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Gunther von Hagens' „Körperwelten“: Schluß damit
Von Lorenz Jäger
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20. Januar 2004 "Ja, super, ich wußte gar nicht, daß Menschen so aussehen." So lautete der Eintrag der achtjährigen Lisa in das Gästebuch der Ausstellung "Körperwelten", als diese in Berlin gezeigt wurde. Derzeit gastiert die Leichen-Schau im Frankfurter Stadtteil Fechenheim. Das örtliche "Best Western"-Hotel empfiehlt den Schulklassen angesichts des erwarteten Besucherstroms eine zeitige Anmeldung. Der schweizerische Lehrerverband LCH hatte, als Gunther von Hagens in Basel gastierte, seinen Mitgliedern den Lehrausflug zur Ausstellung empfohlen - unter der Bedingung, "daß dieser professionell vorbereitet werde".
Aber welche Profession wäre denn zuständig für das, was Gunther von Hagens zeigt, für seine neckisch aufgemachten Leichen, die grinsend, einmal in der Pose des nachdenklichen Schachspielers mit aufgeschnittenem Schädel, ein anderes Mal als Freak, von dessen Hirnschale nur ein Irokesen-Rest geblieben ist, dem Publikum gezeigt werden? Der Wunsch, den Ausflug mit den Kindern "professionell vorzubereiten", bedeutet in Wahrheit das Eingeständnis der Unmündigkeit: Das eigene moralische Urteil wird an vermeintliches Expertenwissen abgeschoben.
Frevelhafte Neugier statt wissenschaftliches Interesse
Der Mann, der sich als Künstler gibt und stets mit einem Joseph-Beuys-Hut auftritt, ist Unternehmer. Sein Geschäft mit der Fabrikation von Leichen hat sich bisher gelohnt. Rund dreizehn Millionen Besucher hat er weltweit anlocken können, unter ihnen waren nach von Hagens' eigenen Angaben zwei Millionen Kinder. "Jugendgerecht konzipiert" sei die Ausstellung, erklärte er in einem Interview. Gerade wird in China ein Paar hergestellt, das auf dem Eis tanzt, ein kopulierendes Paar soll folgen. Sein Ziel ist ein "Menschenmuseum". Er sieht sich als Wissenschaftler, der die Ergebnisse der anatomischen Forschung "demokratisiert", in der Nachfolge von Leonardo da Vinci und dem Barock-Anatomen Vesalius.
Andere Vergleiche liegen näher. Die Leichen des Gunther von Hagens kommen, wie der "Spiegel" in seiner aktuellen Ausgabe belegt, durchaus nicht nur von willigen Spendern, sondern unter anderem aus chinesischen Straflagern. Es waren, mindestens bis zum Jahr 2002, Hingerichtete. Manche hatten ein Loch im Schädel, andere einen gebrochenen Hals. Der kommunistische Staat verkaufte sie. Der Meister aus Deutschland betreibt im chinesischen Dailan ein internationales Großunternehmen, die "Von Hagens Plastination Ltd.", wo die Leichenpräparation wie am Fließband stattfindet.
Man wird an das Äußerste der menschlichen Verworfenheit erinnert: vielleicht nicht direkt an die Menschenversuche der NS-Medizin, aber doch an jene Ärzte, die sich Kommissarschädel von der Ostfront kommen ließen, um anthropometrische Daten über den Typus des Bolschewisten zu erheben. Im Lager Buchenwald soll es Lampenschirme aus Menschenhaut gegeben haben, die in dem Nachkriegs-Verfahren gegen die Aufseherin Ilse Koch eine Rolle spielten. Solche frevelhafte Neugier ist es, die von Hagens demokratisiert - wissenschaftlich sind seine obszönen Massenveranstaltungen ohne Belang.
Mut, den Frevel beim Namen zu nennen
In Deutschland haben mehr als fünf Millionen Menschen die "Körperwelten" besucht, bald werden es womöglich zehn Prozent der Bevölkerung sein. Gefolgt wird die Bundesrepublik von Südkorea und Japan. Zur Ehre des Islam und des Judentums sei es gesagt: In den von ihnen dominierten Ländern wäre das Unternehmen des Gunther von Hagens ein Ding der Unmöglichkeit. Und vielleicht - das ist die einzige Hoffnung, die man gegenwärtig haben kann - wird das massive, aber vage Unbehagen an dieser aktuellsten Form der Kulturindustrie jene, die es verspüren, dazu nötigen, den Quellen dieses Unbehagens auf den Grund zu gehen. Sie werden dabei auf Fragen stoßen, die nach einer religiösen Antwort verlangen. Es ist die Chance für die Kirchen, aus ihrer Selbstvergessenheit zu erwachen und mit der christlichen Idee die Menschen wieder zu erreichen.
Der Artikel 1 des Grundgesetzes sagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Aber kann die Intuition, daß die menschliche Würde durch Gunther von Hagens in beispielloser Weise verletzt wurde, juristisch faßbar gemacht werden? Die Heidelberger Oberstaatsanwältin Elke O'Donoghue erklärte gestern, man prüfe die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens: Möglich wäre ein Strafverfahren wegen Störung der Totenruhe. Darauf stehen bis zu drei Jahren Haft.
Viel zu lange hat man hierzulande das Geschäft mit den Toten zugelassen. Wir haben uns daran gewöhnt, daß unter dem unverfänglichen Titel der Kunst alles möglich und folglich auch zu dulden ist. Aber diese Gesellschaft braucht den Mut, den Frevel beim Namen zu nennen. Sie braucht die Energie und das Selbstbewußtsein, etwas oder auch jemanden auszuschließen. In diesem Fall Gunther von Hagens. Sonst wird man eines Tages die Lampenschirme von Buchenwald ausstellen, und eine andere Achtjährige wird dann ins Gästebuch schreiben, daß sie bisher gar nicht gewußt habe, wie menschliche Haut aussieht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2004, Nr. 16 / Seite 33
Bildmaterial: dpa
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