Abgesehen von ‚gängigen’ Familienproblemen gestaltet sich der Alltag von deutsch-tunesischen Familien nicht selten konfliktreich. Neben dem Verbot, Schweinefleisch zu essen und Alkohol zu trinken (auch wenn der Vater selbst trinkt), schränken die Väter oft die Kleidungsfreiheit ihrer Töchter ein. Auch Discobesuche sind diesen meist untersagt, genauso wie freundschaftliche Beziehungen zu Jungen. Partnerschaften sind meist tabu, weshalb sie geheim gehalten werden. Schaut die Familie gemeinsam TV, wird bei jedem Zungenkuss u. Ä. der K**** gewechselt. Die ***ualaufklärung wird von den Müttern, bzw. Lehrern übernommen. In Extremfällen sehen die Väter es schon bei 5-jährigen Mädchen nicht gerne, wenn sie mit Jungen spielen.
Jungen aus deutsch-tunesischen Ehen dürfen oft ebenfalls nicht lange ausgehen, haben jedoch mehr Freiheiten als Mädchen.
Schulprojekte, Schwimmunterricht oder Klassenfahrten stellten hingegen bei keinem der Befragten ein Problem dar.
Die Kinder werden sehr behütet; solange sie nicht heiraten, kommt Ausziehen nur aus beruflichen Gründen in Frage.
Zur strengen Erziehung können meines Erachtens zwei Gründe vorgeschlagen werden:
- Väter, die schon lange in Europa leben nehmen die Entwicklung der tunesischen Gesellschaft nicht wahr und erziehen ihre Kinder ‚traditionell’ ohne sich bewusst zu sein, dass sie auf diese Weise konservativer als manche heutige Tunesier sind (im Kindergartenalter z. B. ist es in Tunesien vollkommen üblich, dass Mädchen und Jungen miteinander spielen).
- Das Ansehen der Familie spielt im Verhalten der Väter eine Schlüsselrolle. Sie fühlen sich, um ihren guten Ruf in Tunesien zu bewahren, verstärkt verpflichtet, Außenstehenden zu zeigen dass sie ihre Kinder trotz ihrer ausländischen Ehepartnerin muslimisch erziehen und ihnen die tunesischen Werte vermitteln.
In manchen Fällen ist zu beobachten, dass die Väter mit der Zeit liberaler werden. Jüngere Kinder genießen eine freiere Erziehung als ihre älteren Geschwister (die soz. als ‚Vorkämpfer’ fungierten). Oft verteidigen auch die Mütter die Rechte ihrer Kinder, was teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Vater führt.
Bei den Befragten flossen ebenfalls viele deutsche Elemente in die Erziehung mit ein. Besonders häufig sind deutsche Kinderlieder und das Gestalten eines Abendrituals vor dem Schlafengehen. Plüschtiere haben meist deutsche Namen, bzw. ‚verdeutschte’ arabische Vornamen („Slimlein“ z. B., von „Slim“). Auch beim Fernschauen bevorzugen die Kinder deutsche Kanäle; oft verstehen sie den Text der tunesischen Kindersendungen zudem nicht (Hocharabisch).
Die besten Freunde der Kinder sind in Tunesien oft andere Kinder aus europäisch-tunesischen Ehen, in Deutschland jedoch nicht selten Ausländer.
Unabhängig davon, wo sie aufgewachsen sind, möchten die meisten Befragten ihnen zukünftigen Kindern arabische Namen geben.