt aber nur in Läsionen, die noch nicht im Stadium der Abheilung sind und bei Patienten, die nicht lokal mit Salben oder systemisch mit Antibiotika vorbehandelt wurden. Zu berücksichtigen ist, dass es auch Treponemaspezies von gleicher Gestalt gibt, die im Gastrointestinaltrakt anzutreffen sind. Diese sind aber nicht pathogen also krankheitsauslösend.

Die Markierung von Treponema pallidum mit einem spezifischen Antikörper, der durch einen gekoppelten Fluoreszenzfarbstoff die Erreger leuchtend grün färbt, erleichtert die Diagnose (Direct Fluorescent Antibody Test for Treponema pallidum = DFA-TP). Der Antikörpertest gelingt auch mit toten Erregern, z.B. in Gewebsproben.

Beim Verdacht auf eine Neurosyphilis ist eine Untersuchung der Zerebrospinalflüssigkeit durch eine Punktion notwendig.

Als Reaktion auf die Luesinfektion werden sowohl unspezifische Antikörper, als auch spezifische antitreponemale Antikörper gebildet.

Unspezifische Antikörper:

Sowohl die Treponemen selbst als auch die geschädigten Körperzellen setzen Lipoproteine frei, gegen die das Immunsystem Antikörper der Klassen IgM und IgG bildet. IgM-Antikörper werden nur solange gebildet, wie Erreger im Organismus vorhanden sind. Nach einer erfolgreichen Behandlung verschwinden sie nach drei bis sechs Monaten aus dem Blut. Die Menge der IgG-Antikörper, die etwas später gebildet werden, nimmt nach der Behandlung nur langsam ab.

Zum Nachweis dienen der VDRL- (Veneral Disease Research Laboratory), der RPR- (Rapid Plasma Reagin), der RPRC- (Rapid Plasma Reagin Card) und der TRUST- (Toluidin Red Unheated Serum) Test. Diese Tests enthalten ein unspezifisches Antigen (Cardiolipin, ein Phospholipid), welches mit den IgM- und IgG-Antikörpern aus dem Patientenblut zur Flockung führt. Durch verschieden Verdünnungsstufen der Probe kann die Menge der Antikörper im Blut bestimmt werden. Die Tests fallen vier bis fünf Wochen nach der Infektion (Latenzphase) positiv aus. Eine hohe Zahl spricht für einen aktiven syphilitischen Prozess. Nach erfolgreicher Behandlung der Frühsyphilis nimmt die Zahl der Antikörper langsam ab und innerhalb von zwei Jahren fällt der VDRL negativ aus. Bei der Spätsyphilis bleibt der VDRL dagegen über lange Zeit positiv. Mit dem quantitativen VDRL ist es daher möglich, den Behandlungserfolg zu kontrollieren. Da diese Lipoide auch bei anderen akuten oder chronischen Prozessen freigesetzt werden, die mit einer Zellschädigung einhergehen, werden auch entsprechende Antikörper gebildet. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Autoimmunerkrankungen, akuten Infektionen anderer Ursache, Malaria, Mononukleose, Psittakose, Lepra lepromatosa, bösartigen Tumoren und gelegentlich auch bei Schwangerschaften.

Die Nachweisverfahren für spezifische Antikörper werden als Bestätigungstests und beim Verdacht auf eine Spätsyphilis verwendet. Auch in der Latenzphase lässt kann man den Erreger nur mit Hilfe von spezifischen Antikörpertests nachweisen. Der FTA-ABS (Fluorescent Treponema Antibody Absorbent Test) verwendet auf Objektträgern fixierte Testtreponemen. Die Antikörper aus dem Serum des Patienten binden sich an deren Oberfläche. Um sie sichtbar zu machen werden mit Fluoreszenzfarbstoff markierte Antikörper gegen menschliches IgG zugegeben, die sich an die Antitreponemenantikörper aus dem Patientenserum binden. Unter dem Mikroskop sind die Testtreponemen dann grün markiert.

Beim TPHA (Treponema Pallidum Haemagglutination Test) und dessen Variante TPPA (Treponema pallidum Particle Agglutination Assay) wird das Patientenserum mit Schafserythrozyten oder Latexpartikeln versetzt. An deren Oberfläche wurden zuvor Antigenextrakte von Treponema pallidum angelagert. Die spezifischen Antikörper gegen Treponema pallidum aus dem Patientenserum lagern sich an die beschichtete Oberfläche der Schafserythrozyten oder der Latexpartikel an und verklumpen sie. Diese Verklumpung ist mit bloßem Auge sichtbar.

Weiterhin werden spezifische Antikörpertests gegen IgM eingesetzt, wie der Captia-IgM oder der 19S IgM-FtA-Abs, die nur positiv reagieren, wenn die Erreger noch aktiv im Körper vorkommen, also bei nicht abgeheilter Krankheit.

Therapie
Das Mittel der Wahl ist Penicillin. Da die Treponemen eine Generationszeit von rund 30 Stunden besitzen und Penicillin andererseits eine kurze Halbwertszeit hat, ist auf eine ausreichende und gleichmäßige Dosierung zu achten. Bei einer Penicillinallergie können alternativ Erythromycin oder Tetrazykline wie z.B. Doxyzyklin verwendet werden.

Die Dauer der Behandlung richtet sich nach dem Krankheitsstadium. Bei einer Krankheitsdauer unter einem Jahr sollte sie 14 Tage, bei Dauer über einem Jahr oder Neurosyphilis drei Wochen dauern. Schwangere sind nach dem gleichen Schema zu behandeln. Allerdings besteht zu Penicillin in diesem Falle keine Alternative, was bei einer Penicillinallergie zu Problemen führen kann. Gegebenfalls kann ein Hauttest hilfreich sein. Bei etwa der Hälfte der Patienten mit Primärlues und 90% der Patienten mit Sekundärlues kommt es unter Antibiotikagabe zum massenhaften Absterben und der Freisetzung von Endotoxinen (Zellgiften), die zu Fieber Kopf- und Muskelschmerzen führen. Dieses Phänomen heißt Jarisch-Herxheimer-Reaktion. Mit Bettruhe und fiebersenkenden Medikamenten wie Acetylsalicylsäure lassen sich die Symptome lindern. Der Therapieerfolg sollte während 18 Monaten serologisch kontrolliert werden.

Prognose
bei konsequenter kontrollierter Behandlung ist die Prognose gut bis sehr gut. Unbehandelt führt sie in der Regel nach vielen Jahren zum Tod! Bei einer Unterdosierung der Antibiotika ist ein unbemerkter Übergang zu einer chronischen Infektion, auch zunächst ohne akute Symptome möglich.

Besonderheiten
Nach § 7 des Infektionsschutzgesetzes besteht eine nicht namentliche Meldepflicht bei einem direkten oder indirekten Nachweis des Erregers

http://www.m-ww.de/krankheiten/sexuell_uebertragbare_krankheiten/syphilis.html