Guten Morgen Nicole,
jetzt will ich auch versuchen, Dir zu antworten:
ich meine auch, daß die europäische anspruchsloser ist, als die tunesische. Wir sind es gewöhnt, unseren finanziellen Anteil zum Familieneinkommen beizusteuern. Wir erwarten kein Gold, keine riesigen Geschenke. Wir wollen einfach nur unsere Liebe leben. Das hat aber seine Gründe. Wir suchen uns unsere Männer selber aus und wollen ihn um seiner selbst Willen und nicht, weil er ein Haus, ein Auto oder irgendwelche materiellen Güter besitzt. Einen Mann brauchen wir nicht zur Sicherung unserer Existenz, das erledigen wir selber. In Tunesien wird allgemein geglaubt, daß wenn ein Mann die obligatorischen Geschenke nicht erbringen kann, er die Frau und eben später auch die zu gründende Familie nicht finanzieren kann und somit die traditionelle Rolle des Ernährers nicht übernehmen kann. Deshalb muß ein Mann der Familie der Frau durch diese Dinge erstmal beweisen, daß er in der Lage ist, eine Familie zu ernähren. Die Entwicklung geht aber zur Zeit dahin, daß man merkt, daß ohne die finanzielle Beteiligung der Frau am Familieneinkommen kein Durchkommen mehr ist. Die Ausbildung der Frauen wird forciert und eine spätere Mitarbeit wird immer selbstverständlicher. Viele Mädchen arbeiten mittlerweile in allen möglichen Berufen, aber eben noch lange nicht alle. Es herrscht oft noch das Denken: "Meine Tochter/Schwester etc. hat es nicht nötig zu arbeiten!" Vor ca. 40 Jahren gab es dieses Denken auch hier bei uns noch, das hat sich aber aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Situation drastisch geändert, ändern müssen. Ich denke, daß die Entwicklung in Tunesien genauso ablaufen wird. Die Berufstätigkeit der Frauen wird sicher unterschiedlich bewertet. In den Dörfern ist sie noch lange nicht selbstverständlich, doch in den Städten wird es immer normaler, daß die Frauen genauso mitarbeiten. Die Frauen, die ich kenne, arbeiten in der Regel nicht, weil ihre Männer noch so im traditionellen Denken verwurzelt sind, daß es ihnen nicht erlaubt wird, obwohl sie gern arbeiten würden.
Die "Alten" haben natürlich noch einen Rieseneinfluß auf die junge Generation. Es gibt in Tunesien Dinge, die aus Respekt vor den Eltern gemacht werden, obwohl man meint, daß es der totale Schwachsinn ist. Es wird einfach gemacht, weil es die Eltern so wollen. Ein Denken, daß bei uns schon lange abgeschafft wurde. Man fragt sich bei uns nach dem Sinn der Dinge und entscheidet dann rational seine Angelegenheiten selber. In Tunesien läuft das eben noch anders, aber auch hier gibt es zwischenzeitlich eine Entwicklung, die davon wegführt.
Um nochmals auf die Eingangsfrage zurückzukommen: wenn ich den Schmuck meiner weiblichen Verwandten mit dem meinen auf die Wagschale legen, dann schneide ich da verdammt schlecht ab - mal ganz abgesehen davon, daß ich mir den meisten Schmuck selber gekauft habe. Nur muß ich auch nicht mit irgendwelchen Goldringen, Armbänder etc. vor den Nachbarn bestehen. Bei uns sind andere Dinge wichtig. Alles eine Frage der Priorität und der Denkweise.
LG Anna