SPIEGEL ONLINE - 16. Januar 2004, 17:49
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http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,282307,00.html Afghanischer Film "Osama"
Ansatz zur Aufarbeitung
Von Oliver Hüttmann
In Saddiq Barmaks "Osama" tarnt sich ein junges Mädchen als Knabe, um der Unterdrückung durch das Taliban-Regime zu entgehen. Der erste größere Film, der seit Ende des Krieges aus Afghanistan kommt, orientiert sich stark am westlichen Kino - im positiven, wie im negativen Sinne.
Delphi Film
Mädchen Osama (Marina Golbahari, r.): Die 12-Jährige soll den Lebensunterhalt verdienen
Der erste Film aus Afghanistan seit dem Untergang der Taliban. So annonciert der deutsche Verleih Delphi den Film "Osama" von Siddiq Barmak, Regisseur und Filmbeauftragter der neuen afghanischen Regierung. Und weil Marketing längst wichtiger ist, als nur einen guten Kinofilm zu zeigen, wurde noch die reißerische Zeile "Der Film, den es bis jetzt nicht geben konnte" dazu gesetzt. Derart politisch korrektes Marktgeschrei wirkt schon etwas lächerlich. Vielleicht heißt es demnächst, "Der 1000. Film, der in China zensiert wurde". Und wie mag es wohl klingen, wenn der erste Film seit dem Untergang von Saddam Hussein kommt?
"Osama" handelt nicht von Osama bin Laden, wie wohl jeder zunächst vermuten würde. Den Namen gibt eine Mutter (Zubaida Sahar) ihrer Tochter (Marina Golbahari), nachdem sie ihr die Haare abgeschnitten hat. Gekleidet wie ein Junge, soll die 12-Jährige den Lebensunterhalt verdienen und auch sonst das Überleben der Mutter und Großmutter sichern. Unter dem Taliban-Regime war Frauen nicht nur das Arbeiten verboten, sie konnten auch eingesperrt oder gar erschossen werden, wenn sie auf der Straße ohne männliche Begleitung angetroffen wurden. Der Bruder und der Mann der Mutter sind in den afghanischen Bürgerkriegen gefallen - als Märtyrer, wie sie immer wieder verzweifelt betont, wenn sie jemandem um Hilfe bitten muss.
Osama darf bei einem alten, armen Milchverkäufer aushelfen, der sie mit einer Melone oder einem Brot entlohnt. Der steht ihr - notgedrungen - auch bei, als sie mit anderen Männern zum Gebet in die Moschee und zu rituellen Waschungen an den Fluss muss. Osama, der vermeintliche Knabe, kennt sich damit nicht aus, macht Fehler und wird bald argwöhnisch beäugt. Kritisch wird es aber erst, als die Taliban eines Morgens alle Jungen zur Koranschule abkommandieren. Die toben herum und spielen auf alten Panzern, nur Osama steht ängstlich da und wird schon bald gehänselt. Sie steht unter dem Schutz von Espandi (Mohammad Arif Herati), einem Bengel, der in den Gassen von Kabul mit einem Weihrauchschwenker gute Wünsche verkauft. Dennoch fliegt schließlich die Tarnung des Mädchens auf, als es bei einer Mutprobe versagt und bitterlich anfängt zu weinen.
Delphi Film
Kurzer Scherenschnitt: Osama (Marina Golbahari, l.) wird zum Jungen
"Die Menschen haben ihren Verstand in den Augen. Sie glauben das, was sie sehen", sagt die Großmutter einmal zu ihrer Enkelin und erzählt ihr ein Märchen von einem Jungen, der nicht mehr arbeiten wollte, unter einem Regenbogen hindurch ging und zum Mädchen wurde. Die Metamorphose des Mädchens ist erstaunlich. Marina Golbahari, eine Laienschauspielerin wie alle Darsteller im Film, verwandelt sich nach ein paar Scherenschnitten und szenischen Cuts tatsächlich in einen Jungen. Aber womöglich will man es auch so sehen, weil man um dieses feingliedrige Wesen mit den berückenden, verstörten Augen die ganze Zeit bangt.
Die Geschichte ist eine gewagte Konstruktion mit stark märchenhaften Zügen, doch Barmak versteht sein Handwerk. Er setzt anrührende poetische Momente und bleibt dennoch einem dokumentarischem Stil verpflichtet. Die Anschlüsse, Bildgestaltung und Dramaturgie sind makellos. Das muss erwähnt werden, da mancher aus Afghanistan eventuell das Gegenteil erwartet. In Frankreich hat Barmak den Mention-Spéciale-Preis erhalten, den man allerdings eher als ein Schulterklopfen verstehen muss wie die Fellini-Medaille der Unesco.
Gleichwohl orientieren sich Aufbau und Ablauf stark am westlichen Standard, wenn nicht sogar an Hollywood. Der Blick aufs Afghanistan der Taliban bleibt eingeschränkt, emotional und behandelt mit der Unterdrückung der Frauen jenen Aspekt, der an linksintellektuellen Gesinnungsstammtischen oder bei Partygesprächen am ehesten bekannt war und empört hat. Damit kann im Ausland jeder etwas anfangen, und dafür scheint "Osama" gedreht worden zu sein. Religiöse und historische Hintergründe bleiben unerwähnt, bis auf die offensichtliche Doppelmoral der islamischen Eiferer gibt es darüber keine Auseinandersetzung. Es wäre zugegebenermaßen auch kompliziert gewesen.
Nebenbei werden ein Reporter und eine Ärztin aus Europa liquidiert, das gewiss vorgekommen und auch zu verurteilen ist, hier aber wie plumpe Stimmungsmache anmutet. Andererseits wird die Schreckensherrschaft der Taliban sehr viel grausamer gewesen sein, als Barmak es sich zu zeigen traut. Zuweilen wirken die Bartträger nur wie Blockwarte.
"Osama" ist ein Ausschnitt, ein Anfang, ein wichtiger Ansatz zur Aufarbeitung der jüngsten afghanischen Geschichte. Das dieses Land sich der Welt öffnen soll und muss, symbolisiert Barmak auch mit einem doppeldeutigen Schlussakt: Ein greiser, lüsterner Mullah, mit dem das Mädchen zur Heirat gezwungen wird, gibt ihr als Hochzeitsgeschenk ein Vorhängeschloss.
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Osama Afghanistan/Japan/Irland 2003. Regie/Buch: Siddiq Barmak. Darsteller: Marina Golbahari, Mohammad Arif Herati, Zubaida Sahar, Mohammad Nadre Khwaja, Hamida Refah. Produktion: Barmak Film, LeBrocquyFraser, NHK. Verleih: Delphi. Länge: 83 Minuten. Start: 15. Januar 2003
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Zum Thema:
Im Internet: · Osama - offizielle deutsche Website zum Film
http://www.osama-derfilm.de/