Gastarbeiter

Vor 50 Jahren unterzeichneten die deutsche und italienische Regierung die Vereinbarung "über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften". 1955 zeigte das Wirtschaftswunder, was in ihm steckte. Waren im Jahr zuvor noch mehr als eine Million Menschen oder sieben Prozent in der Bundesrepublik arbeitslos gemeldet gewesen, sank ihre Zahl 1955 auf 5,6 Prozent - bei 220 000 offenen Stellen.

Interessenten für schwere körperliche Arbeit waren kaum noch zu finden. In dieser Situation wurde eine Forderung von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU) wieder aktuell, der einer "Hereinnahme" italienischer Arbeitskräfte das Wort redete.

Am 20. Dezember 1955 wurde eine entsprechende Vereinbarung in Rom unterzeichnet.


Zunächst sollten 100 000 Italiener pro Jahr angeworben werden. Die Bundesanstalt für Arbeit richtete dafür in Verona (später auch in Neapel) eine "Deutsche Kommission" ein. Das Verfahren war aufwendig. Die Bewerber hatten nicht nur zahlreiche offizielle Bescheinigungen vorzulegen, sondern mußten auch medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen, in denen sie auch nach "Bewußtseinsstörungen" befragt wurden.


Ursprünglich war man davon ausgegangen, daß die "Gastarbeiter" rotieren, also nach Ablauf eines Jahres wieder in ihre zumeist süditalienische Heimat zurückkehren würden. Das hätte, wie ein Kommentator bemerkte, den Vorteil gehabt, daß bei "eventueller Arbeitslosigkeit in Deutschland die ausländischen Arbeiter wieder zurückgeschickt werden könnten ".


Tatsächlich wurden ähnliche Vereinbarungen wie mit Italien auch mit Spanien, Portugal, Jugoslawien, Griechenland, Marokko, Tunesien und der Türkei geschlossen. 1973 zählte man 2,6 Millionen Gastarbeiter in Deutschland.


Vielleicht zehn Prozent von ihnen, so die Annahme, würden bleiben. Doch diese Rechnung erwies sich als falsch. Zwar kehrten von den 3,75 Millionen Italienern, die bis 1993 nach Deutschland kamen, drei Millionen wieder zurück. Aber bei Migranten aus ärmeren Heimatländern lagen die Dinge anders. Selbst wenn sie den Wunsch auf Rückkehr einmal gehabt hatten, so macht ihn die rauhe Wirklichkeit zunichte. Viele blieben und holten ihre Familien nach: Beispiele dafür, daß das Wandern aus wirtschaftlichen Erwägungen heute so aktuell ist wie zu Zeiten Abrahams.

Die Ausstellung "Migrationen. Zuwanderungsland Deutschland 1500-2005" im Deutschen Historischen Museum, Berlin, bis 12. Febr.; Katalog 22 EUR. see


Artikel erschienen am Di, 20. Dezember 2005