Hallo alle miteinander,
nachdem ich mich jetzt durch alle Beiträge hier in diesem Ordner geackert habe (finde ich Klasse, denn das Thema war wohl mal fällig) einige Anmerkungen.
Blid: Du hast meine volle Zustimmung, ich bin keine Tunesierin, aber genau diese Eindrücke hatte ich auch.
Anna:
Du hast recht, es gibt Ungerechtigkeiten hier wie dort. Aber die Situation der tunesischen Frauen mit der der deutschen Frauen vor 50 Jahren zu vergleichen funktioniert nicht. Mir ist nicht bekannt, daß ca. 50% unserer Mütter (bzw. Großmütter) Abitur oder gar einen Akademischen Abschluß hatten. Ganztägige Kinderbetreuung fand in D vor 50 Jahren nicht statt (und tut es heute immer noch nicht). Hast Du vergessen daß ein Mann seiner Frau per Gesetz verbieten konnte berufstätig zu sein (das Gesetz wurde erst in den 60er abgeschafft)? Die Liste läßt sich noch verlängern.
Was mir in einigen Beiträgen hier bitter aufstößt, ist der deutsche Eifer, allen anderen den eigenen Weg zur Glückseligkeit aufzuzwingen. Dabei vergessen wir, daß auch wir von dem ach so rückständigen Tunesien lernen können. Ich wünsche mir, daß wir hier in D vom tunesischen Kinderbetreuungsangebot lernen. Da gibt es nur Ganztagsschulen und einen Betreuungsplatz für die Kleinen zu finden ist kein Problem. Zeigt mir eine Frau in Deutschland, die es fertigbrigt mit vier Kindern berufstätig zu sein. Damit meine ich nicht halbtags auf der Mami-Schiene, sondern richtig Karriere machen. In D-land bist du doch spätestens nach dem zweiten Kind weg vom Fenster. In Tunesien jedenfalls habe ich solche Frauen kennengelernt. Meine Schwägerin z.B. ist jetzt Mitte vierzig hat vier Kinder von 5 - 17 Jahren, hat nicht ein Jahr zuhause verbracht und ist mittlerweile im Bildungsministerium für die ausländischen Studenten in Tunesien verantwortlich. Eines ihrer Kinder kam in den USA zur Welt als sie an einer Uni dort arabisch gelehrt hat. Daß sie das nur mit einem kooperativen Mann geschafft hat ist wohl klar. Also vorsicht, den tunesischen Männern im allgemeinen zu unterstellen, daß sie im Cafe sitzen und sich Zuhause nur bedienen lassen.
Wenn ich mir das so anschaue, werde ich richtig neidisch, denn keine Frau würde dort auf Kinder verzichten, was leider traurige Realität in D-Land ist.
Noch ein Wort zur "rückständigen Landbevölkerung": Sicher kommen die angesprochenen Mißstände heute eher auf dem Lande als in der Stadt vor. Andererseits habe ich es selbst erlebt, daß Familien, die für uns Europäer auf den ersten Blick durch ihre Lebensweise, Kleidung etc. sehr traditionell wirken, extremen Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder legen (Söhne wie Töchter). Denn die meisten haben kapiert, daß sie nur eine Chance haben mit einer Top-Ausbildung.
Und noch was zum Kopftuch: der weiße Sefsari wurde ja bereits erwähnt, ist heute aber meist den älteren Frauen vorbehalten und hat für mich nichts mit einem Kopftuch zu tun, eher mit einem Mantel/Umhang. Daß darunter die Haare völlig verschwinden (wie sie dies beim Kopftuch islmischer Prägung, daß den meisten hier wohl vorschwebt)ist mir neu.
Noch etwas zu Kopfbedeckung und Tradition: Tunesien liegt in Nordafrika und nicht im Nahen Osten. Die Urbevölkerung in Nordafrika waren die Berber, die zwar heute arabisiert sind aber trotzdem z.B. an ihren Kleidersitten festgehalten haben. Eine Berberfrau war und ist nie verschleiert gewesen. Die Kleidung kennzeichnet sich durch sehr bunte leuchtende Stoffe, viel Goldschmuck (je mehr desto besser)und ein um den Kopf geschlungenes Tuch aus dem die eine oder andere Haarsträhne rausschaut . Meine Schwiegermutter ist so gekleidet und sie ist eine waschechte Tunesierin (inkl. der tätowierten Punkte im Gesicht)aus dem Mittleren Teil des Landes. In ihrem Fall hat das nichts mit Folklore zu tun, sondern ist Teil der Alltagskultur. Mit ihrer Generation wird diese Tradition wohl leider aussterben, den alle jüngeren Frauen sind "westlich" gekleidet. Sie hatte sicher kein leichtes Leben, ist aber im Gegensatz zu vielen Frauen in D-Land die heute in den sechzigern sind keine spur verhärmt, vom Leben enttäuscht oder einsam. Wenn sie ihr Leben lang wirklich so geknechtet und unterdrückt, vom Mann geschlagen und schlecht behandelt worden wäre wie dies manche hier voraussetzen, woher nimmt sie dann diese glückliche Ausstrahlung, Herzlichkeit und Wärme gegenüber anderen Menschen (die auch mich, die Ausländerin, vom ersten Augenblick an einschloß - meine Mutter war da meinen Mann weitaus kritischer gegenüber und hat ihm erstmal keine guten Absichten unterstellt)?
Es grüßt
Regie