Rym
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Benutzer # 1030
erstellt am: 28-08-2002 09:05
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Hallo liebe Leutchen,
zunächst einmal muß ich ehrlich zugeben, dass ich Karims und Grazies Wortspiele zum Thema Mitbringsel aus TN doch sehr sehr gelungen fand! Äußerst humorvoll! Hat mich am frühen Morgen richtig aufgeheitert. Aber an Schlagfertigkeit mangelt es Karim ja sowieso nicht !!
Aber nun auch was zum Thema schwierigkeiten in einer binationalen Ehe, Scheinehe usw.
Auch ich bin seit 3 Jahren mit einem Tunesier verheiratet und wir haben eine 16 Monate alte Tochter. Allerdings bin ich hier scheinbar eine der wenigen, die ihren Mann/Freund nicht im Urlaub kennengelernt hat.
Ich habe 1, 5 Jahre in Tunis gearbeitet und hatte somit genug Zeit meinen Mann sehr gut kennenzulernen und habe dort 1 Jahr lang bereits mit ihm zusammen gewohnt. Auch seine Familie kenne, liebe und schätze ich sehr! Sie sind einfach spitze, warmherzig, weltoffen, modern und vor allem akzeptieren, und lieben sie auch mich und, was vielleicht noch viel wichtiger ist, respektieren sie mich sehr. Meine Schwiegermutter ruft mich häufig auf meinem Handy an, fragt mich um Rat, erzählt mir ihre Freuden und Sorgen usw. Wenn ich bei "meiner Familie" in Tunesien bin, bin ich wirklich zu Hause und es wird von mir erwartet, dass ich mir meine Sachen selbst aus dem Kühlschrank nehme,wenn ich Durst habe, dass ich schimpfe, wenn ich böse auf jemanden bin, dass ich im Jogging-Anzug vor dem Fernseher hocke und und und..eben so bin wie die eigene Tochter.
Mein Mann hat sich seit Beginn unserer Beziehung nicht im geringsten verändert. Er ist immer noch wie früher: aufmerksam, liebvoll, ein toller Vater und vor allem auch mein bester Freund.
Klingt toll, nicht wahr?
ABER: Es gibt hunderte von Problemen, die uns beide jedesmal so zur Verzweiflung bringen, dass wir die ganze Nacht über diskutieren. Äußere Gegebenheiten machen eine Ehe mit einem Ausländer in Deutschland wirklich zu einem Drahtseilakt. Es fängt allein mit der Sprache an. Sich im Deutschen verständlich zu machen, lernt man u. U. schnell. Aber vernünftig gesprochenes und vor allem geschriebenes Deutsch? Das dauert Jahre. Und dies sind Jahre, die bedeuten, keinen "vernünftigen" Job zu finden. Also bleiben nur noch jobs als Verlader, in der Gastronomie, Putzen..und das auch noch mit ziemlich vielen niveaulosen, ungebildeten Leuten, denen Anstand und Respekt ein Fremdwort ist. Das macht keinen Mann glücklich. Dann kommt das Thema Freunde und Familie: die anfängliche schockierte Reaktion verfliegt zwar teilweise, doch der argwöhnische Blick verfolgt diese Beziehungen ein Leben lang. Das bedeutet: Probleme, die in jeder Beziehung vorkommen, werden von allen gleich hochgeschraubt, auf die verschiedenen Kulturen dezimiert ( "das kommt, weil er Moslem ist/ es so gewohnt ist/habe ich Dir ja gleich gesagt"), so dass objektive Ratschläge Rarität sind und man ständig in die Verteidigungsfalle tappt, und versucht, in der Öffentlichkeit 110% die ungetrübte Beziehung präsentieren muß. Das strengt an!
Dann die schwierige Frage mit der eigenen Identität: Eine normale moderne Beziehung zu führen, sprich gemeinsam in die Diso zu gehen, mit Freunden zu trinken, alleine zur Fete der besten Freundin zu gehen...das ist auch für die meisten Tunesier ok.... aber: Die Diskussion zu alleinigen Dienstreisen, Verabredungen mit den sog. besten männlichen Freunden führen aufgrund der verscheidenen Kulture´n und natürlich auch gelebten Gewohnheiten immer ins Leere; auch gibt es hier wohl keine Kompromißlösung..
Dann das wohl schwierigste: die Erziehung der Kinder, speziell einer Tochter..
Für den Mann und die tunesische Familie ist sie ja allein schon aufgrund ihrer Herkunft Muslimin...ist für mich auch vollkommen ok. Aber: der eigenen Familie dies klar zu machen (Reaktion: die arme, aber sie lebt doch hier!!) führt wieder zur Verteidigungsfalle...
In der Theorie ist das alles auch noch gut, aber in der Praxis: dem Kindergarten klarmachen, dass sie doch muslimisch ist und auf keinen Fall Schweinefleisch essen darf, der Oma, die das natürlich super schwachsinnig findet, das gleiche klarmachen (...muß sie jetzt auch noch bald ein Kopftuch tragen???)...Wie sieht es aus bei Klassenfahrten: Ich als Deutsche, die dieses immer als absolutes Highlight der Schulzeit betrachtete, soll nun meiner Tochter selbiges untersagen? Für meinen Mann wäre es aber ein mehr als seltsames Gefühl, seine brave geliebte Tochter im Alter von 16 Jahren mit Bier saufenden Kalssenkameraden, die gerade ihre ersten Anmachversuche starten auf Klassenfahrt zu schicken. Ich denke: was hat der eigentlich..war ich ja schließlich auch..und bin trotzdem ein anständiges Mädel geblieben..tja, auch hier liegt eine Lösung, bei der beide sich wohl fühlen, in weiter Ferne. Dies sind nur wenige Eindrücke, mit welchen Problemen eine binationale Familie konfrontiert ist..
Es erfordert sehr viel Energie, Einfühlungsvermögen, Respekt, Toleranz und vor allem Liebe, um bei diesem Drahtseilakt nicht abzustürzen
Da ist die Regelung der Einreise nur die spitze eines riesigen Eisberges, der im nördlichsten Polarmeer stehr und niemals schmilzen wird...
Ich bin zwar sehr sehr glücklich mit meiner Familie, doch rate ich jeder, den Schritt zur Ehe noch einmal gründlich und vor allem lange gemeinsam zu durchdenken...und die rosarote Brille, das Strandlaken, die sonnencreme und die Cassete mit "Euren Liedern" aus welcher Disco auch immer in einer Kiste mit dem Namen Urlaubssouvenirs zu verstauen und mal mit offenen Augen und wachem Verstand durch die tristen deutschen Straßen zu laufen..
Liebe Grüße
Rym