@steif: Ich kann im Moment nicht zu allem schreiben, was Du ausgeführt hast. Danke für Deine Offenheit. Einen Punkt möchte ich rausgreifen, über die andern muss ich noch nachdenken.
Ich habe im Februar viele Leute kennengelernt, die nicht glücklich waren mit ihrer Situation und mir gesagt haben, sie wollen nach Deutschland, komme was wolle.
Ich habe ihnen zu bedenken gegeben, dass sie in Tunesien ein gut funktionierendes soziales Netz von Freunden, Bekannten und Verwandten haben, das ihnen in Deutschland wegbricht und das hier auch schwer aufzubauen ist. Dass sie abhängig sein werden von allen möglichen Leuten, so lange sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind.
Dass sie hier erst recht so schnell nicht den gelernten Beruf ausüben können werden, weil es an der Sprache mangelt. Und dass sie in Deutschland den Horror kriegen werden, wegen dem Wetter (sie waren schon fertig, wenn Wind aufkam im Februar).
Und dass sie absolut keine Vorstellung haben, was man in Deutschland verdient, aber dann auch für die Lebenshaltung ausgeben muss, was mit Aushilfsjobs in einer Stadt in München nur unter großer Kraftanstrengung zu schaffen ist. Und dass sie sich Deutschland erstmal anschauen sollten, wenn sie die Möglichkeit haben, bevor sie sich entschließen hierher zu kommen. Im Juni habe ich in Mahdia eine Halbtunesierin aus Sfax kennengelernt, die ich befragte, wie es als Kind eines binationalen Paars in Deutschland so gewesen ist. Sie meinte nach den Erfahrungen, die sie mit ihren Eltern gemacht habe, sie würde nie einen Tunesier heiraten. Nicht, weil sie ihren Vater nicht liebt, sondern weil ihr Vater in Deutschland psychisch zu Grunde gegangen ist. Er hat zu trinken angefangen, weil er beruflich in D auf keinen grünen Zweig gekommen ist und weil ihm die Freunde und Verwandten gefehlt haben. Er habe Frau und Kinder geschlagen (wegen dem Alkohol, nicht wegen dem Glauben)Und nun nach 25 Jahren ist die Ehe gescheitert und er ging wieder zurück nach Sfax. Er hatte sich immer vorgestellt, ein haus in Tunesien zu bauen, wenn er in Deutschland arbeitet. Aber das Geld hat nie gereicht und mit der Trinkerei dann schon gleich gar nicht. Ich fand das sehr traurig.
Und wenn ich mir überlege, was an Tunesien so liebenswert ist, dann ist es unter anderem eben die Familienbande, auf die man sich verlassen kann, dass die Alten nicht abgeschoben werden etc. Dass das auch seine nachteile hat, hast Du ja an Deinem persönlichen Beispiel aufgezeigt.
Den Bogen zu spannen zwischen beiden Kulturen und möglichst das positive aus beiden für die Ehe herauszuziehen, ist für mich eine Aufgabe, der ich persönlich nie gewachsen wäre. Daher auch meine Bewunderung.
Was nun den traurigen Eindruck angeht, den Dein Beitrag auch bei mir hinterlassen hat. Ich hab was für Dich gefunden, das Dich vielleicht ein wenig aufmuntert:

Zitat:
Geh wohin dein Herz dich trägt

Jedesmal, wenn du dich verloren fühlst, verwirrt,
denk an die Bäume, an ihre Art zu wachsen.
Denk daran, dass ein Baum mit einer grossen Krone
und wenig Wurzeln beim ersten Windstoss umgerissen wird,
während bei einem Baum mit vielen Wurzeln
und kleiner Krone die Säfte nicht richtig fliessen.
Wurzeln und Krone müssen gleichermassen wachsen,
du musst in den Dingen und über den Dingen sein,
nur so wirst du Schatten und Schutz bieten können,
nur so wirst du zur rechten Jahreszeit blühen und Früchte tragen können.
Und wenn sich dann viele verschiedene Wege vor dir auftun werden,
und du nicht weisst, welchen du einschlagen sollst, dann überlasse es nicht dem Zufall, sondern setz dich und warte. Atme so tief und vertrauensvoll, wie du an dem Tag geatmet hast, als du auf die Welt kamst, lass dich von nichts ablenken, warte, warte noch. Lausche still und schweigend auf dein Herz. Wenn es dann zu dir spricht, steh auf und geh, wohin es dich trägt.

(aus Susanna Tamaro: Geh wohin dein Herz dich trägt. S 189)

zufällig gefunden auf der Seite: http://www.besser-leben-mit-tinnitus.de/index.html?/spuren_im_sand.htm

Liebe Grüße, Khomsa